Banner Full-Size

Oft war es „nur“ Doppelmoral

Untertitel
Mainzer Forscher untersucht U-Musik im Nationalsozialismus
Vorspann / Teaser

Vorstellungen von der NS-Zeit sind meist von einem Schwarz-Weiß-Denken geprägt, das nicht der Realität entspricht. Dies belegt das Projekt „Deutsche Unterhaltungsmusik im 20. Jahrhun­dert”. 2021 startete es unter der Leitung von Peter Niedermüller an der Uni Mainz. Im Laufe dieses Jahres sollen erste Ergebnisse veröffentlicht werden. Danach wird erforscht, wie es nach 1945 weiterging. 

Wer hat es sich während der „braunen Epoche” in der Musikszene rücksichtslos durchgeboxt? Wer sich, um weiter gehuldigt zu werden, schamlos angebiedert? Wer ist, doppelmoralisch, ohne Not mitgelaufen? Die Unterhaltungsmusikszene in der NS-Zeit ist ein weites Feld. „Wir mussten exemplarisch arbeiten und stellten zwei Akteure in den Mittelpunkt, nämlich Franz Grothe und Oskar Joost“, sagt Peter Niedermül­ler, der bei seinen Forschungen mit dem Historischen Seminar der Uni Mainz kooperiert. Bei Oskar Joost handelt es sich um einen Nationalsozialisten stram­mer Gesinnung, der ein sehr erfolgreicher Bandleader war. Um die 800 Aufnahmen sind von ihm erhalten.

Autor
Publikationsdatum
Paragraphs
Text

Seine Karriere machte er ohne profunde Ausbildung. Die Familie gilt zwar als musikalisch: Vater Albert Joost spielte Cello in einer Militärkapelle. Oskar und sein Bruder, Ali genannt, erhielten Violinunterricht. 1914 wird Oskar freiwilliger Soldat im Ersten Welt­krieg. 1924 gründete er zusammen mit seinem Bruder Ali sein erstes Orchester. Oskar Joost war laut Peter Niedermüller unzweifelhaft ein ideologischer Nazi: „Er scheint auch ein sehr grober, unsympathischer Mensch gewesen zu sein.“ Und er war wohl von extrem rücksichtsloser, nachgerade rüder Art. Dem jüdischen Künstler Julian Fuhs zum Beispiel, der in Berlin eine Bar betrieb, hatte Oskar Joost mehr als nur einen Schrecken eingejagt. Mit vier SA-Männern enterte er in den frühen Morgenstunden des 29. März 1933 dessen Künstlerlokal. Nach Quellen des Deut­schen Schellackplatten- und Grammophonforums aus Bergisch-Gladbach soll Julian Fuhs, nachdem die Männer nicht bedient worden waren, beschimpft und verprügelt worden sein. Später auf dem Polizeirevier soll Oskar Joost von einer persönlichen Auseinander­setzung mit Julian Fuhs gesprochen haben. Inwieweit die Tat des NSDAP-Mitglieds politisch oder persönlich motiviert war, ist bis heute umstritten. 

Kultivierung der Tanzmusik 

Was Oskar Joost betrifft, gibt es etwas weiteres Inte­ressantes, und zwar seine „Denkschrift zur Kultivie­rung der Tanzmusik in Deutschland“ von Ende 1936, in der er eine vergleichsweise merkwürdige Meinung zum Jazz vertrat. Oskar Joost plädierte dafür, Jazz, der seiner Deutung zufolge aus der europäischen Tradition stammte, in die Tanzmusik aufzunehmen: „Er versuchte, den Jazz für die Sache des NS zu ret­ten.“ Das hatte damals natürlich nicht ins Gesamtbild gepasst. „Der Leser in der Reichsmusikkammer hat neben den Text auch lauter Fragezeichen gesetzt“, so Peter Niedermüller. 

1940 wurde Oskar Joost zur Wehrmacht eingezogen. 1941 starb er in in einem Militärhospital. Allerdings nicht wegen einer Kriegsverwundung: „Sondern weil er starker Raucher war und Lungenkrebs hatte.“ Eigentlich hatte Joost darauf spekuliert, eine Band zu leiten, die für die Nazis von großer Bedeutung war: Das deutsche Tanz- und Unterhaltungsorchester. Dessen Leitung wurde schließlich Franz Grothe über­tragen – was die Verbindung zwischen den beiden von Peter Niedermüller ausgesuchten Akteuren dar­stellt. „Das Tanz- und Unterhaltungsorchester sollte eigentlich das Prestigeprojekte für die Zeit nach dem Krieg werden”, erläutert der Musikwissenschaftler. Mit der Entscheidung für Franz Grothe fiel die Wahl auf einen politischen Funktionär, der allerdings wohl kein ideologischer Nazi war. 

Sein Anpassungsprozess an den Ungeist der Natio­nalsozialisten war wahrscheinlich eher typisch für die vielen Mitläufer in dieser Epoche. „Wir haben jedenfalls keinen Beleg dafür gefunden, dass er ideo­logisch gewesen wäre“, berichtet Peter Niedermüller. 

Ein Mythos in Bezug auf die NS-Zeit ist der Glaube, dass nach der Machtergreifung ganz genau definiert worden wäre, welche Musik fortan erlaubt und welche verboten ist. Anders als in der Sowjetuni­on, so Peter Niedermüller, gab es keine staatliche Doktrin, was zulässige Musik ist. Und es gab keine klar umrissene nationalsozialistische Musikpolitik. Unterhaltungsmusik an sich allerdings war von großer Bedeutung. Die Menschen selbst verlangten nach moderner Musik: „Es war auch nicht so, dass in der gesamten NS-Zeit kein Jazz gespielt worden wäre.“ So sei der Lagerkommandant von Theresienstadt ein Jazzfan gewesen: „Er hatte in Theresienstadt auch eine Jazzband gründen lassen.“ 

Bis heute bewegt die Frage, wie Menschen ihre persönliche Ethik aufgeben können, zu Gunsten der Teilhabe an der Macht. Wie virulent diese Frage nach wie vor ist, erlebte Peter Niedermüller unlängst, als es um den seit 1955 vergebenen Unterhaltungsmu­sikpreis Paul-Lincke-Ring in Goslar ging. Inzwischen wird die Auszeichnung unter dem Namen „Der Gol­dene Ton“ verliehen. Vorausgegangen war im Sommer 2024 eine Podiumsdiskussion über die Haltung des Operettenkomponisten Paul Lincke während der NS-Zeit, an der Peter Niedermüller teilnahm. Dabei war der Musikwissenschaftler unerwartet heftigem Gegenwind ausgesetzt. Einige Diskussionsteilnehmer beharrten unnachgiebig darauf: Paul Lincke hätte doch überhaupt keine andere Wahl gehabt. Man verwahrte sich dagegen, derart streng über jemanden zu richten, der kein Verbrechen begangen hatte. 

Zu komponieren bedeutet nicht direkt, Unheil anzu­richten. Doch natürlich hat auch Musik Wirkung. Paul Lincke komponierte zum Beispiel den Marsch „Unsere braunen Jungens“. Bis 2024 hatte das niemanden gestört. Weder jene, die den Preis vergaben. Noch jene, die im Publikum applaudierten. Noch jene, die den Preis in Empfang nahmen. Neben Franz Grothe erhielten unter anderem Udo Jürgens, Ralph Siegel, René Kollo, Peter Maffay, Freddy Quinn und Udo Lindenberg den Paul-Lincke-Ring. 

Als Hitler an die Macht kam, hätte der damals bereits sehr berühmte Paul Lincke nicht mehr als Komponist arbeiten müssen, er hätte sich eine andere Beschäf­tigung suchen können, wenn er das gewollt hätte. „Er war damals ein steinreicher Mann, er hätte auch einfach in den Tag hinein leben können“, so Peter Niedermüller. Doch offenbar wollte er an der Macht teilhaben. 1936 soll er Adolf Hitler sogar ein nicht erhaltenes „Führerlied“ gewidmet haben. Zwischen 1933 bis 1939 trat er als Dirigent bei Konzerten der Massenorganisation „Kraft durch Freude“ in Erscheinung. 

Es stimmt nicht, dass nur der freie Fall ins exis­tenzielle Nichts oder die Adaption an die Macht möglich gewesen wären. Viele Künstlerinnen und Künstler machten aus freien Stücken mit. Was aus ihnen nach 1945 geworden ist, soll im zweiten Teil des Forschungsprojekts näher untersucht werden. 

Nahtlos angeknüpft 

Dabei geht es um all jene Musiker, die sich, zu welchem Grad auch immer, während des National­sozialismus der Macht unterworfen und nach 1945 nahtlos an ihre Karriere angeknüpft haben. Wie im ersten Teil des bisher von der GEMA und der Franz Grothe-Stiftung unterstützten Projekts wird hierfür sicher wieder viel Detektivarbeit nötig sein. Klar ist: Aus der Mitgliedschaft in der Reichsmusikkammer kann nicht abgeleitet werden, dass jemand ein Nazi war. Denn es gab keine Alternative. Alle Musiker waren Mitglied. Allerdings war es keine Pflicht, in der NSDAP zu sein. Franz Grothe zum Beispiel war auch in der Partei. Was er zunächst bestritten hatte. 

Schließlich kam heraus, dass er eingetragen war: Eine Mitgliedsnummer tauchte auf. Für seine Falsch­aussage musste Franz Grothe die hohe Summe von 10.000 Reichsmark an Strafe bezahlen. Vier Jahre nach Kriegsende knüpfte er an seine frühere Karriere als Filmkomponist an. 

Natürlich wäre die Vorstellung lebensfern, dass es in der Nachkriegszeit ohne Mitläufer, Doppelmoralisten und Opportunisten aus der Kulturszene gegangen wäre. Das große Problem war, dass es kriegs- und fluchtbedingt mangels Künstlern mit weißer Weste nicht anders möglich war, als mit dem vorhandenen Personal weiterzumachen. Umso wichtiger ist für Peter Niedermüller zu erforschen, wer aus welchem Motiven heraus mitgemacht hat. Und wie die Ge­sellschaft damit nach 1945 umgegangen ist. „Wir müssen unbedingt aus der Geschichte lernen“, sagt er mit Blick auf aktuelle Entwicklungen hin zu Unterdrückung und Menschenfeindlichkeit.

Ort
Autor
Print-Rubriken
Unterrubrik