Hauptbild
Gordon Kampe, in Jacke, hellem Hemd, mit dunklen kurzen Haaren, ohne Bart und mit schmaler Brille

Gordon Kampe. Foto: privat

Hauptrubrik
Banner Full-Size

Dampfradio

Untertitel
Cluster von Gordon Kampe
Vorspann / Teaser

Ich mochte Musik früher nur, wenn sie laut war. Auf meinen Kassetten, auf die ich sämtliche in der Stadtbibliothek erhältlichen CDs mit Haydn- und Beet­hoven-Sinfonien überspielte, fehlten stets die langsamen und leiseren Sätze. Und ich liebe es noch immer, wenn ich mal richtig weggefegt werde. Dieses jahrzehntelang gehörte, oft zum deepen Klischee geronnene Geraschel und Geschabe in manch zeitgenössischer Musik (die oft das Lächeln vergessen hat – ein Blick auf die Künstlerfotos genügt...) kann ich inzwischen nicht mehr hören. 

Autor
Publikationsdatum
Paragraphs
Text

Nicht nur wegen des mittelalten Gehörs. Und dann: Zackebumms, wie schön – wenn die eigenen, für unumstößlich gehaltenen Weltbildchen ins Wanken geraten. Neulich in einer Marthaler-Aufführung in Hamburg. Ein älterer Herr im schicken Anzug beugt sich tief herunter und bleibt fortan gebückt stehen, die Ohren direkt vor einem Dampfradio. Und er singt, in Kopfstimme, ganz zart und leise, ein Lied von Mahler. Was für eine schöne, heitere und zugleich melancholische Geste! Mahler, der sonst gern tobt und stürmt, auf Zimmerlautstärke gedimmt. Und siehe da: Mein Herz bleibt mir fast stehen, so traurig ist dieses Lied. Unkaputtbar – auch und gerade in seiner Unperfektion. Bach bekommt man auch nicht kaputt, weder mit der leiernden Walkman-Kassette von 1986 noch mit einem völlig verstimmten Instrument. Ergo: Ich mache jetzt stets den Dampfradiotest – eine untrügliche Qualitätskontrolle. Wenn das Laute nicht trägt, weil es nur auf Dezibel aus war, dann war’s wohl nichts. Vielleicht gilt das auch für Menschen. Wessen Ideen selbst dann überzeugen, wenn man sich zu ihnen hinunterbeugen muss – dem sollte man vielleicht zuhören.

Autor
Print-Rubriken
Unterrubrik
Musikgenre