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Elin Mayer und Elias Ohly. Foto: Esmeray Coskunkal

Elin Mayer und Elias Ohly. Foto: Esmeray Coskunkal

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Zwischen Probenraum und Gremiensitzung

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Demokratie gehört an der Frankfurter Musikhochschule zum Alltag
Vorspann / Teaser

Demokratie zeigt sich an der HfMDK Frankfurt nicht nur in Beschlüssen, sondern im Alltag zwischen Probe und Gremium: Elin Mayer und Elias Ohly, die ersten Stipendiat:innen des Demokratiesti­pendiums, sprechen darüber, wie Mitbestimmung gelebt, gefordert und gefördert wird. Elin Mayer ist Vize-Vorsitzende des AStA und studiert Lehr­amt Musik an Förderschulen (L5)/Staatsexamen) Elias Ohly ist AStA-Vorsitzender und studiert Lehramt Musik an Hauptschulen und Realschulen (L2)Violine).

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Demokratie gilt als zentraler Wert, gleichzeitig erle­ben wir in der Gesellschaft Polarisierung und Vertrau­ensverlust. Spürt ihr das auch im Hochschulalltag?

Elin: Außerhalb der Hochschule nehme ich die Polarisierung deutlich stärker wahr. Gerade in einem meiner Freundeskreise, der kaum etwas mit Musik zu tun hat, treffen oft sehr unterschiedliche Weltanschauungen aufeinander – Diskussionen sind schneller aufgeheizt und teilweise geprägt von Ver­allgemeinerungen. Innerhalb der Hochschule erlebe ich das weniger: Ich bewege mich viel in „meiner Bubble“ (lacht) wie Chor oder Gremien, da ist ein gewisser Konsens spürbar. Trotzdem wird auch bei uns mehr über politische Themen gesprochen als noch vor einigen Jahren. 

Elias: Außerhalb sind Diskussionen oft stark emoti­onalisiert, was sicher auch mit medialen Dynamiken zu tun hat. Aber auch innerhalb der Hochschule hat sich etwas verändert: In Gremien wie dem Senat ist die Atmosphäre deutlich hitziger geworden, man sieht hier mittlerweile öfter Menschen mit roten Köpfen. Diese Emotionalisierung hat natürlich auch Einfluss auf wichtige Entscheidungen. 

Wird an Kunsthochschulen genug gestritten – oder eher zu viel und zu wenig konstruktiv?

Elin: Die Streitkultur in manchen Gremien ist nicht immer produktiv. Oft drehen sich Debatten im Kreis, häufig verhärten sich die Fronten; irgendwann geht es nicht mehr um die Sache – und am Ende steht wenig oder kein Ergebnis. Dadurch verbauen wir uns Chancen. Ein konstruktiver, zielorientierter Austausch würde uns oftmals weiterbringen. Wenn ich an die Wahl eines studentischen Vize­präsidenten denke – hier konnte ich die Ablehnung des Kandidaten im Senat nicht nachvollziehen. Elias: Ja, das Ergebnis war für die Studierenden­schaft eine große Enttäuschung. Und ich sehe auch, dass die Intensität von Konflikten zugenommen hat, auch durch strukturelle Probleme wie finanzielle Engpässe. Daneben ist es im künstlerischen Bereich nicht so selbstverständlich, Kompromisse zu fin­den – man ist es gewohnt, eine eigene Position zu vertreten, sich durchzusetzen und zu präsentieren. Gleichzeitig zeigt sich in Ensembles oder Orchestern, dass Zusammenarbeit und Einigung durchaus mög­lich und notwendig sind. 

Muss Kunst politischer werden – oder eher freier von politischen Erwartungen?

Elias: Kunst ist meines Erachtens immer poli­tisch, weil sie in einem gesellschaftlichen Kontext entsteht und wirkt. Gleichzeitig muss nicht jede Kunstform explizit politisch sein. Entscheidend ist, dass die Freiheit der Kunst erhalten bleibt. 

Elin: Kunst eröffnet zahlreiche Wege, Haltung zu zeigen. Beispielsweise Schostakowitsch, der un­ter extrem schwierigen politischen Bedingungen komponierte; hier beeindruckt mich, wie seine Musik einerseits den Erwartungen der Machthaber entsprach und trotzdem durchzogen war von mehr oder weniger subtilen, kritischen Botschaften. Ge­rade dieses Spannungsfeld ist bemerkenswert – und sollte uns daran erinnern, wie privilegiert wir heute arbeiten können. Für mich erwächst daraus auch eine Verantwortung: sich für Vielfalt einzusetzen und Gemeinschaft aktiv zu stärken. 

Was hat euch persönlich dazu bewogen, euch – neben euren extrem fordernden künstlerischen Studiengängen – hochschulpolitisch zu engagieren?

Elin: Bei mir war das ein Prozess. Anfangs habe ich mich für meine „Herzensprojekte“ eingesetzt, etwa den Eltern-Kind-Raum oder kostenlose Menstruationsprodukte – Dinge, die für mich selbstverständlich zur Grundversorgung gehören. Dabei habe ich gemerkt, wie komplex Entschei­dungsprozesse hier sind und wie viele Faktoren eine Rolle spielen. Später wurden die Themen größer: Hochschulpolitik etwa der geplante Neubau der HfMDK oder der Hochschulpakt, Gespräche mit politischen Akteuren, Organisation von Aktionen. Heute ist die Arbeit oft anstrengend, aber auch sehr erfüllend, weil man merkt, dass man etwas bewegen kann – selbst wenn es manchmal nur darum geht, Verschlechterungen zu verhindern. 

Elias: Für mich war entscheidend, nicht nur Beobachter zu bleiben – gerade bei so hochschulweit dringlichen Themen wie Neubau, Hochschulpakt und der akuten Raumnot an der HfMDK. In der Rolle als AStA-Vorsitzender merkt man dann schnell, dass man oft vermittelt, ohne selbst entscheiden zu können. Besonders herausfordernd ist die Kommuni­kation: Informationen zu bekommen, weiterzugeben und Menschen zu erreichen. Viele Prozesse sind langwierig, und man braucht Durchhaltevermögen. 

Wie fühlt sich diese Vermittlerrolle konkret an – eher wie Dirigent, Moderator oder Blitzableiter?

Elias: Ein bisschen von allem: Man steht zwischen Studierenden, Verwaltung und Präsidium und versucht, unterschiedliche Interessen zusammen­zubringen. Dabei ist es besonders schwierig, die Menschen für etwas Neues zu begeistern: etwa die Transponderlösung, die bereits erwähnte Stu­dentische Vizepräsidentschaft – oder das Anlegen der Hochbeete im Hof. Selbst für die Hochbeete waren einige Treffen mit unterschiedlichen Ab­teilungen nötig, bevor wir die realisieren konnten. Dabei scheitert es oft gar nicht am Willen, sondern an Strukturen und Kommunikationswegen. Das fühlt sich manchmal an, wie der berühmte Kampf gegen Windmühlen. Und trotzdem lohnt es sich dranzubleiben. 

Hand aufs Herz: Wie demokratisch ist eine Kunst­hochschule, die stark vom „Meister-Schüler-Prinzip“ geprägt ist?

Elin: Das hierarchische Verhältnis zwischen Leh­renden und Lernenden ergibt sich aus dem Wis­sensvorsprung und der didaktischen Verantwortung. Lehre ist nicht demokratisch – Hochschulen können es aber sein. Gerade die HfMDK verfügt auf der Ebene der Selbstverwaltung über breit ausgebaute demokratische Strukturen mit unterschiedlichen Mitbestimmungsgremien wie Senat, Fachbereichs­räten et cetera. Hier können Studierende, Lehrende und andere Gruppen aktiv demokratische Prozesse mitgestalten. 

Elias: Diese Unterscheidung ist wichtig für eine sachliche Diskussion. Lehrsituationen sind nun mal nicht demokratisch organisiert. Als Institution er­öffnet die HfMDK aber vielfältige Möglichkeiten zur Mitbestimmung, in denen unterschiedliche Status­gruppen an Entscheidungsprozessen beteiligt sind. Diese Chancen sollten wir aktiv nutzen. Selbst wenn hierarchische Strukturen bestehen, können wir un­sere Stimme einbringen. Dabei ist der Austausch mit der Hochschulleitung offen und konstruktiv – Kritik und unterschiedliche Meinungen sind ausdrücklich möglich. In den Gremien werden wir gehört und in unserer Arbeit unterstützt. Insgesamt erleben wir eine große Wertschätzung für unser Engagement. Das erfordert zwar mitunter Mut, lohnt sich aber in jedem Fall. 

Kann man demokratische Kompetenzen durch künstlerische Praxis lernen?

Elin: Ja – insbesondere im gemeinsamen Musizieren. Ich habe schon früh in Ensembles und Orchestern gelernt, zuzuhören, aufeinander zu reagieren und Entscheidungen im Miteinander zu treffen. Diese Erfahrungen prägen den respektvollen Umgang und fördern zentrale demokratische Fähigkeiten. 

Elias: Demokratie lernt man vor allem durch aktive Beteiligung. Im Hochschulkontext bewegt man sich zunächst in verschiedenen Gruppen – etwa in der Klasse oder im Fachbereich, unabhängig von der künstlerischen Praxis. Besonders die Hochschulpo­litik bietet dabei einen konkreten Erfahrungsraum: Hier trifft man auf unterschiedliche Perspektiven und muss gemeinsam Lösungen aushandeln. 

Wie ernsthaft werden Studierende bei wichtigen Entscheidungen einbezogen?

Elin: Insgesamt werden wir gehört und ernst genommen, auch wenn unsere Positionen nicht immer umgesetzt werden. Allein die Möglichkeit, unsere Perspektiven einzubringen, ist wichtig. 

Elias: Bei größeren Entscheidungen bleibt der Einfluss oft begrenzt. So wurde etwa zusätzlicher Raum in der vom Hauptgebäude weit entfernt lie­genden Schmidtstraße angemietet, obwohl der AStA frühzeitig auf praktische Probleme hingewiesen hatte – das Ergebnis: eine entsprechend geringe Nutzung. Trotzdem zeigt die Erfahrung: Wer sich nicht einbringt, wird auch nicht einbezogen. Gerade deshalb ist unser Engagement so wichtig. 

Welche Erfolge eurer Arbeit sind euch besonders wichtig?

Elias: Neben größeren Themen sind es oft konkrete Dinge, die den Alltag oder Strukturen vereinfachen – das Treffen mit Minister Gremmels wegen der Sanierung der Hochschule, unsere Kundgebung zur zukünftigen Hochschulfinanzierung, individuelle Verträge mit Fitnessstudios, Onlinewahlen oder Veranstaltungen, die die Gemeinschaft stärken. 

Elin: Mir ist besonders wichtig, dass wir Unterstüt­zungsangebote schaffen konnten, etwa im Bereich mentale Gesundheit. Hier können Studierende mit akuten Problemen zum Beispie ab diesem Semester schnell Hilfe bei einer professionellen Psychothera­peutin erhalten. Gerade im künstlerischen Studium gibt es viel Druck und Belastung, da braucht es niedrigschwellige und schnelle Unterstützung. 

Das Demokratiestipendium soll Engagement för­dern. Ist das Anerkennung oder Notwendigkeit?

Elias: Beides. Engagement kostet Zeit und Ener­gie – ohne Unterstützung ist das für viele schwer machbar. Das Demokratiestipendium ermöglicht echtes Empowerment. 

Elin: Für mich ist es vor allem Anerkennung und Entlastung. Es zeigt, dass diese Arbeit gesehen und wertgeschätzt wird. 

Verändert die finanzielle Förderung euren Alltag konkret?

Elin: Definitiv. Ich hatte während meines Studiums zeitweise drei Jobs parallel. Jetzt bereite ich mich fürs Staatsexamen vor. Da könnte ich mich einfach nicht wie bisher hochschulpolitisch engagieren. Durch das Stipendium bleibt mir jetzt mehr Zeit für die Examensvorbereitung und das Engagement. 

Elias: Für mich bedeutet es, dass ich mein Engage­ment in dieser Intensität überhaupt fortsetzen kann. Neben mehreren Jobs und Studium bin ich in den Semestern davor sehr an meine Grenzen gekommen. 

Ist Demokratie etwas Selbstverständliches?

Elias: Nein, überhaupt nicht. Demokratie lebt davon, dass Menschen sich aktiv einbringen. 

Elin: Genau – sie muss immer wieder neu gestaltet und verteidigt werden. 

Was müsste sich strukturell ändern, damit Mitbe­stimmung keine Zusatzbelastung ist?

Beide: Engagement braucht bessere Rahmenbedin­gungen. Das Demokratiestipendium ist ein wichtiger Schritt, aber langfristig müssen Mitbestimmung und Studium stärker miteinander verzahnt werden. 

Wenn ihr Demokratie musikalisch beschreiben müsstet – wie klingt sie?

Elin: Wie eine Mischung aus Partitur und Improvisati­on: Es gibt Regeln, aber auch Freiräume zur Gestaltung. 

Elias: Improvisation mit Regeln passt gut – man muss flexibel reagieren, aber innerhalb eines ge­meinsamen Rahmens. 

Wo seht ihr die größte Gefahr für demokratische Kultur an Hochschulen?

Elin: Wenn nicht mehr diskutiert wird, sondern nur noch blockiert – und Einzelinteressen über das Gemeinwohl gestellt werden. 

Elias: Wenn der Dialog verloren geht und man nicht mehr bereit ist, sich mit anderen Perspekti­ven auseinanderzusetzen und Entscheidungen rein ideologisch getroffen werden. 

Warum lohnt es sich trotzdem, sich einzumischen?

Elin: Weil man unglaublich viel lernt – über andere, über sich selbst und darüber, wie Gemeinschaft funktioniert. 

Elias: Und weil Veränderung nur möglich ist, wenn man sich beteiligt. 

Das Demokratiestipendium der HfMDK Frankfurt 

Zum Wintersemester 2025/26 vergab die HfMDK erstmals zwei Demokratiestipendien für beson­ders engagierte Studierende in der Hochschul­politik. Gefördert werden Einsatz für demokra­tische Werte und Mitgestaltung in Gremien wie AStA, Studierendenparlament oder Senat. Das Stipendium beträgt bis zu 500 Euro monatlich für maximal 12 Monate und schafft finanzielle Entlastung sowie zeitliche Freiräume für Engagement. Bewerben können sich alle immatrikulierten Studierenden der HfMDK, die in den Selbst­verwaltungsgremien der Hochschule aktiv sind. Die HfMDK dankt allen Förder:innen des De­mokratiestipendiums sowie der Gesellschaft der Freunde und Förderer der HfMDK. 

Alle Infos: 
https://www.hfmdk-frankfurt.de/thema/demokratiestipendium 

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