Größte Kulturstiftung am Ende? Wissenschaftsrat empfiehlt Auflösung


08.07.20 -
Berlin - Wird die Stiftung Preußischer Kulturbesitz als größte Kulturinstitutionen des Landes in Einzelteile zerlegt? Nach zwei Jahren Untersuchung steht die Dachorganisation zahlreicher Museen und Bibliotheken vor der Auflösung. Nun haben Bund und Länder das Wort.
08.07.2020 - Von dpa, Gerd Roth, KIZ

Der größten deutschen Kulturinstitution droht das Aus. Die von Bund und Ländern getragene Stiftung Preußischer Kulturbesitz soll zerschlagen werden. Der Wissenschaftsrat empfiehlt nach dem der dpa vorliegenden Entwurf eine Auflösung der Berliner Dachorganisation von Museen und anderen kulturellen Einrichtungen.

Die Vielzahl der Institutionen führten zu einer «strukturellen Überforderung» der Stiftung, heißt es im Entwurf. Einrichtungen drohten «teilweise den Anschluss an aktuelle Entwicklungen und Debatten zu verlieren, auch und insbesondere in internationaler Perspektive». Über das Papier hatte zunächst die «Zeit» berichtet.

Im Koalitionsvertrag hatten Union und SPD festgeschrieben, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz «strukturell an die Anforderungen eines modernen Kulturbetriebs mit internationaler Ausstrahlung» anzupassen. Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) beauftragte entsprechend den Wissenschaftsrat mit der Evaluation, der Bund und Länder in Fragen inhaltlicher und struktureller Entwicklung von Wissenschaft, Forschung und Hochschulen berät.

Zur Stiftung mit rund 2000 Mitarbeitern gehören die Staatlichen Museen Berlin, deren 15 Sammlungen mit 4,7 Millionen Objekten an 19 Standorten präsentiert werden, die Staatsbibliothek, das Geheime Staatsarchiv, das Ibero-Amerikanische Institut und das Staatliche Institut für Musikforschung.

Der Etat der 1957 gegründeten Stiftung sieht für das Jahr 2020 fast 336 Millionen Euro an Ausgaben vor. Neben Einnahmen (2019: 28,6 Millionen Euro), Drittmitteln (20,4) und Spenden (1,5) kommen nach einer Vereinbarung von 1996 die Mittel für den Sockelbetrag von etwa 123 Millionen Euro vom Bund (75 Prozent) und Ländern (25 Prozent). Der Länderanteil wird jenseits des Sockels vom Land Berlin gesichert.

Die Museen besuchten im vergangenen Jahr fast 4,2 Millionen Menschen, davon allein knapp 3,1 Millionen die Häuser der Museumsinsel wie dem Pergamonmuseum, der Alten Nationalgalerie oder dem Neuen Museum mit der Nofretete. Die Staatsbibliothek verzeichnete 887 000 Besuche.

Das Gutachten sieht vor, vier eigenständige Organisationen zu gründen für Staatliche Museen, dann mit Institut für Musikforschung, Staatsbibliothek, Geheimes Staatsarchiv und das Ibero-Amerikanische Institut. Dafür soll es jeweils eine unabhängige Leitung mit Personal- und Budgetverwaltung geben. Erwartet wird dadurch mehr Effizienz und Eigenständigkeit bei Schwerpunkten, Forschung, Bildung.

Die wissenschaftliche Kommission empfiehlt, die föderale Struktur weitgehend aufzulösen. Der Bund soll Staatsbibliothek, Staatsarchiv und Ibero-Amerikanisches Institut tragen. Die Staatlichen Museen sollen Bund und Berlin finanzieren. Die Gesamtzuständigkeit läge weiterhin beim Bund. Gleichzeitig fordert der Wissenschaftsrat die künftig nicht an der Finanzierung beteiligten Länder «mit allem Nachdruck auf, die frei werdenden Mittel für andere gesamtstaatliche Aufgaben im Kulturbereich zu verwenden».

Für die 278 Seiten umfassenden Empfehlungen wurden die Leitungs- und Finanzstruktur der Stiftung untersucht, sowie die Funktionsfähigkeit der Museen, Archive und Bibliotheken analysiert. Dabei ging es auch um Strategien bei Digitalisierung und Forschung.

Einige Pläne des Wissenschaftsrates werden jedoch vielleicht nicht realisiert. «Möglicherweise werden nicht alle Empfehlungen 1:1 umgesetzt werden können», sagte Grütter der dpa in Berlin, «aber ich sehe bei allen Beteiligten eine große Offenheit und Bereitschaft, sich gut begründeten, auch weitreichenden Veränderungen zu stellen». Zu Einzelheiten wolle sie sich nicht äußern, bevor das Gutachten nicht vom Wissenschaftsrat verabschiedet worden sei.

Hinter der Evaluierung stehe «der Wunsch, mehr als 60 Jahre nach Gründung der Stiftung eine fundierte Analyse ihrer heutigen Struktur und ihrer Arbeit zu erhalten, aber auch Erkenntnisse über Probleme und Veränderungsbedarf zu gewinnen». Es gehe darum, Empfehlungen für Modernisierungen und Reformen «aus der Hand einschlägiger Experten zu bekommen». Das Gutachten sei «Ausgangspunkt und Chance für einen langfristigen substanziellen Reformprozess», sagte Grütters.

Für den kommenden Montag (13.7.) hat der Wissenschaftsrat eine Pressekonferenz angekündigt, an der auch Grütters und Stiftungspräsident Hermann Parzinger teilnehmen sollen.

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