Hauptbild
Sven Ferchow. Selfie

Sven Ferchow. Selfie

Hauptrubrik
Banner Full-Size

Ruhm kennt keinen Gott

Untertitel
Ferchows Fenstersturz 2026/04
Vorspann / Teaser

Sie erinnern sich gewiss. Damals, als ein Instagram-Clip die Republik erschütterte. Als ein Hotelvorwurf zur Staatsaffäre wurde und das Feuilleton kollektiv ins Taschentuch der moralischen Erregung trompetete. Mittendrin Gil Ofarim, ein Möchtegernstar. Einer, der sich seit seiner Rolle (Musiker) in einer Foto-Love-Story der BRAVO (1997) stets wichtiger nahm als er war. Und durch Überidentifikation glaubte, er sei tatsächlich Musiker.

Autor
Publikationsdatum
Paragraphs
Text

Immerhin: Die Klaviatur der Empörung bediente er derart virtuos, dass man mitheulen wollte. Mit Gil und seinem first-world-problem. Da wurde dieser brillante Musiker, dieser Bob Dylan der BRAVO-Ära, an der Hotelrezeption nicht als Star erkannt und musste zwei Minuten auf seinen Check-in warten. Wie gottlos.

Leider komponierte er seine Opfer-Arie der Nichtbevorzugung aus Lügen. Deshalb Verurteilung wegen falscher Verdächtigung und Verleumdung. Ein Fall von „Selbstentzauberung in Moll“. Allerdings. Nach der Empörung ist vor der Empörung. Medien, Popkultur und Hashtag-Hamster lieben zweite, dritte und vierte Chancen. Siehe Xavier Nai­doo. Und nun ist Gil Ofarim Dschungelkönig. Ein Mann, dessen öffentlich inszenierte Opferrolle implodierte wie ein Luftballon auf einer Igelkonferenz, thront nun mit Plastikkrone im australischen Busch. Läuterung durch Larvenverzehr.

Man darf feststellen: Die Halbwertszeit von Verantwortung strahlte bei RTL selten länger als zwei Tage, bei Künstlern und Publikum hat sie sich jedoch auf die Länge einer Werbepause zwischen zwei Dschungelprüfungen reduziert. Es wird den Zapping-Zombies aber auch viel abverlangt.

45 Minuten am Stück glotzen und zuhören, wo man sonst im Sekundentakt wischt. Nun, im Ambiente kumulierter vier Gehirnzellen wird es in Australien eben schnell herzergreifend zwischen F-Promis und Wischvolk. Dazu ein Gil Ofarim, der dank BRAVO-Erfahrung oscarreif spielt.

Rührend, wie Gil Ofarim die fortgesetzte und von vielen geglaubte Relativierung der eigenen Tat legitimiert, die ganz nebenbei von RTL unwidersprochen stehenbleiben darf. Da werden Begriffe wie „Überforderung“, „Missverständnis“ oder „Verschwiegenheitsklausel“ manipulativ verschwurbelt. Und Ofarims Selbstentlastungs-Suada wird vom Anwalt begleitet, der per Social Media droht, seinen Mandanten ja nicht irgendeiner Tat zu bezichtigen, denn faktisch sei ja nichts gewesen. Und deshalb klingt jedes Wort, das Gil Ofarim im Dschungel und danach spricht so, als habe er versehentlich die Mülltonne des Nachbarn benutzt und nicht gezielt eine Person öffentlich an den Pranger gestellt. Chapeau.

Medien und Popkultur haben ein bemerkenswertes Talent, Gedächtnislücken als Comeback zu verkaufen. Und während ich überlege, wie mein Blutdruck wieder dreistellig wird, rollt die nächste Staffel an. Man munkelt, Xavier Naidoo höchstpersönlich würzt im Dschungelcamp 2027 die Leguan-Chips mit Embryonalmuscheln selbstgepflückter australischer Brennnessel-Kräuter. Der König ist tot, lang lebe der König.

Autor
Print-Rubriken
Unterrubrik
Musikgenre