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Hammeraktion des SWR. Montage: MH

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Muss! Grönland! Gniffke!

Untertitel
Nachschlag von Bojan Budisavljević
Vorspann / Teaser

Man kann es einfach nicht oft genug wiederholen (siehe auch nmz online v. 07.12.2025), weil es so schön ist: „Die Deutsche Radio Philharmonie ist ein großartiger Bestandteil der ARD-Kultur. Als SWR halten wir die Kultur hoch und mit ihr ihre hohe Bedeutung für unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt. Kultur ist keine Subvention, sondern eine Investition in die Zukunft und ein wichtiger Bestandteil unseres Auftrags.“ Man könnte auch sagen, so schön verlogen. Da wir aber mittlerweile in einer Welt voll alternativer Realitäten leben, ist es auch die reine Wahrheit. Gleichermaßen wie eben auch das Gegenteil.

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Die schönen Sätze ließ nämlich SWR-Intendant Kai Gniffke im vergangenen Frühjahr zum eigenhändigen Geleit abdrucken im immer noch aktuellen Saisonheft 2025/26 des von seinem Sender mitgetragenen Saarbrücker-Kaiserslauterner Rundfunkorchesters. Zu einem Zeitpunkt also, als SWR-intern schon längst diverse Pläne, Papiere und Blaupausen in Umlauf gewesen sein dürften, wie man diesen ‚großartigen Bestandteil der ARD-Kultur‘ verkleinert, wie man dessen ‚hohe Bedeutung‘ tiefer hängt und entsprechende ‚Investitionen‘ runterfährt. Schlicht, wie man sich dieses Auftrags entledigt.

Just zu jenem Zeitpunkt indessen, als kaum ein halbes Jahr später die Bundesländer im letzten November endlich den ARD-Reformstaatsvertrag verabschiedet hatten, durchaus mit besonderem Nachdruck auf eben den Kulturauftrag sowie einen weiteren Prüfauftrag, nämlich die öffentlich-rechtlichen Klangkörper zwecks nachhaltiger Ausgestaltung und Zukunftssicherung zu evaluieren, genau dann rückte der SWR die Blaupausen heraus. Als ob vollkommen unerwartet „Ressourcenknappheit und medienpolitischer Druck“, so die Begründung, binnen weniger Monate zum gewaltigen Tsunami sich aufgetürmt hätten, der nicht nur das Orches­ter sondern das gesamte öffentlich-rechtliche System schier hinwegzufegen drohe, müsse sich in Folge die Deutsche Radio Philharmonie nach anderen Finanzierungsmodellen umschauen oder zum Kammerorchester schrumpfen lassen.

Nun, bis auf den bayerischen Ministerpräsidenten, der durchaus in der Lage ist, bei einer Weißwurst das eine Aufgeschnappte zu propagieren, nach einem Döner jedoch das genaue Gegenteil davon, hat kein zu Mediendingen sich ernsthaft äußernder Politiker mit dem Vorschlag brilliert, das Heil der ARD läge in der Verminderung oder Abschaffung ihrer Orchester, Chöre und Big Bands. Nein, solche Gedanken kamen stets aus dem Herzen der Finsternis der Anstalten selber. Erinnert sei nur an Tom Buhrows strahlende Vision von dem einen „Orchester von Weltklasse“, zu dem man die ARD-Orchester destillierend veredeln könnte, geäußert im November 2022. Jetzt also Kai Gniffke vom notorisch orchesterphagen SWR siehe dessen Orchester in Kaiserslautern und Baden-Baden/Freiburg. Die Deutsche Radio Philharmonie „muss“ sparen! Siehe SWR-Kultur vom 16.01.2026. Aber, wer sagt das überhaupt, bis auf den, der dieses Muss selber aufgebracht hat und dem seine Redenschreiber, Taschenträger und Büchsenspanner dazu die Gründe eifrig liefern?

Und so gleichen sich die Muster und Redefiguren. Man nimmt eine nicht unwahrscheinliche, konkret jedoch schwer nachweisbare Lage an, erklärt sie dann, sehr gern in Verbindung mit Ressourcenknappheit, zum medienpolitischen oder auch weltpolitischen Druck, um aus dieser alternativen Realität stracks auf alternativloses Handeln zu schließen: Muss Grönland haben! „Very badly.“ Der Strategie wie der Ressourcen wegen. Also muss die DRP entweder neue Finanzierungsquellen erschließen, oder „[wir] sind notfalls bereit, das Orchester zu verkleinern“. Im Klartext: So oder so werden Mittel wie Menschen eingespart. Durch Knappheit und Druck. Woran gleichermaßen die Frage abprallt, wieso es nicht bleiben könne, wie es ist. Wegen Knappheit und Druck eben, die man allerdings selber erzeugt.

Alsdann folgt solch einem Muss der Gehorsam auf dem Fuße. Nicht nur dass der SWR dem Spargeheiß des Intendanten nur so weit journalistisch auf den Grund ging, als dass die Argumente der Redenschreiber und Büchsenspanner unhinterfragt Raum bekamen. Auch wird man das Gefühl nicht los, es mache sich ein senderübergreifendes Framing breit, das alles vorgeblich Elitäre, also Orchester, Chöre, Kulturkanäle, Radioprogramme, als Luxus zur Last erklärt. Selbst der Mehrheitsgesellschafter der Radio Philharmonie, der kleine SR, leitete in der Abendschau seines Dritten den Bericht über die angedrohten Sparmaßnahmen larmoyant ein mit: „Die ARD hat ein Problem…“ Wie bitte? Und das soll ausgerechnet die Radio Philharmonie lösen? Wer solche Freunde und Kollegen hat, der braucht sich um seine Feinde nicht zu kümmern.

Und so wird man auch das Gefühl nicht los, solcherlei angebliche Luxus-Opfer würden nur deswegen so auffällig zum Altar geführt, damit andere Problem- und Geschäftsfelder möglichst ungeschoren bleiben. Phantasiegehälter und Pensionsrücklagen etwa, oder „Mozart & Mozart“, nach europäischen Maßstäben auf unterirdischem Niveau, beziehungsweise beinahe jede neue „Tatort“-Folge, über die regelmäßig massenweise Shit gekübelt wird. Zuspruch, Exzellenz und internationale Konkurrenzfähigkeit sehen anders aus. Genau diese aber zeichnen die Deutsche Radio Philharmonie, ganz so wie sie ist, zweifellos aus.

Wenn es denn noch auf diese ankommt? Wie erinnerlich wurde in den Berlusconi-Jahren die Banalisierung der RAI zwecks Polit-Krawall und fernsehkonformem Bunga-Bunga begleitet durch die Auflösung von deren hochverdienten Orchestern und Chören in Mailand, Rom und Neapel zugunsten eines nationalen Klangkörpers in Turin, welcher nicht weltklasse wurde, wenigstens aber einmalig, weil allein übrig. Nun hat niemand die Absicht, Kai Gniffke die kulturellen Wertvorstellungen eines Trump oder Berlusconi zu unterstellen. Wenn man allerdings weiter nach deren Façon dealt, landet man bei solchen schneller als man denkt.

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