In Amerika fällt irgendwo ein dummer Satz, und in Europa erzittert die Theaterwelt. Wie in der Chaostheorie hängt auch im Aufmerksamkeitskapitalismus der globalen (sozialen) Medien alles mit allem zusammen, aber doch nur, wenn ein Talk, Tweet, Meme oder Post nicht einfach resonanzlos verpufft, sondern im World Wide Web massenhaft kopiert, kolportiert, kritisiert, kommentiert wird. Manche Entgleisungen von Promis werden nur dadurch zu Nachrichten, dass andere Menschen und Medien sie mit gesinnungsverstärktem Erregungspotential weitertragen. Vielleicht sollte man das einfach mal lassen.
Leiden Musik und Theater unter ADHS?
Nun hat bekanntlich der Schauspieler Timothée Chalamet bei einem CNN-Gespräch über die Zukunft des Kinos nebenbei geäußert, dass er nicht in Ballett oder Oper arbeiten wolle, weil das Dinge seien, „bei denen man sagt, ,Hey, erhaltet diese Sache am Leben, obwohl sich niemand mehr dafür interessiertÊ».“ Im Dreiteiler „Dune“ sieht man den smarten Actor als messianischen Anführer eines Wüstenvolks, in „Like a Complete Unknown“ verkörpert er großartig Bob Dylan, und aktuell spielt er in „Marty Supreme“ wie der Teufel Tischtennis. Chalamet ist zweifellos ein großes Talent, weiß aber nicht über alles Bescheid, worüber er spricht. Das wäre nicht weiter schlimm, weil ja auch sonst ständig bei x-beliebigen Talkrunden teils wenig sinnvoll dahergeredet wird. Doch eigentlich könnte der Schauspieler es besser wissen, denn nach Angaben des NDR „sind seine Schwester, seine Mutter und sogar die Großmutter professionelle Tänzerinnen“.
Bemerkenswert ist nicht Chalamets Fehleinschätzung, die vielerorts hohe Auslastungszahlen von Oper und Ballett widerlegen. Wenig aufregend ist auch, dass er kulturellen Nischen immerhin Überstützung und Existenzrecht gönnt. Erstaunlich ist vor allem das Echo, das seine kleine Stichelei in der internationalen und vor allem deutschen Musik- und Kulturwelt auslöste. Plötzlich erhielt der Schauspieler von überall Einladungen zum Besuch von Oper und Ballett, sei es von anderen Filmstars, vom blinden Startenor Andrea Bocelli, der Bayerischen Staatsoper und anderen Theatern sowie von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer, weil Deutschland ja „quasi Weltmarktführer“ bei Orchestern, Opernhäusern und Tanzensembles sei. Freilich ist Deutschland Musik- und Theaterland! Aber doch nicht trotz der flapsigen Bemerkung eines Hollywoodstars, sondern weil es hierzulande einfach so wunderbar Vieles, Gutes und Verschiedenes an Musik, Oper, Tanz, Theater gibt. Das wusste man allerdings schon vorher, nur hätte man es auch einmal sagen und zeigen müssen.
Doch leider brauchte es offenbar den verbalen Ausrutscher, um das ZDF zu veranlassen, im „heute journal“ ein Fünfminutenporträt darüber zu bringen, wie toll die Berliner Staatsoper ist. Wann sonst wäre das reichweitenstarken Nachrichtensendungen oder auflagenstarken Magazinen eingefallen? Über Chalamet sagt die ganze Aufregung wenig bis nichts, umso mehr aber über den Zustand der hiesigen Kulturinstitutionen und den Umgang mit ihnen. Warum das hektische Affentheater? Klafft da nicht etwas auseinander? Sind Selbstwert und Status der Kultureinrichtungen in unserer Gesellschaft inzwischen schon derart angekratzt, dass sie sich von solchen Lappalien erschüttern lassen? Oder werden die Institutionen nur deswegen so getriggert, weil ihnen hierzulande immer mehr Vertreter aus Medien, Politik und Finanzverwaltungen zu verstehen geben, dass man sich nicht mehr für sie interessiert? Dass man sie für irrelevant, für zu teuer und verzichtbar hält? Womöglich ist das der wunde Nerv für alles panische Heischen und Kreischen um Aufmerksamkeit. Warum sollten Kultureinrichtungen sonst parasitär an der Popularität von Promis und Celebrities zu partizipieren versuchen?
Symptomatisch für den schwindenden Rückhalt von Kunst- und Kultur in der Öffentlichkeit ist auch die Inflation von Preisen und das Bohai, das Institutionen, Redaktionen, Stiftungen, Verbände und Vereine darum machen, als leide der Betrieb unter Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung – kurz ADHS. Keine Woche vergeht, da nicht irgend eine angeblich beste Leistung in Theater, Tanz, Komposition, Kostüm, Bühnenbild und dutzenden weiteren Kategorien ausgezeichnet und von den Gepriesenen und Preisenden herumposaunt wird. Dabei wissen wir doch alle, dass Superlative wie „Bestes Opernhaus“, „Beste Regie“, „Beste Sängerin“ … willkürlich sind und keinem Vergleich standhalten, weil sie Einzelleistungen beliebig herauspicken und meist wenig mit Qualität, Originalität, Innovation, Ausstrahlung und Wirkung zu tun haben, dafür aber mit Vitamin B, Renommee, Protegé sowie Selbstbelobigung, Geltungsdrang und Deutungsanspruch der Preisenden.
Tatsächlich erodiert der Kontakt zwischen Theatern, Rechtsträgern und Öffentlichkeit. Der Deutsche Bühnenverein empfiehlt seinen Mitgliedern daher im aktuellen „Zukunftspakt Bühne“ ausdrücklich „Beziehungspflege“ und „Kommunikation“: politische Verantwortliche regelmäßig zu Veranstaltungen einladen, mit ihnen turnusgemäße Treffen etablieren, themenbezogene Gespräche führen sowie den Austausch mit Personal- und Betriebsräten herstellen, um das Verständnis für die Arbeit von Theatern, Orchestern und Ensembles zu verbessern. All das generiert keine Schlagzeilen, schafft aber Kenntnis, Bindung, Vertrauen und wirkt nachhaltiger als alles Schielen nach flüchtiger Anerkennung durch irgendwelche Preise oder Hollywoodstars.
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