Essener Philharmonie-Chef Michael Kaufmann entlassen


23.09.08 -
Essen (ddp-nrw/nmz). Michael Kaufmann, Intendant der Essener Philharmonie, (Bild mitte bei der Verleihung des Würth-Preises der JMD) wurde laut WAZ fristlos entlassen. Auch die Belegschaft erfuhr von der Kündigung aus der Presse. Sie veröffentlichte eine Solidaritätsadresse. Scharf protestierte auch die Jeunesses musicales (siehe KIZ).
23.09.2008 - Von Agentur, KIZ

Das entschied nach Informationen der in Essen erscheinenden «Westdeutschen Allgemeinen Zeitung» (Dienstagausgabe) der Aufsichtsrat der Essener Theater- und Philharmonie GmbH.

Das Gremium wirft Kaufmann die Überziehung seines Etats um 1,5 Millionen Euro in den letzten beiden Spielzeiten vor. Bis zuletzt herrschte jedoch Unklarheit über diese Zahlen, schreibt das Blatt. Eine externe Prüfung sei bisher nicht offiziell in Auftrag gegeben worden. Bis zuletzt habe Kaufmann einer Auflösung seines Vertrages nicht zugestimmt. Er wolle seinen Vertrag, den der Aufsichtsrat übrigens 2005 sogar ohne Not vorzeitig bis 2013 verlängert hatte, auch erfüllen. Essens Kulturdezernent Oliver Scheytt kündigte für Dienstag eine «lückenlose Aufklärung» an. Man werde alle Zahlen auf den Tisch legen und alle Fragen beantworten können.

Offenbar wird Kaufmann damit zum Bauernopfer des von Anfang an nicht unumstrittenen wirtschaftlichen Konstruktes Theater- und Philharmonie GmbH. Denn als Intendant hatte sich Kaufmann zweifellos um die Qualität des Hauses verdient gemacht, das für die vergangene Saison vom Deutschen Musikverlegerverband für das beste Programm ausgezeichnet wurde. Die Philharmonie Essen ist überdies ein wichtiger Partner im Projekt "Entdeckungen" im Rahmen des von der Kulturstiftung des Bundes geförderten Netzwerks Neue Musik.

Kaufmann selbst erhielt 2006 den Würth-Preis der Jeunesses Musicales Deutschland, die Laudatio hielt der kürzlich verstorbene Mauricio Kagel. Seine damals gewählte Formulierung „Sie haben bewiesen, dass Sie fest entschlossen sind, Nein zum Beutel zu sagen und Ja zur Kultur“, erhält freilich im Nachhinein eine ungeahnte Brisanz…

 

Ergänzend zur ddp-Meldung ist hier das Statement der Essener Philharmonie zur Kaufmann-Entlassung
(Philharmonie Essen) Wie die Philharmonie Essen aus der Presse erfuhr, beschloss der Aufsichtsrat der Theater und Philharmonie Essen GmbH gestern abend die fristlose Kündigung von Philharmonie-Intendant Prof. Michael Kaufmann. Damit ist die Zukunft der Philharmonie Essen gefährdet und völlig offen, die erfolgreiche Arbeit seit der Eröffnung des Hauses im Juni 2004 wurde schlagartig in weiten Teilen zerstört.

Dieser unerwarteten Entlassung ist eine öffentliche Kampagne vorausgegangen, bei der sich seit etwa zwei Wochen in der lokalen Presselandschaft die Meldungen überschlagen. An einer Moderation des gesamten Vorgangs war den Verantwortlichen ebenso wenig gelegen wie an einer unabhängigen Prüfung der Zahlen. Statt eines konstruktiven und frühzeitigen Dialogs wurden durch Indiskretion und Vorverurteilung die Probleme nicht gelöst, sondern verschärft und öffentlich gemacht. Der Imageschaden ist enorm – nicht nur für die Person Michael Kaufmann, sondern auch für die Philharmonie Essen und die gesamte Stadt, die sich im Jahr 2010 „Kulturhauptstadt Europas“ nennen will.

Doch was ist passiert? Schwerpunkt der verschiedenen Presseberichte sind die vermeintlichen Defizite der Philharmonie in den vergangenen beiden Spielzeiten, der in den Medien mit bis zu 1,5 Millionen Euro beziffert wurde. Tatsächlich steht aber bis zum jetzigen Zeitpunkt der Jahresabschluss der vergangenen Spielzeit noch aus, ebenso fehlt die Überprüfung der Zahlen durch einen unabhängigen Wirtschaftsprüfer. Ausstehende Sponsorengelder, diverse Einnahmen aus den Vermietungsgeschäften der Philharmonie Essen sowie zu erwartende Rückzahlungen der Ausländersteuer u.v.a.m. wurden bei diesem veröffentlichten Zahlenwerk nicht berücksichtigt, so die Überzeugung des Philharmonie-Teams, das die Zahlen nach eingehender Prüfung massiv anzweifelt.

Die Aufregung um die Zukunft der Philharmonie und ihres Intendanten Michael Kaufmann und die jüngsten Entwicklungen haben auch die Politik überrascht: Die SPD-Ratsfraktion etwa bezog klar Stellung zum Essener Konzerthaus und seinem Intendanten. „Es ist schon erstaunlich, wie schnell in dieser Stadt eine Persönlichkeit von ‚Everybodys Darling’ zur Unperson erklärt wird. Noch bis vor kurzer Zeit waren alle voll des Lobes über die hervorragende künstlerische Arbeit von Michael Kaufmann, und nun wird Kaufmann als alleinige Wurzel des Übels für die finanzielle Schieflage innerhalb der TUP hingestellt“, erklärt Reinhard Paß, Fraktionsvorsitzender im Rat und Oberbürgermeisterkandidat der SPD, der vorschlägt, dass die Philharmonie besser als eigene Einheit und eben nicht unter dem Dach der TUP wirtschaften solle.

Die Philharmonie Essen, die in dieser Spielzeit ihr 5jähriges Jubiläum feiert, ist organisatorisch unter dem Dach der Theater und Philharmonie Essen (TUP) angesiedelt. Das Konzerthaus gilt als eines der akustisch besten und schönsten in Europa, das sich seit seiner Eröffnung im Juni 2004 unter der Intendanz von Prof. Michael Kaufmann durch sein profiliertes Programm schnell einen wichtigen Platz unter den Konzerthäusern Deutschlands und Europas erarbeiten konnte. In der vergangenen Spielzeit wurde die Philharmonie Essen etwa vom Deutschen Musikverleger-Verband für das „Beste Konzertprogramm der Saison 2007/2008“ ausgezeichnet. Nicht nur in der Kulturszene und beim Publikum genießt das Haus höchsten Zuspruch, auch Wirtschaftsunternehmen sehen sich gerne als Sponsor. In der vergangenen Spielzeit war es Intendant Kaufmann gelungen, über
1,4 Millionen Euro allein als Spenden- und Sponsorengelder für die Philharmonie einzuwerben. Derzeit bestreitet die Philharmonie Essen bislang mehr als 50% ihres Programm-Etats aus Drittmitteln – ein bundesweit beispielhafter Wert. Über 220.000 Besucher zählte die Philharmonie in der vergangenen Saison, der 1.000.000. Besucher konnte am vergangenen Wochenende begrüßt werden.

Diese bisherigen Erfolge der Philharmonie motivierte Anfang September acht Essener Unternehmen – die Heinrich Deichmann Schuhe GmbH & Co. KG, sgp Essen GmbH, WAZ Mediengruppe, National-Bank AG, HOCHTIEF Aktiengesellschaft, E.ON Ruhrgas AG, RST HANSA GmbH und einen langjährigen privaten Förderer der Philharmonie – dazu, ein Kuratorium für die Philharmonie Essen zu gründen. Dieses Kuratorium möchte eine zusätzliche Unterstützung für die profilierte Arbeit der Philharmonie leisten und dazu beitragen, dass das Konzerthaus seinen erfolgreichen Weg weiter gehen kann.

Wie es nun weitergehen soll, ist offen: Die Mitarbeiter der Philharmonie Essen wurden bislang nicht über den aktuellen Verlauf der Ereignisse, den Beschluss der Aufsichtsratsitzung und auch nicht über die nähere Zukunft der Philharmonie Essen informiert – weder von Seiten ihres Betriebsrates noch von der Geschäftsführung der Theater und Philharmonie Essen GmbH. Ein weiterer Beweis für eine mangelhafte Informationspolitik, die dem Ruf des Hauses enorm schadet und auch keine Perspektiven für die Zukunft aufzeigt.

Für das Team ist absolut unverständlich, dass die Verantwortlichen auf der Basis von ungeprüften Zahlen eine so wichtige Personalentscheidung treffen: „Der Erfolg der Philharmonie Essen ist ohne jede Einschränkung der absolut beeindruckenden und von uns sehr geschätzten Arbeit unseres Chefs zu verdanken, unter dessen Leitung die Philharmonie Essen innerhalb kurzer Zeit einen wirklich beachtlichen überregionalen Ruf erwerben konnte. Wir sind in jeder Hinsicht entsetzt und sprachlos über die Vorgänge und die Entscheidung des Aufsichtsrates. Wir fordern Dialog statt Destruktion, eine unabhängige Prüfung der Zahlen und eine Philharmonie Essen mit Michael Kaufmann.“

 

Auch die Jeunesses Musicales Deutschland protestiert: Kaufmann-Kündigung - Kopflos in Essen

Die Jeunesses musicales kommentiert den fragwürdigen Rauswurf ihres Würth-Preisträgers 2006 wie folgt: Die "Kulturhauptstadt Essen" verliert mit Intendant Michael Kaufmann einen visionären Gestalter:

Die fristlose Entlassung von Michael Kaufmann als Intendant der Philharmonie Essen ist ein Skandal. Nachdem sein Vertrag erst letztes Jahr bis 2013 verlängert wurde, zeugt dieser Schritt in erster Linie von der latenten Konzeptlosigkeit der Essener Kulturpolitik. Und das inmitten der Vorbereitungen für RUHR.2010, wo sich Essen als Kulturhauptstadt Europas profilieren müsste.

Haben die Essener Kulturverantwortlichen Kaufmanns Programmpolitik nicht verstanden, oder haben sie diese nie so gewollt? Immerhin hat Kaufmann die Philharmonie Essen nach dem Umbau des alten Saalbaus aus dessen lokal verhafteter Bedeutungslosigkeit herausgeholt und innerhalb weniger Jahre bundesweit und international profiliert. Und immerhin wurde er dafür mit dem Preis für das „Beste Konzertprogramm 2007“ vom Deutschen Musikverlegerverband ausgezeichnet. Die Bundeskulturstif-tung nahm das Haus in die bundesweit millionenschwere Förderung des „netzwerk neue musik“ auf. Und der schon 2006 verliehene Würth Preis der Jeunesses Musicales Deutschland würdigte Kaufmanns Engagement vor allem unter dem Aspekt seiner musikalischen Stadtteilprojekte und der Förderung junger Orchester.

Mit der in seinem Programm klar ausgewiesenen Linie für Jugendorchester, bestückt mit Ensembles von internationalem Rang wie dem Jeunesses Musicales Weltorchester oder dem Simon Bolivar Youth Orchestra of Venezuela über die nationale Ebene wie mit dem Bundesjugendorchester bis hin zum Essener Jugendsinfonieorchester, schuf Kaufmann ein bundesweit vorbildliches Podium für den Orchesternachwuchs. Ein internationales Jugendorchesterfestival befand sich für 2010 in der Planung.

Dass Kaufmann nun wegen angeblicher Etatüberschrei-tungen geschasst wurde, erscheint nicht nur unangemessen. Essen könnte soeben mit diesem visionären und erfolgreichen Kulturgestalter seinen neuen Ruf als Musikstadt mit Ideen aufgegeben haben.

 

Wolfgang Reiniger,  Oberbürgermeister in Essen, verteidigt hingegen die Kündigung Michael Kaufmanns:
Statement des Oberbürgermeisters

Essen - Dienstag, 23. September 2008 - Zum gestrigen Beschluss des Aufsichtsrates der Theater und Philharmonie, das Vertragsverhältnis mit dem Intendanten der Philharmonie, Michael Kaufmann, fristlos zu kündigen, erklärt Oberbürgermeister Dr. Wolfgang Reiniger:

„Ich bin betrübt, dass die Amtszeit von Herrn Kaufmann so zu Ende geht. Seine Verdienste um den Aufbau der Philharmonie sind unbestritten und werden gerade auch von mir besonders geschätzt. Gleichwohl war die Trennung von ihm in der gegebenen Situation wohl unvermeidbar. Ich stehe fassungslos dem Phänomen gegenüber, dass bereits die vorletzte Spielzeit mit einem riesigen Minus geendet hat und der Intendant hieraus keine Konsequenzen für die letzte Spielzeit gezogen hat. Im Gegenteil hat er seinen Wirtschaftsplan erneut gewaltig überzogen. Ich bin deshalb auch persönlich sehr enttäuscht. Ein solches Verhalten ist nicht hinnehmbar, auch weil es das sorgsam austarierte Verhältnis der Sparten unter dem Dach der Theater und Philharmonie tangiert. Hier war ein Einschreiten geboten, sollte nicht die Arbeit der Theater und Philharmonie insgesamt in Gefahr geraten.“

Quelle: PM Stadt Essen

 

Kommentar: Parallelen zwischen Essen und Leipzig?
(nmz-bl) - Die fristlose Kündigung des Intendanten Michael Kaufmann in Essen  erinnert doch sehr an die Entlassung des Leipziger Opernintendanten Henri Maier im August 2007. Auch sein Vertrag wurde ein Jahr vor seiner Entlassung um fünf Jahre verlängert. Da der Leipziger Stadtrat eine Abfindung Maiers ablehnte, wurde die Kündigung unwirksam und der nunmehr beurlaubte Intendant bezieht sein Gehalt vom Steuerzahler bis zum Auslaufen seines Vertrages im Jahr 2011.
Fatal, nicht nur für die Stadt Leipzig. Auch für das städtische Opernhaus und sein Ensemble ist eine nervenaufreibende Situation entstanden, da die Neubesetzung der Intendantenstelle blockiert ist. Interims-Intendant Alexander von Maravic, bis zu Maiers Rausschmiss Geschäftsführender Direktor der Oper Leipzig, sind also noch drei Jahre lang die Hände gebunden. Eine ähnliche - nicht wünschenswerte - Situation könnte auch auf die Stadt Essen und die Philharmonie zukommen. 

 

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