Zwischen Welten und Werken

Philosophisch, politisch und manchmal alltäglich: der Warschauer Herbst 2011


(nmz) -
Eine der wichtigen Fragen, die sich heute stellen, ist die, was die Neue Musik mit der Welt zu tun hat, in der wir leben? Wie reflektiert sie unseren Lebensalltag? Wie mischt sie sich ein? Der Warschauer Herbst widmete sich in diesem Jahr solchen Werken, die Probleme ansprechen und Stellung beziehen, Werken mit einem politischen, philosophischen und manchmal auch ganz alltäglichen Hintergrund.
Ein Artikel von Björn Gottstein

Ein gutes Beispiel war da das „Freizeitspektakel“ von Hannes Seidl und Daniel Kötter, bei dem der Tagesablauf der Sänger, der Neuen Vocalsolisten aus Stuttgart, mit Texten und Positionen der Situationisten konfrontiert wurden, um das Amüsement der modernen Gesellschaft zu hinterfragen. Durch die Videoeinspielungen und Texteinblendungen entstand ein musiktheatralisches Hybrid, das selbst den Charakter eines Spektakels annahm. 

Es waren neben den Vocalsolisten, Seidl und Kötter auch zahlreiche andere deutsche Ensembles und Komponisten in Warschau zu Gast, Ausdruck des engen Verhältnisses der beiden Musikländer, darunter eine Produktion von Heiner Goebbels und das Ensemble Musikfabrik. Bereits zum neunten Mal fand in diesem Jahr auch der European Workshop for Contemporary Music statt, bei dem sich junge Musiker, vornehmlich aus Polen und Deutschland, in Warschau zu einer langen Probenphase treffen, um die Ergebnisse dann im Rahmen des Festivalprogamms vorzustellen. In diesem Jahr hatte man Aufträge an zwei Komponisten vergeben, die eine gewisse Affinität zum Material des Alltags haben. Die polnische Komponistin Agata Zubel integriert in ihr urbanes Klangbild „The Streets of a Human City“ Küchengeräte und Kleingeld, aber auch straßenmusikantische Steeldrums, ein auskomponiertes Verkehrschaos und das strömende Treiben der Stadt. „The Streets of a Human City“ ist eine sinfonische Dichtung im besten Sinne des Wortes, zu der auch intime Moment wie ein Lachen oder ein Räuspern gehören. Gordon Kampes „Zwerge“ hat ebenfalls mit dem täglichen Leben zu tun, diesmal aber das des Ruhrgebiets, mit Gartenzwergen und dem Sample eines aufgebrachten Fußballtrainers. In der für ihn typischen Art montiert Kampe die Versatzstücke zu einem heterophonen Ganzen, das als Abbild des modernen Lebens so abwechslungsreich wie tiefgründig daherkommt. 

Wichtiger noch als die beiden Uraufführungen sind aber wohl die Musiker, die diese Werke spielen. Vor allem für die polnischen Teilnehmer ist die Proben- und Konzertwoche des Workshops ein regelrechtes Abenteuer. Sieht man von vier älteren Mitgliedern, die gemeinsam das Ensemble Kwartludium bilden und die das Gesicht des Workshops seit Jahren prägen, einmal ab, begegnen viele polnische Instrumentalisten der neuen Musik zum ersten Mal. Da die zeitgenössischen Techniken in Polen eher nicht unterrichtet werden, haben sich einige Teilnehmer zum Beispiel via Internet über neue Spielweisen informiert. Man tauscht sich mit dem Pultnachbarn aus und diskutiert in Einzelproben über knifflige Stellen. Rüdiger Bohn, der das Ensemble mit Akribie und viel Geduld in den Proben führt, gelingt es, aus der Gruppe, das Jahr für Jahr fluktuiert, ein Ensemble zu formen, das professionellen Ansprüchen gerecht wird. Für einige polnische Musiker bleibt der Workshop eine einmalige Begegnung mit der neuen Musik, aber viele kommen im nächsten Jahr wieder, um die Neue Musik fest in ihrem Repertoire zu verankern. 

Neben deutschen Musikern und Projekten und zahlreichen polnischen Werken im Programm, waren viele Stücke aus dem nordischen Raum zu hören, aus dem Baltikum und Skandinavien, darunter ein Stück von Lars-Petter Hagen für die Vocalsolisten. Hagen bittet die Sänger, einzeln vorzutreten, um über ihre Stimme zu reden. Ein rührendes, humorvolles und verkuscheltes Stück Musik. Die finnische Komponistin Wennäkoski Lotta greift mit ihrem Monodram „Lelele“ ein brisanteres Thema auf. Es geht darin um verschleppte und zwangsprostituierte Frauen. Das finnische Trio Plus Ensemble begleitet die Sopranistin Pia Freund in diesem beklemmenden Gang durch das Leben einer Frau. Dabei wird allerdings auch deutlich, dass der Musik Grenzen gesetzt sind. Was haben eine virtuose Koloratur oder ein behänder Klarinettenlauf mit dem Schicksal dieser Frau zu tun? Und steht die Neue Musik dem Stoff hier nicht eher im Wege? 

Beklemmend war auch die Aufführung eines wieder entdeckten Hörspiels, das Krzysztof Penderecki in den Sechzigerjahren realisiert hatte und in das er Aufnahmen seiner schaurigsten Instrumentalwerke, darunter zum Beispiel „Threnos“, einwebte. Der Hörspieltext geht auf die Erinnerung von Häftlingen einer Todesbrigade zurück, die während des Zweiten Weltkriegs Leichen ausgraben und verbrennen mussten. Ein unvorstellbar schlimmes Szenario, dass dem Publikum schließlich jede Regung aus dem Körper zog. Völlig erstarrte Minen am Ende des Konzerts, als man sich ton- und wortlos voneinander verabschiedete. Die Neue Musik, so kann man die Eindrücke aus Warschau vielleicht zusammenfassen, hat viel mit der Welt zu tun, in der wir Leben, und den Problemen, mit denen wir konfrontiert werden. Manchmal sogar mehr, als einem lieb sein mag.

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