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Musikhochschulen müssen vielseitiger werden

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Vor 50 Jahren: Neue Musikzeitung, XXV. Jg., Nr. 1, Februar 1976
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[…] Die steigende Bedeutung der Massenmedien veränderte erstmals diese Situation. Die heutige Kulturszene stellt uns vor eine neue Ausgangsposition und drängt nachhaltig alle Verantwortlichen zum Um- und Nachdenken. Traditionell verankerte Aufgabengebiete für den Instrumentalisten sind verlorengegangen. Die Kapellen oder Salonorchester in Cafés und Hotels wichen der Musikbox, große Kurorchester sind zu kleinen Ensembles zusammengeschrumpft und werden oft nur mühsam erhalten. Funk, Film und Fernsehen sowie die Schallplattenindustrie, deren Aufbau neue attraktive Arbeitsplätze geschaffen hatte, reduzieren ihre Mitarbeiter. Durch die Finanzschwäche der Kommunen sind nun auch Orchester und kleinere Theater in ihrer Existenz gefährdet.

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Deshalb ist schon seit einiger Zeit, zum Beispiel von der Deutschen Orchestervereinigung und vom Verband deutscher Musikschulen, die zusätzliche pädagogische Ausbildung künftiger Orchestermusiker gefordert worden. Anstoß hierzu gaben Überlegungen einer Stadt, die Musiker des städtischen Orchesters innerhalb ihres Deputats in der städtischen Musikschule als Instrumentallehrer – aber auch als Grundkurslehrer – einsetzen wollte, denn durch das immer dichter werdende Netz von Musikschulen besteht dort ein ausgesprochener Instrumentallehrermangel.

Die Rektorenkonferenz der Staatlichen Musikhochschulen faßte 1973 in Essen hinsichtlich des pädagogischen Begleitstudiums für Orchestermusiker eine Entschließung. Auch in den Sitzungen der nächsten Jahre blieb dieses Thema auf der Tagesordnung, mit der Forderung, daß die musikpädagogische Ausbildung Bestandteil der Studiengänge Instrumentalausbildung, Gesang und Kirchenmusik sein sollte. Für Kirchenmusiker ist zwar an manchen Ausbildungsstätten eine pädagogische Zusatzausbildung eingebaut, diese bedarf aber dringend der Erweiterung. Das – nicht für alle Fächer obligatorische – pädagogische Zusatzstudium an der Münchener Musikhochschule und die in Nordrhein-Westfalen angebotene Möglichkeit, nach erfolgreicher künstlerischer Reifeprüfung zusätzlich die Staatliche Musiklehrerprüfung abzulegen, wenn pädagogische Vorlesungen testiert sind, wurden ausgiebig in diesem Gremium diskutiert.

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Hans-Dieter Resch, Neue Musikzeitung, XXV. Jg., Nr. 1, Februar 1976

Hans-Dieter Resch, Neue Musikzeitung, XXV. Jg., Nr. 1, Februar 1976

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Studierende der Hochschulen forderten in den letzten Jahren immer nachhaltiger das pädagogische Zusatzstudium. Viele von ihnen legen ihr Studium jetzt schon breit an und versuchen, künstlerische und pädagogische Studiengänge zu verbinden. Oft wird das Schulmusik-oder Musiklehrerstudium (früher Privatmusiklehrerausbildung) der eigentlichen Spezialisierung vorangestellt oder ein pädagogisches Studium durch die Musikwissenschaft ergänzt. Hier werden Möglichkeiten der Kombination traditioneller Studiengänge sichtbar. Zusammenfassend läßt sich zu der gegenwärtigen Situation folgendes sagen: Die Forderung nach musikpädagogischer Ausbildung aller Instrumentalisten ist unumstritten und den Verantwortlichen bekannt, Lösungsversuche werden diskutiert. Es gibt zwar einige Modellversuche, aber noch keine gemeinsame Konzeption eines neuen Studienganges. Bei der Verschiedenheit der Ausbildungsstätten in den Ländern ist sie ohnehin schwer herstellbar. […]

Ohne grundlegende Änderung der Struktur der Musikhochschulen ist durch die Kombination von Studiengängen eine vielseitigere und durch pädagogische Fächer ergänzte lnstrumentalausbildung möglich. Wie schon ausgeführt, ist diese Ausweitung nur durch eine Studienzeitverlängerung denkbar, da eine intensive Instrumentalausbildung Voraussetzung fur den künftigen Berufserfolg ist, zumal die Konkurrenzsituation immer schärfer wird. […]

Durch Kombination und inhaltliche Ausweitung des Unterrichtsstoffes ist es vorerst möglich, die bisherigen Ausbildungspläne für Instrumentalisten künftigen Entwicklungen anzupassen,

ohne sofort neue Studiengänge zu entwickeln. Aus den dabei gewonnenen Erfahrungen könnten neue, auf ein sich später noch konkreter abzeichnendes Berufsbild, wie das des Musikanimateurs, hin entwickelt werden. Deshalb müssen alle Institute, die Instrumentalisten ausbilden, stets die sich verändernde Kulturszenerie beobachten und sich ihr vorausschauend anpassen.

Hans-Dieter Resch, Neue Musikzeitung, XXV. Jg., Nr. 1, Februar 1976

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