Sie können es bestimmt nicht mehr hören. Andere es aber nicht mehr zahlen: das Konzertticket regulär und im Weiterverkauf. Deshalb kam es im Mai 2026 zu einem melodramatischen Moment künstlerischer Solidarität. Kampfesmutig hakten sich unter: Bands, deren abendliche Catering-Kosten dem Jahresgehalt einer Kitaerzieherin entsprechen, sowie Konzertagenturen, Produzenten und politische Interessengruppierungen. Zusammen hat die Koalition der Empörten einen Brief geschrieben, mariniert im Sirup der Betroffenheit. An die Bundesregierung. Inhaltlich tadellos.
Sven Ferchow. Selfie
Briefe, die die Welt verändern
Man fordert eine Preisobergrenze von 25 Prozent beim Weiterverkauf, Bot-Verbote oder ein Meldesystem für Plattformen wie Viagogo. Denn Deutschland sei ein „nahezu regulierungsfreier Raum für Ticketspekulanten.“ Hört hört. Bei so viel Empathie rumpeln einem ja gleich die ersten Zeilen der „Internationalen“ aus den traurigen Mundwinkeln. Liebe Musikindustrielle, wer hat denn bitte diesen „Raum“ jahrelang mit Schweigen gefüllt, während Fans für ein Ticket, das ursprünglich 60 Euro kostete, plötzlich 560 Euro auf Viagogo hinblättern mussten? Sofern sie das Ticket überhaupt erhalten haben? Wer hat denn mit halluzinatorischen Verwaltungsgebühren (auch Frechheitsgebühren genannt) die Ticketpreise in venezolanische Inflations-Höhen getrieben? Richtig. Die Branche selbst. Die Opportunisten in Reinkultur namens Catering, Merchandising oder Parkplatzbetreiber sollen dabei nicht unerwähnt bleiben. Oder Stichwort „dynamische Preisgestaltung“. Was wurde dagegen unternommen? Richtig. Wieder nichts. Weil alle Branchenangehörigen, spirituell erleuchtet vom Kapital, wussten: Tour-Time ist Melk-Time. Warum, liebe Koalition der Empörten, wird akkurat jetzt erst gehandelt? Angst, dass den Leuten nun wirklich das Geld ausgeht, das in der Straße von Hormus verbrannt wird?
Ganz nebenbei. Viagogo existiert seit 2006. Bots kaufen Tickets seit über einem Jahrzehnt auf und leer. Gefälschte Tickets sind ebenso ein lange bekanntes Problem. Als die Landgerichte Hamburg und Berlin Viagogo zu strengeren Verbraucherschutzvorgaben verpflichteten, hat die Branche herzhaft applaudiert und dann weitergemacht wie bisher. Und ein Liebesbrief an die Regierung soll es nun richten? Das hat ja geradezu Lufthansa-Allüren. Immerhin bieten „Die Toten Hosen“ für ihre aktuelle Tour Sozialtickets zu 19,90 Euro an. Wahrscheinlich mit freier Platzwahl zwischen Dixie-Klo und Bauzaun. Vorschlag, liebe Künstler. Spielt einfach öfter und kleiner. Unterstützt die, die euch groß gemacht haben. Sichert deren Arbeitsplätze. Spielt nachhaltig. Ohne LED-Leinwände, die von einem mobilen Atomkraftwerk betrieben werden. Verlangt faire Preise, die bezahlt werden können und die euch bezahlen. Dann braucht es keinen Brief mit dem Petzen-Hinweis, dass der Koalitionsvertrag auf Seite 87 den Ticketzweitmarkt regulieren will. Denn, um es philosophisch zusammenzufassen: „Maß halten, ist die beste Kunst“.
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