„Jazz näher an die Wissenschaft bringen – auf Jazzforschung aufmerksam machen – interdisziplinäre Brücken bauen – gewinnbringende Vernetzungsmöglichkeiten nutzen…“ Diese Auswahl an Äußerungen von Teilnehmer*innen spiegelt einige zentrale Motivationen für die musikwissenschaftliche Premiere wider, die am 28. März 2026 im Orchesterprobenraum der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart stattfand. Erstmals lud das Institut für Jazz & Pop Gäste aus eigenen und (noch) fremden Institutionen zu einem eintägigen Austausch mit Redebeiträgen, Podiumsdiskussionen und zahlreichen Vernetzungsmöglichkeiten ein. Die Tagung stand unter dem Titel „1. Stuttgarter Jazz-Symposium“.
Prof. Dr. Matthias Hermann, Prof. Jürgen Essl, Yoshi Tschira und Prof. Hubert Nuss. Foto: Oliver Röckle
Austausch und intensive Diskussionen
Das Symposium wurde von Prof. Hubert Nuss (Jazzklavier) und Prof. Rainer Tempel (Jazzkomposition), der auch die Tagungsleitung innehatte, initiiert. Der eintägige Kongress war als Plattform für Forschungspräsentationen konzipiert: Drei Referent*innen stellten aktuelle Projekte aus den Bereichen Jazzforschung und -pädagogik vor, die im Anschluss jeweils intensiv diskutiert wurden – ein dialogbetontes Format, das nicht nur auf Wissensvermittlung, sondern auf kritischen Austausch zielte.
Beiträge und Diskurse des Symposiums
Nach einem musikalischen Auftakt durch Prof. Christian Weidner (Saxophon) und Oskar Rimmele (Klavier) und einer Begrüßung durch Prof. Tempel eröffnete Prof. Dr. Dr. Frédéric Döhl (Berlin/Marburg) das Symposium mit einem Beitrag zu seinem an der Deutschen Nationalbibliothek angesiedelten Forschungs- und Publikationsprojekt Jazz 1959. Im ersten Teil seines Vortrags zeigte er die institutionellen Rahmenbedingungen auf, unter denen dieses Projekt stattfand und geprägt wurde. Anschließend führte Prof. Döhl in seine Vorgehensweise im Arbeitsprozess ein: Ziel war es, eine hörende Gesamtschau des verfügbaren Materials veröffentlichter Jazzaufnahmen aus dem Jahr 1959 zu erstellen – ein interessanter historiographischer Ansatz, der im Gegensatz zu auch im Jazz tradierten und machtvollen Meistererzählungen steht. Prof. Döhl zeigte auf, welche Veränderungen dies sowohl für musikgeschichtliche Narrative als auch für die Rolle von Wissenschaftler*innen mit sich bringt. Im Anschluss an den Vortrag fand eine Podiumsdiskussion mit SWR-Redakteurin Julia Neupert, der studentischen Vertreterin Johanna Ehlers (Kontrabass) und Thomas Weber (Dozent für Jazzgeschichte an der HMDK) statt. Unter den hier aufgeworfenen Fragen fand die der musikalischen Kanonbildung die wohl höchste Beachtung, wobei sowohl der Stellenwert beziehungsweise die Notwendigkeit eines Kanons an sich als auch dessen Besetzung mit einem besonders im Jazz notorisch geringen Anteil an Frauen kritisch hinterfragt wurde.
Nach diesem musikwissenschaftlich-historiographisch geprägten Vortrag lag der zweite Beitrag des Tages auf dem Gebiet der Musiktheorie. Prof. Hubert Nuss (Stuttgart/Köln) hatte seine Ausführungen unter den Titel „to infinity and beyond… Funktionale Farbharmonik und harmonische Mengenlehre als Möglichkeit der Erweiterung der Tonalität“ gestellt. Ausgangspunkt war eine Analogiebildung zur Kontinuumshypothese des Mathematikers Georg Cantor: In Anlehnung an dessen Unendlichkeitskonzept stellte Prof. Nuss eine Sammlung verschiedener „Unendlichkeiten“ in der Jazzimprovisation vor – gemeint ist hier eine mehrfach unendliche Fülle von Umsetzungsmöglichkeiten auf Basis unterschiedlicher Tonsysteme vom sieben- bis zwölftönigen Skalenrahmen. Besonderes Augenmerk lag dabei auf den Neuerungen in der Musik Olivier Messiaens und deren Verfügbarmachung für die Jazzkomposition und -improvisation. Mit Prof. Jürgen Essl (Orgel) und Prof. Dr. Matthias Hermann (Musiktheorie) sowie dem studentischen Teilnehmer Yoshi Tschira (Gitarre) stand auch für diesen Beitrag eine gewinnbringend besetzte Diskussionsrunde bereit. Gegenstand des Austauschs war insbesondere das Spannungsfeld, in dem das Erleben des freien Tonalitätsbegriffs Messiaens steht: zwischen Tonalitätserweiterungen als ermächtigende Freiheit einerseits und dem Verbleiben in der Tonalität als Eingrenzung des musikalischen Materials andererseits.
Den dritten und abschließenden Vortrag hielt Dr. Bettina Bohle, Leiterin des Jazzinstituts Darmstadt. Nach den musikwissenschaftlichen und musiktheoretischen Perspektiven der vorangegangenen Beiträge stand hier die musikpädagogische oder hochschuldidaktische Ausrichtung im Vordergrund. Unter dem Titel „Begriffe in Aktion – Denken, Sprechen, Spielen im Jazzstudium“ gab Dr. Bohle Einblicke in ihre eigene Tätigkeit als Leiterin von Hochschulseminaren an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt und der Universität Hildesheim. Hierbei spielte das Einladen zum Hinterfragen gewachsener Begriffe und Institutionen eine wichtige Rolle, beispielsweise des Jazzbegriffs und der in ihm mitschwingenden Bewertungskriterien von Musik. Auch ein Blick hinter die Kulissen der Kurationspraxis von Jazzfestivals und die kritische Reflexion der Formung von Geschichte durch Selektion – hier eine Parallele zur Arbeit von Prof. Döhl – gehörte dazu. In ihren hochschuldidaktischen Ausführungen lud Dr. Bohle dazu ein, in Seminaren auch zu weniger verbreiteten Konzepten wie Rollenspielen zu greifen, um Handlungsperspektiven praktisch erfahrbar und zugänglich zu machen.
An der anschließenden Diskussion nahmen neben der Referentin Prof. Andreas Lang (Musiktheorie), Prof.in Britta Wirthmüller (Performance) und der studentische Vertreter Benjamin Friesinger teil. Es entspann sich ein konstruktiver Austausch unter reger Teilnahme des Publikums. Insbesondere jazzdidaktische Fragen wurden intensiv diskutiert, wobei auch das Problem feststehender hochschulinterner Fachaufteilungen aufkam. Alle Teilnehmenden einte die Überzeugung, dass die Nutzung interdisziplinärer Synergieeffekte auf wissenschaftlicher und künstlerischer Ebene eine wichtige Zukunftsperspektive der Hochschullehre darstellt.
Mit einem erneuten musikalischen Beitrag von Prof. Christian Weidner und Oskar Rimmele schloss das Symposium – gleichsam eine Erinnerung, dass gerade im Jazz wissenschaftliche und theoretische Forschung nie losgelöst von künstlerischer Praxis gedacht werden sollte.
Julia Neupert. Foto: Oliver Röckle
Reflexion der gesetzten Ziele
Abschließend sollen einige kurze Schlaglichter auf die oben genannten Motivationen und Erwartungen geworfen werden – war ein Symposium geeignet, diese zu erfüllen?
Jazz näher an die Wissenschaft bringen – hier liegt eine sicher langfristig anzugehende Zukunftsaufgabe vor. Auch der Unterschied zwischen einer Einzelveranstaltung mit Standout-Charakter und einer regelmäßigen Beschäftigung mit deren Inhalten sollte nicht unterschätzt werden. Dennoch konnte für viele Besucher*innen ein erster Anreiz gesetzt und eine erste Begegnung mit bisher nicht wahrgenommenen Inhalten hergestellt werden. Hier dürfte viel von einer längerfristigen Etablierung dieses und ähnlicher Formate in regelmäßigem Turnus abhängen.
Auf Jazzforschung aufmerksam machen – das kann verschieden verstanden werden: mit Fokus auf die Institute und Publikationsorgane dieser Forschung, oder mit Fokus auf deren Ergebnisse. Für Ersteres war die Symposiumsform gut geeignet, da Einrichtungen wie das Jazzinstitut Darmstadt vorgestellt und ins Bewusstsein des Publikums gerückt werden konnten; für einen annähernd repräsentativen Querschnitt aktueller Forschungsergebnisse wäre wohl eine längere Veranstaltungsform notwendig.
Interdisziplinäre Brücken bauen – hier hängt viel von der Besetzung von Referaten und Paneldiskussionen ab. Einige der interessantesten Momente der Veranstaltung waren dem Aufeinandertreffen von Personen, die im sonstigen musikalischen Alltag kaum miteinander zu tun haben, zu verdanken. Wünschenswert wäre auch eine hohe studentische Beteiligung über Fachgrenzen hinweg; wie sich zeigte, war dies durch eine Veranstaltung, die im Namen und der Bewerbung ausschließlich auf Jazz verweist, nur schwer möglich. Eine Streichung dieses Bezugs würde hingegen den Kern der Tagungsidee verwässern. Diese Zwickmühle kann möglicherweise durch gezielte Öffentlichkeitsarbeit entschärft werden.
Gewinnbringende Vernetzungsmöglichkeiten nutzen – diese Erwartung wurde wohl am eindrücklichsten erfüllt. Viele Teilnehmer*innen gingen mit gefüllten Notizblöcken und Adressbüchern aus der Veranstaltung hervor. Es zeigt sich, dass gerade über die Grenzen zwischen Wissenschaft, Theorie und Pädagogik hinweg solche Vernetzungsangebote gewünscht werden und als bereichernd wahrgenommen werden. In der zahlenmäßig vergleichsweise kleinen Gruppe, in der sich die Jazzforschung bewegt, sind solche Angebote wohl umso wichtiger, wenn sie Menschen miteinander in Kontakt bringen, die zuvor nicht im gegenseitigen Bewusstseinshorizont vorkamen. Dies gilt insbesondere auch für die Vernetzung verschiedener Standorte.
Dr. Bettina Bohle. Foto: Oliver Röckle
Institutionelle Einordnung und Perspektiven
Einhellig war der Wunsch nach Wiederholung und Etablierung des Stuttgarter Jazz-Symposiums. Das Institut für Jazz & Pop wird den Weiterentwicklungsprozess leiten und kritisch begleiten. Die zweite Ausgabe, die manches wiederholen und manches anpassen wird, ist für das Jahr 2028 geplant.
Das Institut für Jazz & Pop ist mit etwa 50 Studierenden und 30 Lehrenden an der HMDK Stuttgart vertreten. Am Institut werden Studierende aus verschiedenen instrumentalen und vokalen Bachelor- und Master-Hauptfächern sowie aus den Bereichen der Lehramtsausbildung, der Elementaren Musikpädagogik und der Instrumental- und Gesangspädagogik ausgebildet. Während in allen dieser Fächer ein hoher Bezug zur Jazzpraxis in Studium und mit Blick auf den späteren beruflichen Alltag gegeben ist, variiert der Grad der Einbindung musiktheoretischer und -wissenschaftlicher Angebote stark. Während insbesondere in der Schulmusik die musikwissenschaftliche Bildung eine tragende Säule des Studiums darstellt, spielen im Bachelor und Master Jazz/Pop derartige Veranstaltungen nur eine untergeordnete Rolle im Studienplan. Ähnlich verhält es sich mit der wissenschaftlichen Musikpädagogik, der im Jazz/Pop-Studiengang eine stärker anwendungsorientierte Fachdidaktik gegenübersteht. Das Verhältnis zwischen Bildung und Ausbildung variiert also zwischen den Studiengängen. Zu den Konsequenzen dieser Studienorientierung, die sich in ähnlicher Weise auch in den Curricula vieler anderer popularmusikalischer Studiengänge deutscher Musikhochschulen wiederfindet, gehört ein Wahrnehmungsdefizit jazzwissenschaftlicher Angebote und Publikationen. Der Reichtum und die Mannigfaltigkeit zeitgenössischer Jazzforschung dies- und jenseits des Atlantiks wird oft nicht registriert, weil darauf ausgerichtete Formate fehlen.
Der Wunsch, diese Lücke zu schließen, bestimmte die Gründung einer jazzwissenschaftlich ausgerichteten Veranstaltungsreihe an der HMDK Stuttgart. Veranlasst von Prof. Hubert Nuss und geleitet von Institutsleiter und Studiendekan Prof. Rainer Tempel, soll das Stuttgarter Jazz-Symposium Austausch zwischen verschiedenen Perspektiven inner- und außerhalb der Jazzszene ermöglichen. Durch die breite Auswahl an Vortragsthemen (aus den Bereichen der Musikwissenschaft, -theorie und Hochschuldidaktik) sollen auch für Lehrende und Studierende des Hochschulbetriebs Fortbildungsmöglichkeiten eröffnet werden.
Prof. Dr. Dr. Döhl. Foto: Oliver Röckle
Ziel des Symposiums ist es zudem, einen Beitrag dazu zu leisten, den Jazz insgesamt enger an die musikwissenschaftliche Forschung anzubinden. Zuvor ungekannte Diskussions- und Informationsräume in der Arbeit der Forschung über Musik erfahrbar zu machen, kann den Erfahrungshorizont des Einzelnen wie auch einer ganzen Szene erweitern – zumal die wissenschaftliche Beschäftigung mit Jazz nicht erst neu erschlossen zu werden braucht, sondern in Deutschland durch Akteure wie das Jazzinstitut Darmstadt schon institutionell fest verankert ist. Wenn hier also eine neue Institution – in kleinerem Rahmen – geschaffen wird, dann weniger zur Forschung als zur Sichtbarmachung und Vernetzung.
Der Vernetzungsgedanke spielt auch vor dem Hintergrund der institutionellen Aufteilung von Kulturschaffenden in szenenspezifische Einrichtungen und Fakultäten eine Rolle. Musikhochschulen sind im Grunde der geeignete Ort, um solche Aufteilungen aufzubrechen, da hier Expert*innen aus verschiedensten Bereichen der Musik – und oft auch anderer Künste – aufeinandertreffen. Leider versickert dieser interdisziplinäre Gedanke oft in den Notwendigkeiten der zurecht spezialisierten und deshalb auseinanderdriftenden Studienpläne. Ein Tagungsformat, das fernab von ECTS-Anrechenbarkeiten Interessierte der gesamten (Hochschul-)Öffentlichkeit anspricht, kann seinen Teil dazu beitragen, dem Ziel einer umfassenden Bildung über Spezialisierungsgrenzen hinweg näherzukommen.
Die Vorträge werden in Bild und Ton mitgeschnitten und über die Kanäle der HMDK Stuttgart öffentlich zugänglich gemacht. Es ist daran gedacht, das Stuttgarter Jazz-Symposium in zweijährlich wiederkehrendem Turnus in Zukunft fest in der Jazzwissenschaft zu etablieren.
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