Zwischen Mitleid und Erschrecken

Pocket Opera mit „Those Who Speak in a Faint Voice“ von Andrea Molino und Oliviero Toscani


(nmz) -

Vor drei Jahren sorgte die agile Pocket Opera aus Nürnberg für Diskussionsstoff mit dem Stück „The Smiling Carcass“ von Andrea Molino, in dem es um das problematische Verhältnis von Werbung und Moral ging. Pikant war damals, dass Stoff und Bildmaterial von Oliviero Toscani stammten, dem Urheber der umstrittenen Werbekampagnen der Firma Benetton. Auch bei der jüngsten Produktion der Pocket Opera arbeiteten die beiden Italiener nun wieder zusammen. Diesmal ging es nicht um Werbung und Klamotten, sondern um das heikle Problem der Todesstrafe. Das Ausgangsmaterial bilden Videoaufnahmen, die Oliviero Toscani in den Todestrakten amerikanischer Gefängnisse machte. Ruhige, genaue Bilder, kühl und kommentarlos, aber nicht ohne Anteilnahme beobachtet. Häftlinge, die seit Jahren auf ihre Hinrichtung warten, antworten vor der Kamera auf Fragen wie „ Was träumen Sie?“, „Wie sind die Geräusche hier?“, „Wie empfinden Sie die Zeit?“ Man hört sie sprechen, sieht in ihre Gesichter, blickt in die Zellen, hört den allgegenwärtigen metallischen Lärm der schließenden Türen. Sprache und Bild konzentrieren sich ganz auf den Lebensalltag, politische und juristische Themen sind bewusst ausgeklammert.

Ein Artikel von Max Nyffeler

Aus 36 Stunden Aufnahmematerial destillierte Molino eine Auswahl von meist sehr kurzen Sequenzen und montierte sie zu einer Klang-Bild-Polyphonie auf fünf Kanälen. Seine Musik ist eng damit verzahnt. Sie reagiert auf die Bilder mit kurzen Einwürfen, die die Aussagen der Häftlinge quasi rezitativisch gliedern, mit improvisatorischen Kommentaren des Saxophons, mit aggressiven Ausbrüchen des reichhaltigen Schlagzeugs. Immer wieder wird der Tonfall in subtile Bereiche zurück genommen. „Those Who Speak in a Faint Voice“ („Die mit leiser Stimme reden“), heißt das Stück und tatsächlich sprechen die Todeskandidaten mit seltsam tonloser, gedämpfter Stimme über sich und ihr Schicksal – Ausdruckswerte die den Grundcharakter des Stücks prägen. Eine Solistenrolle hat der Vokalist David Moss. Als Sprecher trägt er themenbezogene Texte von Shakespeare bis Erich Fromm vor, und wo er improvisiert, vermischt sich sein zurückgenommener Vokalklang mit den instrumentalen Kommentaren und verlängert so die Stimmen der Häftlinge in die Musik hinein.

Molino nennt das Werk, das ein Jahr nach der konzertanten Premiere in Basel nun in Nürnberg seine szenische Uraufführung erlebte, eine Videoinstallation. Aufführungsort war der Innenhof eines Nürnberger Geschäftshauses aus den dreißiger Jahren mit Längsgalerien, die von ferne an die vergitterten Gänge eines Gefängnisses erinnern. In der Mitte des Raums hing die große, transparente Projektionswand, darum herum waren die elf Musiker des Ensemble Phönix aus Basel und das Publikum postiert. Ein mit wenigen Requisiten hantierender Schauspieler brachte eine weitere Textebene ins Spiel: Aussagen von Befürwortern und Gegnern der Todesstrafe, auch von Angehörigen von Opfern. Peter Wyrsch, Regisseur und Leiter der Pocket Opera, hatte sie von Amnesty International erhalten und in das Stück eingebaut, um die Perspektive zu öffnen und das Publikum zum Nachdenken anzuregen.

Vielleicht geriet Molino manchmal etwas zu stark in den Sog des suggestiven Bildmaterials, wodurch zwar packende Wechselwirkungen zwischen Bild und Ton entstanden, die Gestaltung des großen Bogens aber etwas vernachlässigt wurde. Doch das Werk vermag durchaus zu fesseln. Nicht zuletzt dank der Ambivalenz der Musik schwankt der Besucher immer wieder zwischen Mitleid und Erschrecken, zwischen der Identifikation mit den einsamen, auf ihre Schuld zurückgeworfenen Gestalten und der Beklemmung über die Nähe zu ihnen. Einige Male sind in diesen Bildern der Mörder und der Heilige ganz nah beieinander.

Das Stück, das im Rahmen einer Nürnberger Aktionswoche gegen die Todesstrafe uraufgeführt wurde, geht im nächsten Jahr auf eine internationale Tournee nach Mailand, Tokyo, Seoul, Wien und New York. Der Termin der New Yorker Aufführung ist mit Bedacht gewählt: Sie soll zum Zeitpunkt stattfinden, da die Europäische Union bei der UNO einen Vorstoß zur internationalen Ächtung der Todesstrafe unternimmt.

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