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Christian Thielemann. Foto: Matthias Creutziger

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„Man muss mit der Musik atmen“

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Christian Thielemann im Gespräch
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Mit einem Antrittskonzert am 10. Oktober im Salzburger Dom gibt Christian Thielemann den Auftakt zu seiner Lehrtätigkeit als Univ.-Prof. für Orchesterdirigieren an der Universität Mozarteum Salzburg. Ein Gespräch über das Weitergeben von Erfahrung, Gelassenheit – und darüber, warum junge Musiker:innen sich Zeit lassen sollten. 

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Herr Thielemann, Ihr Terminkalender ist bekanntlich dicht. Warum nehmen Sie sich dennoch Zeit für die Arbeit mit Studierenden? 

Weil ich in den letzten Jahren immer deutlicher gespürt habe, dass es irgendwann darum geht, etwas weiterzugeben. Ich selbst habe als junger Mensch sehr gute Ratschläge bekommen – viele davon erschlossen sich erst mit der Zeit wirklich. In dem Alter und in der Position, in der ich jetzt bin, sehe ich es fast als meine Aufgabe, mich zu kümmern. Man merkt ja, dass Jüngere an bestimmten Punkten Rat gebrauchen können. 

Was wäre ein solcher Rat, den Sie heute weitergeben möchten? 

Herbert von Karajan sagte mir einmal, man müsse mit den Sängern atmen. Das war für mich als Sech­zehnjähriger eine überraschende Erkenntnis, weil ich zunächst dachte, es gehe vor allem um das Orchester. Später versteht man, dass man mit allem atmet: mit den Bläsern, den Streichern, mit der gesamten musikalischen Bewegung. Musikmachen ist etwas Körperliches, etwas Lebendiges. Damit verbunden ist eine Gelassenheit, die nur aus genauer Kenntnis der Werke entsteht. Je besser man ein Stück kennt, desto freier wird man. 

Sie plädieren für einen weiten Blick auf Repertoire und Stilistik. 

Unbedingt. Ich halte es für wichtig, keine Berüh­rungsängste zu haben – von der Operette über Beethoven und Brahms bis hin zur zeitgenössischen Musik. Nicht alles gleichzeitig und nicht mit Druck, aber mit offenem Blick. Am Ende hängt ohnehin alles miteinander zusammen. Wer glaubt, man könne bestimmte Bereiche überspringen, beraubt sich selbst wichtiger Erfahrungen. 

Sie brechen immer wieder eine Lanze für die Ope­rette. Warum? 

Weil man dort Dinge lernt, die fundamental sind: feinste Tempoabstufungen, Rubato, das Spiel mit Freiheit innerhalb klarer Regeln. Wenn man sich Operette ernsthaft erarbeitet hat, hört und dirigiert man Beethoven anders, Brahms anders – sogar Neue Musik anders. Das war früher Teil der klassischen Kapellmeisterlaufbahn, die heute etwas in den Hintergrund geraten ist. Vielleicht, weil Karrieren schneller gehen sollen. Aber Dirigieren ist eine Frage von Erfahrung. Ich selbst habe erst jetzt das Gefühl, bestimmte Dinge wirklich zu durchdringen – und mit jedem Jahr wird man demütiger. 

Was suchen Sie bei Studierenden, die mit Ihnen arbeiten wollen? 

Natürlich braucht es eine solide Technik – Kla­vierspiel ist wichtig –, aber entscheidend ist der Ausdruckswille. Ich möchte Menschen, die etwas sagen wollen und bereit sind zu lernen, wie man das tut. Keine Kopien, keine Nachahmer. Wir alle lassen uns inspirieren: Man hört, wie Wilhelm Furtwängler, Bruno Walter oder Pierre Boulez ein Werk interpretieren. Heute ist das dank der technischen Möglichkeiten und des Internets einfacher denn je. Aber aus all dem muss etwas Eigenes entstehen. 

Lehren bedeutet also weniger Vorschriften als Angebote? 

Genau. Ich erinnere mich an Lehrer, die mir verschiedene Versionen vorgespielt und dann gefragt haben: Was ist Ihre Version? Das ist der entscheidende Punkt. Studierende sollen selbst denken, ausprobieren, spielen im wahrsten Sinne des Wortes. Man darf sie nicht zwingen, sondern muss sie aus der Reserve locken – wenn da etwas ist, das heraus will. 

Auch bei Aufnahmeprüfungen geht es Ihnen um Potenzial? 

Ja. Perfektion ist nicht alles. Ich möchte Persön­lichkeiten entdecken, nicht fertige Künstler und Künstlerinnen. Technik ist eine Voraussetzung, aber kein Selbstzweck. Entscheidend ist die Frage: Will da jemand wirklich etwas ausdrücken? 

Was würden Sie Ihrem 18-jährigen Ich heute raten? 

Locker bleiben. Es ist ein wunderbarer, aber auch anstrengender Beruf. Die Früchte hängen hoch. Man braucht Disziplin, aber nicht zu viel – und Leidenschaft, ohne sich zu verkrampfen. Musik ist Ausdruckswille, und den sollte man sich bewahren. 

Gibt es etwas, ohne das Sie musikalisch nicht sein möchten? 

(lacht) Wagner. Und Bach natürlich. Und manchmal reicht auch ein einfaches Lied – „Am Brunnen vor dem Tore“ versetzt mich immer in eine gute, nach­denkliche Stimmung. 

Das Antrittskonzert von Christian Thielemann findet am 10. Oktober 2026 im Salzburger Dom statt. Tickets: salzburger-dom.at 

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