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Das Jahr des Akkordeons in der nmz (Teil 5): Die Verwandten

Das Jahr des Akkordeons in der nmz (Teil 5): Die Verwandten

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Das Jahr des Akkordeons in der nmz (Teil 5): Die Verwandten

Vorspann / Teaser

Am Anfang ist da oft nicht mehr als eine Idee, ein kreativer oder überraschender Moment. Ein Gegenstand, auf den man draufschlägt, ein Rohr, in das man bläst, ein Glasrand über den man mit dem Finger streicht – und dann entsteht da ein Ton. Das kann überall auf der Welt geschehen – und das Ergebnis ist auf allen Kontinenten und in allen Sprachen dasselbe: ein Ton. Im Laufe der Zeiten sind diese Erkenntnisse weiterentwickelt worden, kombiniert, verfeinert, ….. So sind allüberall auf der Welt Musikinstrumente entstanden – oftmals in unterschiedlichen Gegenden der Welt sehr ähnliche Instrumente, aber auch sehr unterschiedliche. Wir wollen einen Blick auf das Akkordeon und seine Verwandten werfen, deren älteste aus China kommt.

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Die Verwandtschaft des Akkordeons ist groß – und eigentlich sollte das Akkordeon ursprünglich gar nicht das Instrument des Jahres 2026 werden. Geplant war eigentlich die Harmonika – aber wer kennt schon eine Harmonika? Sicher: Die Aktion „Instrument des Jahres“ soll auch für einen Zugewinn an Bekanntheit einzelner nicht so verbreiteter Instrumente sorgen. Bisher waren die Instrumente des Jahres schon irgendwie von vornherein einer breiteren Gruppe von Menschen bekannt. Die Harmonika – nein, die ist eher ein selteneres Instrument, das man erst hätte ans Licht zerren müssen.

Gleichzeitig ist der Begriff „Harmonika“ auch der Überbegriff für eine ziemlich umfangreiche Instrumentenfamilie. In der „Mundharmonika“ kommt der Begriff „Harmonika“ vor, gleichzeitig ist die Mundharmonika ein durchaus weitverbreitetes Musikinstrument – neulich stand ich an einer Ampel und sah im Cabrio neben mir, wie sich jemand mit ein paar Tönen aus seiner Mundharmonika die Wartezeit bis zum grünen Licht verkürzte. Ein kleines und handliches Instrument, das man quasi in der Hosentasche dabei haben kann – nicht Hausmusik, sondern Unterwegsmusik. Auch der Begriff „Ziehharmonika“ ist – gerade in der Volksmusik – vielen Menschen noch bekannt. Aber wie sie wirklich funktioniert und inwieweit sie mit dem Akkordeon verwandt ist bzw. sich von ihm unterscheidet, da ist das Wissen schon rarer gesät.

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Zwei unterschiedliche Melodicas der Firma Hohner aus Trossingen. © wikimedia/Bloody-libu

Zwei unterschiedliche Melodicas der Firma Hohner aus Trossingen. © wikimedia/Bloody-libu

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Die Familie der Harmonika-Instrumente ist insgesamt groß und vielfältig. Die einzelnen Instrumente haben zusätzlich je nach Region oder handwerklicher Ausführung vielerlei unterschiedliche Erscheinungsformen. Allen gemeinsam ist die Art der Tonerzeugung mittels durchschlagender Zungen (Durchschlagzungeninstrumente). Um diese Zungen zum Erklingen bzw. in Bewegung zu bringen, benötigen die Instrumente Luft – gehören also zur Gruppe der Aerophone, der Luftklinger. Diese Luft kann sowohl durch den Atem des Spielers, also durch irgendeine Form des Anblasens, zu den Zungen geführt werden, aber auch rein mechanisch durch einen Blasebalg.

Zu den ältesten Harmonika-Instrumenten gehört die Physharmonika, ein Tasteninstrument, bei dem der Balg mittels Pedalen bedient wurde. [NB: Der Name der „Glasharmonika“ könnte in die Irre führen – sie ist kein Harmonika-Instrument, auch kein Aerophon! Auf ihr werden unterschiedlich große Glasglocken durch Reiben mit den Fingern zum Klingen gebracht. Daher gehört sie zu den Reibidiophonen. In diese Gruppe gehört auch die Klavierharmonika, die über eine Tastatur eine mechanische Vorrichtung bedient wird, die die Gläser anstreicht.] Zu den Harmonika-Instrumenten zählt die Melodica, die lange Zeit in der frühkindlichen Musikausbildung der Blockflöte Konkurrenz zu machen versuchte. Ihr nahe verwandt ist die Triola. Die Mundharmonika haben wir schon erwähnt. Ihr steht die Harmonetta nahe, die in den 50er Jahren von der Firma Hohner in Trossingen gebaut worden ist, heute aber fast vollständig vom Markt verschwunden ist. Eine nahe Verwandtschaft besteht auch zu den chinesischen und südostasiatischen Mundorgeln. Ziehharmonikas in ihren vielfältigen Bauvarianten wurden auch schon erwähnt – zu ihnen gehören auch das Akkordeon und das Bandoneon. Mit dem Harmonium – quasi als voll ausgebautes Standmodell – wollen wir hier das Familienalbum schließen.

Auf drei Instrumente der großen Harmonika-Instrumentenfamilie wollen wir hier einen kleinen Blick werfen (das Akkordeon ist ja Thema der ganzen Serie und soll hier nicht explizit erwähnt werden): die Sheng als Urmutter aller Harmonikainstrumente, die Steirische Harmonika als klassisches Volksmusikinstrument (mit einer Besonderheit in der Tonerzeugung) und das Bandoneon, das von Deutschland aus eine weite Reise – hauptsächlich in die Welt des Tangos – angetreten hat.

Sheng

Die Sheng ist ein traditionelles Instrument in China und Südostasien. Sie ist eines der ältesten Blasinstrumente der Welt und gilt als Urmutter der Harmonika-Instrumente. Sie gehört zur Familie der Mundorgeln und der Durchschlagzungeninstrumente. Die Sheng besteht aus verschieden langen Pfeifen, die zumeist aus Bambus gefertigt sind. Bei der historischen Sheng, die sich in bildlichen Darstellungen ab etwa 1100 v. Chr. nachweisen lässt, variiert die Anzahl der Pfeifen hauptsächlich zwischen 13, 14 und 17 Pfeifen. Nicht alle der Pfeifen klingen, manche sind stumm und haben dekorative Funktion. Die traditionelle Stimmung dieser Instrumente ist diatonisch.

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Eine chinesische Sheng aus dem späten 19. Jahrhundert (Metropolitan Museum of Art, New York).     © wikimedia/Pharos

Eine chinesische Sheng aus dem späten 19. Jahrhundert (Metropolitan Museum of Art, New York). © wikimedia/Pharos

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Die Pfeifen stehen in einer Luft- oder Windkammer, die häufig aus einer Kalebasse (= ausgehöhlte und getrocknete Hülle des Flaschenkürbisses) besteht bzw. gefertigt wurde. Seitlich an der Kalebasse ist ein Mundstück angebracht, durch das Luft eingeblasen oder gesaugt wird. Die durchschlagenden Zungen befinden sich in den Pfeifen und werden durch den Wind angeregt und zum Klingen gebracht. Wird an einer Pfeife ein Loch geschlossen, d. h. mit dem Finger abgedeckt, so kann diese Pfeife erklingen.

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Der Sheng-Spieler Wu Wei mit seiner modernen, weiterentwickelten chromatischen Sheng.     © wikimedia/Klaus Hinrich Stahmer

Der Sheng-Spieler Wu Wei mit seiner modernen, weiterentwickelten chromatischen Sheng. © wikimedia/Klaus Hinrich Stahmer

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Nach Europa kamen die ersten Sheng vermutlich in der Mitte des 18. Jahrhunderts. Seither haben sie sich im westlichen Kulturkreis verändert. Heute werden die Windkammer und die Pfeifen oft auch aus Metall gefertigt. Moderne Sheng weisen oftmals eine chromatische Stimmung auf. Es ist nicht zuletzt dem in China geborenen und heute in Deutschland lebenden Wu Wei (*1970) zu danken, dass die Sheng ihren Weg in die westliche (Musik-)Welt gefunden hat. Sein eigenes Instrument ist eine individuelle Weiterentwicklung der klassischen Sheng mit einer Klappenmechanik, die es ihm erlaubt, fast das gesamte westliche Tonsystem zu spielen. Neben der klassisch chinesischen Musik stehen improvisierte Musik, Neue Musik (u. a. mit knapp 300 Uraufführungen, die für ihn geschrieben worden sind – z. B. von John Cage, Enjott Schneider oder Klaus-Hinrich Stahmer), Jazz und Weltmusik im Fokus seines Wirkens.

Steirische Harmonika

Fangen wir mit dem Namen an: „steirisch“ – er deutet nur sehr indirekt auf die Steiermark. Die Steiermark hat in Österreich [dem Autor – Sohn einer Grazerin – sei dieses Bonmot erlaubt:] einen ähnlichen Ruf wie Ostfriesland in Deutschland. Die Steirische Harmonika ist durch ihre diatonische Bauart besonders dazu geeignet, alpenländische Volksmusik zu spielen. Für diese ländliche Musik (= Volksmusik), die sich in der Hauptstadt Wien großer Beliebtheit erfreute, wurde in Wien das Wort „steirisch“ verwendet, quasi als Synonym für „ländlich“. Verwendung findet die Steirische Harmonika aber in ganz Österreich, darüber hinaus in Bayern, Südtirol, Tschechien und Slowenien.

Im Großen und Ganzen ist die Steirische Harmonika dem Akkordeon, wie wir es in den letzten Teilen dieser Serie kennengelernt haben, sehr ähnlich. Allerdings ist es diatonisch aufgebaut und „wechseltönig“, das heißt, es erklingen – wenn man den gleichen Knopf drückt – unterschiedliche Töne, je nachdem, ob man den Balg auseinanderzieht oder zusammendrückt. Diese Bauweise erschwert es gerade Anfängern oft, das Instrument zu erlernen. Auch die diatonische Gestaltung der Knopfreihen im Diskantbereich mit mancher Ausnahme macht dieses Instrument schwer erlernbar. Da das Spielen nach Noten sich als schwierig erwiesen hat, ließ sich 1916 der Verlag Helbing eine Tabulatur, eine Griffschrift, für eine zweireihige Harmonika patentieren. Diese wurde im Laufe der Jahre verfeinert, auch für mehrreihige Harmonikas adaptiert und ist bis zum heutigen Tag die übliche Aufzeichnung von Musik für Harmonikas. Nach Noten spielen Harmonikaspieler normalerweise nicht.

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Steirische Harmonika der Marke „Michlbauer Novak“ mit 46 Melodietasten und 16 Bässen.     © wikimedia/Mbbernhard

Steirische Harmonika der Marke „Michlbauer Novak“ mit 46 Melodietasten und 16 Bässen. © wikimedia/Mbbernhard

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Die Schalltrichter auf der Bassseite der Steirischen Harmonika haben nur wenig Einfluss auf den Klang. Trotzdem ist bei der Steirischen Harmonika gerade der Bass besonders stark ausgeprägt. Dieser entsteht durch sogenannte Helikonbässe bzw. durch Helikonplatten. Hierbei handelt es sich um übergroße Stimmplatten, die einen Klang erzeugen, der an den des Blasinstrumentes Helikon erinnert. Man unterscheidet zwischen einfachen und doppelten Helikonstimmplatten, die grundsätzlich so gebaut sind, wie die Stimmpatte beim Akkordeon. Bei den doppelten Stimmplatten werden zusätzliche Stimmzungen angebracht, die um eine Oktave höher klingen.

Eine weitere Besonderheit der Steirischen Harmonika ist der sogenannte Gleichton. Durch diesen besonderen Knopf wird bei bestimmten einzelnen Tönen (= Köpfen) beim Ziehen und Drücken der gleiche Ton gespielt. Dieses bezieht sich zumeist auf die fünfte Stufe der Tonika, die ja gleichzeitig auch der Grundton der Dominante ist.

Bandoneon

Das Bandoneon hat einen langen Weg durch die Welt hinter sich – von der am Nordrand des Erzgebirges gelegenen Stadt Chemnitz mit einem kleinen Umweg über Krefeld in Nordrhein-Westfalen bis nach Argentinien. Am Ende dieses Weges sagt der argentinische Bandoneonist Tomi Lebrero: „Jedenfalls ist es in Buenos Aires gelandet und wurde lokaler als die Chorizo oder die Milanesa, oder das bic, oder die YPF, unsere staatliche Ölgesellschaft, ja lokaler als Perón. Es spielt keine Rolle, woher es kommt, das Bandoneón ist argentinisch.“

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Bandoneon „Cardenal“ – hergestellt von ELA für Hohner, vor 1939. © wikimedia/Pavel Krok

Bandoneon „Cardenal“ – hergestellt von ELA für Hohner, vor 1939. © wikimedia/Pavel Krok

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Das Äußere des Bandoneons ähnelt dem des Akkordeons. Allerdings hat das Gehäuse des Bandoneons (meist) einen quadratischen Querschnitt. Sowohl im Diskant, als auch im Bassteil können mit jeweils vier Fingern nur Einzeltöne gespielt werden. Mechanisch voreingestellte Akkorde wie beim Akkordeon gibt es beim Bandoneon nicht. Die Gesamtausrichtung des Bandoneons ist linear, so etwas wie die „abgeknickte“ Diskantseite des Akkordeons gibt es nicht. Die Knöpfe befinden sich auf den Außenseiten von Diskant- und Bassteil.

Es gibt sowohl diatonisch als auch chromatisch konzipierte Bandoneons. Das Bandoneon kann wechseltönig (siehe oben: Steirische Harmonika / beim Drücken des gleichen Knopfes erklingen beim Ziehen oder Drücken des Balges unterschiedliche Töne) gebaut sein, aber auch gleichtönig wie beim Akkordeon. Der Tonumfang eines Bandoneons kann bis zu fünf Oktaven umschließen. Pro Ton erklingen durch eine eingebaute Oktavverdoppelung (= zwei Zungen pro Ton / zweichörig) jeweils zwei Töne. Der Klang der Töne ist klangvoll und sanft, kann aber auch aus scharfen und brillanten Tönen bestehen. Das Klappern der Knöpfe und die Luftgeräusche sind Bestandteil des typischen Bandoneon-Klangs!

Klänge:

  • Sheng: CD „Pur ti miro“ ECM Records (2025), ECM 2843 (Wu Wei, Sheng, Martin Stegner, Viola, und Janne Saksala, Kontrabass)
    Das Trio spielt Werke von Claudio Monteverdi, Johann Sebastian Bach und Antonio Vivaldi ein. Das in vieler Hinsicht „neue“ Klangerlebnis ist einzigartig – wer in diesem Jahr nur noch Geld für eine neue CD hat, der sollte in jedem Fall diese kaufen!
  • Steirische Harmonika: 
    – Herr Hauptmann mit Sophia (YouTube)
    – Flott aufgspielt – mit Zugabe – Kathi Kristandl  (YouTube)
    – Eine letzte Runde auf der Steirischen Harmonika mit Celia (YouTube)
  • Bandoneon: Jürgen Karthe: Von der Concertina zum Bandoneón. Chemnitz – die Wiege des Bandoneóns. Auris Subtilis, Chemnitz 2024, 79 Seiten (illustriert) mit eingelegter CD, 26,90 Euro. ISBN 978-3-9813016-3-2
    Ein kleines Büchlein, das ursprünglich im Kontext der europäischen Kulturhauptstadt 2025, Chemnitz, entstanden ist und über Concertia, Bandoneón und ihre Herkunft informieren sollte, ist letztlich zu einem großangelegten Booklet für die beigelegte CD geworden. Viele nützliche und wichtige Informationen im Büchlein, wunderbare – auch gerade historisch – Aufnahmen auf der CD. Ein wirkliches Klangerlebnis!