Computer-Rekonstruktion von J. S. Bachs Weimarer Schlosskirche gelungen


30.05.05 -
Modernste Computertechnologie für Johann Sebastian Bach: In einem interdisziplinären Forschungsprojekt zwischen der Hochschule für Musik FRANZ LISZT Weimar und der Bauhaus-Universität Weimar haben Architekten, Bauphysiker und Musiker die Bachsche Hofkapelle im Weimarer Residenzschloss, die so genannte „Himmelsburg“, räumlich und akustisch rekonstruiert.
30.05.2005 - Von nmz-red/leipzig, KIZ

Ein virtuelles 3-D-Modell der Kirche kann jetzt im Internet unter http://www.florianscharfe.de/schlos… eingesehen werden.

Beim Schlossbrand im Jahre 1774 war der Sakralraum mit der Musikerempore und die Orgel, die J. S. Bach hier von 1708 bis 1717 schlug, vernichtet worden. Von dem Gebäude erhalten blieben einzig die Umfassungsmauern und historische Bauzeichnungen. Bisher war nur bekannt, dass die Musik von einem hellen Dachgeschossraum („Capella“) durch ein großes Schalloch hinunter in den relativ düsteren Kirchenraum der Hofkapelle erklang, weswegen sie von den Zuhörern als besonders „himmlisch“ empfunden worden war.

Auf Grundlage der Bauzeichnungen gelang es nun dem Architekten Florian Scharfe, ein virtuelles 3-D-Modell der Kirche zu erzeugen, in welchem man sich als Besucher sogar bis zur Orgelempore, Bachs ehemaligem Arbeitsplatz, hinauf bewegen kann. Die Rekonstruktion der Empore lässt erkennen, dass sich die Chorsänger und Orchestermusiker bei den sonntäglichen Kantaten-Aufführungen auf dem ca. 1,5 Meter schmalen Gang kreisförmig um die Schallöffnung herum aufstellen mussten. Man hatte es also mit einem regelrechten „Musizierkreis“ unter sehr beengten Verhältnissen zu tun.

Die Akustik sorgte oben auf der Empore nicht gerade für eine sakrale Atmosphäre: Es fehlte der Nachhall, wie Computer gestützte Berechnungen des Bauingenieurs Jörg Arnold, ergaben. Gut war diese Akustik jedoch für ein genaues Zusammenspiel der Musiker bei den vielstimmigen Werken Bachs. Unten, auf den Zuhörerbänken im Kirchenraum und auf der mittleren Empore des Hofstaates, zeichnete sich die Akustik durch Ausgeglichenheit und eine für Kirchen typische Halligkeit aus, die aber erstaunlicherweise trotzdem die Hörbarkeit feinster Artikulationen ermöglichte. Dieser Umstand ist insbesondere für heutige, der historischen Aufführungspraxis verpflichtete Organisten ein wichtiger Hinweis. Dagegen nahm die Hörqualität zu den Seitenemporen hin stark ab.

Da Bach für diesen baulich einmaligen Raum einen Großteil seiner bedeutendsten Orgelwerke und Kantaten schuf, ist es besonders für Musiker von großem Interesse, mehr über die damaligen Aufführungsbedingungen zu erfahren und Inspirationen für die eigene Bach-Interpretation zu erhalten. Speziell für die Schlosskirche komponierte Bach sämtliche Kantaten seiner Weimarer Zeit, darunter die Kantate „Himmelskönig sei willkommen“ BWV 182, die auch starke theologische Bezüge zur Raumarchitektur des Sakralraums aufweist. In den Wintermonaten war es so kalt, dass der Organist sich seine Finger zunächst über einem Holzkohlebecken aufwärmen musste.

In einem nächsten Schritt, so der an der Hochschule für Musik FRANZ LISZT Weimar studierende Cembalist Alexander Grychtolik, dem die Konzeption des „Himmelsburg“-Projekts oblag, sollen ausgewählte Weimarer Werke Bachs mit Hilfe der so genannten Auralisierung in der spezifischen Akustik der Himmelsburg digital hörbar gemacht werden, so dass sich der Zuhörer bei einem Konzert in der Kirche wähnt. Die Ergebnisse des Forschungsprojektes finden Eingang in das Ende 2005 im Wartburg-Verlag erscheinende Buch „Bachstadt Weimar“.

Quelle: HfM „Franz Liszt“ Weimar















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