Schlingensief provoziert Regensburg


11.02.05 -
Essen für alle - Regisseur Schlingensief empfiehlt Ruhrmetropole statt Regensburg als Kulturhauptstadt 2010
11.02.2005 - Von nmz-red/leipzig, KIZ

Berlin (ddp-bay). «Essen für alle» - so bringt es Christoph Schlingensief nach anderthalb Stunden auf den Punkt: Nicht Regensburg sollte sich als Kulturhauptstadt 2010 bewerben, sondern Essen. Als Kind des Ruhrgebiets wäre es ihm eine große Freude, diese Bewerbung zu unterstützen, lässt der Regisseur am Donnerstagabend in der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz von einem Schauspieler verlesen. Abgesehen davon sei es fraglich, ob man überhaupt eine europäische Kulturhauptstadt brauche. Stattdessen könne man die 200 000 Euro doch besser der Erforschung der Nervenkrankheit ALS zur Verfügung stellen.

Die traditionsreiche 140 000-Einwohner-Stadt an der Donau hatte Mut gezeigt und ausgerechnet Skandal-Regisseur Schlingensief um die Aufführung eines Stückes zur Bewerbung als Kulturhauptstadt gebeten. Doch was versprach man sich davon? Mit großem Gefolge waren die Stadtoberen in die Hauptstadt gereist, um das Ergebnis ihres Auftrags zu sehen: Schlingensief versprach ihnen eine «Regensburg-Oper von heute in der wegweisenden Zwölftontechnik», eine Vor- und Ausstellung der Regensburger Psycho-Geografie, «ohne jeden Zuckerguss».

Heraus kam eine «Gala» seiner «Kunst & Gemüse»-Revue, die bereits seit November viel beachtet an der Volksbühne zu sehen ist. Der Conferencier trug kurze Lederhosen zu Gamsbart-Hut und eine waschechte Blaskapelle leitete zünftig durch den Abend. Ein Panoptikum aus zwölf skurrilen Personen - von der Zwergin bis zur Rudolph-Moshammer-Parodie - trug die Eigenarten der Stadt lautstark vor - zwölf Wege zur Stadterschließung nannte es der Conferencier. Da er in seiner Anmoderation des Abends 95 Mal den Namen Regensburg genannt habe, sei der Vertrag der Volksbühne mit der Stadt schon erfüllt, verkündete er.

«Keine Chance Regensburg», so lautete das Motto des Abends, obwohl Schlingensief selbst eine gewisse Sympathie für die alte Universitätsstadt doch nicht verhehlen konnte. Er nannte Regensburg die «nördlichste Stadt Italiens» und das Motto «Keine Chance» eine «rhetorische Frage». Lokale und internationale Größen von Johannes Heesters bis Fürstin Gloria von Thurn und Taxis luden zu einem ungezwungenen Umherschweifen durch das museale und das moderne Regensburg ein. Die Vorzüge der Donaumetropole wurden herausgearbeitet und von der Blaskapelle Menzl hinausposaunt. Doch auch die schmuddeligen Ecken präsentierte ein Video-Rundgang: ein unattraktives Hochhaus, Erotik-Shops und ein Aldi-Supermarkt zeigten die Kehrseite der Historien-Idylle.

Niemand wird aufgrund der Aufführung Regensburg zur europäischen Kulturhauptstadt ernennen, hieß das Resümee des Conferenciers. Und auf einer Pressekonferenz an einem mit weißblauem Tuch dekorierten Tisch verkündete eine Regensburgerin stammelnd, die Stadt ziehe ihre Bewerbung zurück. Da das in Wirklichkeit natürlich nicht stimmt, erklärte Schlingensief, er distanziere sich von der Bewerbung. Aber auch eher rhetorisch. Also doch eine Bewerbung mit Unterstützung des Skandal-Regisseurs? Im Anschluss an den Stadtrundgang bat er alle Anwesenden, für Regensburg Blut zu spenden. Und wer frisches Blut bekommt, der hat bestimmt noch viel vor.

Angelika Rausch











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