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Alle Artikel kategorisiert unter »Rainer Nonnenmann«

Uraufführungen 2012/07

02.07.12 (Rainer Nonnenmann) -
„Frei ist die Tonkunst geboren und frei zu werden ihre Bestimmung […] und ihre Empfindung trifft die menschliche Brust mit jener Intensität, die vom ,Begriffe‘ unabhängig ist.“ In seinem visionären „Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst“ (1916) rechnete Ferruccio Busoni mit dem die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts prägenden Parteienstreit zwischen Vertretern der „absoluten Musik“ und der „Programmmusik“ ab. Denn Musik wird durch reinen Formalismus ebenso geknebelt wie durch außermusikalische Programmatik. Dagegen spiegelt Musik „als vollständigster Naturwiderschein“ immer schon Geist, Empfinden und inneren Wiederklang äußerer Ereignisse. Insofern ist dieses „schwebende Kind“ stets zugleich in und außerhalb der Wirklichkeit in Interaktion mit realen Gegebenheiten und anderen Künsten. Auf Dichtung, Malerei, Theater, Religion, Philosophie oder die Musik anderer beziehen sich auch etliche Uraufführungen während der Sommermonate.

Uraufführungen 2012/06

05.06.12 (Rainer Nonnenmann) -
Für den marxistischen Philosophen und Germanisten Georg Lukács hatte Musik die Funktion, den Hörer zu sensibilisieren und in die Lage zu versetzen, „die Wirklichkeit näher und konkreter, intensiver und tiefer, umfassender und detaillierter zu ergreifen, als dies für das Alltagsleben möglich ist.“ („Die Eigenart des Ästhetischen“, Band 1, Neuwied 1963, Seite 665). Und obwohl Theodor W. Adorno mit Lukács ansonsten ständig im Dissens lag, verstand auch er Musik in ähnlicher Weise als „begriffslose Erkenntnis“. Indem er die Auffassung vertrat, die Kulturindustrie scheide alle Kunst entweder in Kitsch, der einzig dem Profit gehorcht, oder in Avantgarde, die jenseits kommerzieller Interessen im Abseits der Gesellschaft steht, sah Adorno Überlegungen, denen es auf die „Entfaltung von Wahrheit“ ankommt, einzig auf die Avantgarde verwiesen: „Philosophie der Musik heute ist möglich nur als Philosophie der neuen Musik.“ („Philosophie der neuen Musik“ (1948), Frankfurt 51969, Seite 19).

Uraufführungen 2012/05

28.04.12 (Rainer Nonnenmann) -
Die Philharmonie Essen hat es bereits getan, die Konzertreihe musica viva des Bayerischen Rundfunks auch, und das Berliner Festival MaerzMusik samt eines mehrtätigen internationalen Symposions jüngst ebenso: John Cage anlässlich seines bevorstehenden 100. Geburtstags am 5. September mit Aufführungen seiner Werke ausgiebig feiern.

Uraufführungen 2012/04

12.04.12 (Rainer Nonnenmann) -
Den Auftakt zur Reformation und der daraus folgenden Kirchenspaltung gab 1517 Doktor Martin Luthers Anschlag von 95 Thesen an die Türe der Wittenberger Schlosskirche. Das ist lange her – und bestimmt dennoch nach wie vor weltweit das Gemeindeleben zahlloser Christen in evangelischen Landes- und Freikirchen sowie die Ökumene von Protestanten und Katholiken. Auf dem Weg zum großen Reformationsjubiläum 2017 rief die Evangelische Kirche in Deutschland bereits 2007 ein „Lutherjahrzehnt“ aus, bei dem man sich zur Vorbereitung auf die Fünfhundertjahrfeier jedes Jahr einem anderen Reformationsthema widmet.

Uraufführungen 2012/02

08.02.12 (Rainer Nonnenmann) -
Alles ist endlich – auch das Universum, das einst in Entropie erstarren wird. Ebenso diagnostizieren Kulturpessimisten überall Schwund und Verfall. Wie die Welt sterben auch Kunst und Kultur einen Wärmetod. Ihre finalen Zerfallsprodukte sind leeres Flimmern und Klingeln. Alles Herausragende, Anspruchsvolle, Besondere, Einmalige wird über kurz oder lang verdrängt durch Konfektionsware, Kitsch und Schund als größtem gemeinsamen Nenner. In den 70ern griff die Haltung schnellen Konsums „ex und hopp“ von Fast-Food-Ketten auf andere Lebensbereiche über. In den 80ern setzten Privatfernsehen, Wegwerf- und Quotendenken die Losung „Erlaubt ist, was gefällt!“ als allgemeinen Konsens durch. Schließlich nivellierten seit den 1990er-Jahren die pseudo-demokratischen Klick-Strukturen des globalisierten Eine-Welt-Marktplatzes im Internet die letzten Unterschiede zwischen Kultur und Entertainment, Kunst und Pop.

Uraufführungen 2011/12

06.12.11 (Rainer Nonnenmann) -
Zum Gedenken an den drei Jahre zuvor verstorbenen argentinisch-deutschen Komponisten wurde am 18. September erstmals der von der Kunststiftung Nordrhein-Westfalen neu eingerichtete „Mauricio Kagel Musikpreis“ zur Förderung experimentellen Musiktheaters verliehen. Gleichzeitig zum ministerialen Düsseldorfer Festakt für den griechisch-französischen Komponisten Georges Aperghis startete in Saarbrücken das „Festival für hinterhältige Musik“ mit einer „Hommage à Mauricio Kagel“, die von dessen Todestag drei Monate lang bis zu dessen achtzigstem Geburtstag am 24. Dezember dauern sollte. Deren Höhepunkt bildet nun am 21. Dezember eine „Lange Kagel-Nacht“ des Ensembles „Grenzpunkt“ der Hochschule für Musik Saar.

Uraufführungen 2011/11

31.10.11 (Rainer Nonnenmann) -
Der Begriff „Parallelgesellschaften“ fällt gemeinhin in Verbindung mit Klagen über Ausgrenzung und mangelnde Integration von Migranten. Zumeist im Plural gebraucht, setzt er voraus, dass es als verbindlicher Maßstab die eine, einheitliche und unteilbare Gesellschaft gäbe. Doch hierzulande und andernorts lehrt die soziale Wirklichkeit, dass es sich bei Ideen einer homogenen Gesellschaft nur um Fiktionen derer handeln kann, denen Scheuklappen den Blick nach links und rechts verblenden.

Uraufführungen 2011/10

06.10.11 (Rainer Nonnenmann) -
Wer kennt sie nicht, die wohlfeilen Vorverurteilungen Neuer Musik, die in der Regel auf allzu punktuellen oder flüchtigen Einlassungen auf dieses den meisten Menschen unbekannte Terrain beruhen, die zuweilen aber auch als vorwurfsvolle Selbstkritik aus dem Inner Circle derjenigen laut werden, die sich professionell mit Neuer Musik befassen: Neue Musik sei selbstgenügsames ästhetizistisches L’Art pour l’art und jenseits aller drängenden Probleme der Zeit im schalldichten Elfenbeinturm nur mit der Selbstbespiegelung ihrer Materialien und eigenen Geschichte beschäftigt, mit der Folge, dass der gleichermaßen von Komponisten, Veranstaltern, Pädagogen, Journalisten und Wissenschaftlern geprägte Fachdiskurs mit seiner oft technizistisch verklausulierten Hermetik für Außenstehende kaum Einstiegsmöglichkeiten und Zugänge gestatte.

Die Jungen der alten Neuen Musik

05.09.11 (Rainer Nonnenmann) -
Als Theodor W. Adorno 1954 seinen berühmten Vortrag „Das Altern der Neuen Musik“ hielt, zielte er nicht auf das Lebensalter der damals noch nicht einmal dreißigjährigen Komponisten Boulez, Nono und Stockhausen. Stattdessen ging es ihm um eine Kritik am „Materialfetischismus“ der Darmstädter „seriellen Schule“. Doch seither sind fast sechzig Jahre vergangen. Und längst zeigt sich das „Altern der Neuen Musik“ ganz handgreiflich an den Akteuren und Institutionen der Neuen Musik. Die meisten Vertreter der einstigen Nachkriegsavantgarde sind inzwischen verstorben oder in hohem Alter, wie der 86-jährige Boulez. Die meisten seit den 1970er Jahren gegründeten Ensembles der Neuen Musik sind heute zwanzig bis vierzig Jahre alt, ebenso viele Festivals der neuen Musik.

Schaufenster der Musik der Zukunft

30.06.11 (Rainer Nonnenmann) -
Das Durchschnittsalter der Komponisten folgender Uraufführungen liegt bei 72 Jahren: Die WDR-Reihe „Musik der Zeit“ präsentiert am 1. Juli von Thomas Kessler (geb. 1937) „Utopia II“ für Orchester mit Stimmen und Elektronik. Tags darauf widmet die Kölner Gesellschaft für Neue Musik in der Kunst-Station Sankt Peter ihrem verstorbenen Gründungsvorstand Johannes Fritsch (1941–2010) ein dreiteiliges „In Memoriam“-Konzert mit posthumen Uraufführungen von „Dunkles Denken“, „Viola Duo“ und des Streichquartetts „Nachtstück“. Die Reihe „musica viva“ des Bayerischen Rundfunks im Herkulessaal der Münchner Residenz platziert in ihrem letzten Saisonkonzert am 8. Juli Premieren von „O bosques – Oh Wälder“ für Sopran, Chor und Orches­ter von Hans Zender (geb. 1936) sowie „Wie kannst Du ohne Hoffnung sein“ für Vokalgruppen und Orchester von Udo Zimmermann (geb. 1943). Und anlässlich seines 75. Geburtstags erhält Zender am Rande der Uraufführung seiner „Logos-Fragmente VII und VIII“ beim Festival „Europäische Kirchenmusik“ im Helig-Kreuz-Münster Schwäbisch Gmünd am 28. Juli den Preis der Europäischen Kirchenmusik. Man könnte den Eindruck gewinnen, die Szene der Neuen Musik in Deutschland sei eine einzige Feier des Altbekannten und Bewährten, bestehe nur aus Altmeistern, Retrospektiven, Preisverleihungen und Porträts für Verstorbene und Jubilare anlässlich runder oder halbrunder Geburtstage. Wie langweilig, retrospektiv, nostalgisch, gegenwartsblind, vergangenheitsverliebt, zukunftsscheu! Wo bleibt da das Neue der Neuen Musik?
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