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Fußball als Choreografie aus Mustern und Bewegungsfiguren. Foto: Martin Hufner

Fußball als Choreografie aus Mustern und Bewegungsfiguren. Foto: Martin Hufner

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Stephan Graf von Bothmers Fußballkonzerte

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Nachschlag 7/8 2026
Vorspann / Teaser

Zwischen Jubelschreien und dynamischen Spielformationen auf dem Bildschirm etablierte sich in der Vergangenheit ein musikalisches Format, das mit Beginn der Fußballweltmeisterschaft 2026 wieder hochaktuell wird: Stephan Graf von Bothmers Fußballkonzert!

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Natürlich gibt es, insbesondere in Zeiten der WM, einen deutlich wahrnehmbaren Sound des Fußballs. Was Stephan Graf von Bothmer daraus entwickelt hat, geht allerdings über den normalen Modus der akustischen Spielbegleitung hinaus: Bereits in der WM 2012 vertonte er erstmals ein Fußballspiel, 2025 wurde daraus erstmals ein öffentlich beworbenes Konzertformat im Rahmen der Frauenfußball-WM.

Aktuell begleiten die Veranstaltungen als musikalisch dargebotene Public-Viewing-Formate die Spiele der WM 2026 in der Zwölf-Apostel-Kirche sowie in der Mampe-Manufaktur in Berlin. Der Stummfilmpianist und Komponist von Bothmer sitzt neben einer großen Leinwand, vor sich steht das von ihm eigens entwickelte CineTronium, ein elektronisches Tasteninstrument aus verschiedenen Keyboards und Effekten. Es erinnert an einen Mix aus der Kino-Orgel der 20er und Oskar Salas Mixtur-Trautonium, einem ersten Vorläufer des Synthesizers.

Mit den spezifischen Klängen des CineTroniums begleitet von Bothmer das ganze Spiel dramaturgisch. Mit Mitteln der Improvisation geht er auf die Spannungsbögen und Dynamiken der Spiele ein. Mal bedient er sich dabei des Pathos der Filmmusik, mal der Mittel von Klassik, Pop und Jazz. Beet­hovens „Für Elise“ zum Torschuss der deutschen Mannschaft, „Smoke On The Water“ zum auftreibenden Sprint – und seltsamerweise scheint alles zu passen, als hebe er durch die Vertonungen Formen hervor, die immer da sind, aber sonst nicht sichtbar werden.

Ist das ein Fußballspiel? Oder eine Art Tanz? – Die Konzerte können unter den Zuschauern sogar den Wunsch auslösen, die Musik würde das Spiel beeinflussen. Zuschauende rufen den Musiker an, schneller zu spielen, wenn der Sprint aufs Tor ihnen zu langsam erscheint. Es findet eine Vermischung von Kausalitäten statt, wie sie dem Mythos des Fußballs so oft anhaftet. Wenn beispielsweise vor dem Bildschirm mitfiebernde Kinder den eigenen Ball in den Händen so fest wie möglich halten, weil sie sich wünschen, dass dann auch der Torwart halten wird, passiert im Grunde das gleiche. Musik wird hier zu Identifikation, zur Projektionsfläche der Wünsche oder – um es in der Semantik des Religiösen zu formulieren – des Glaubens. Von Both­mer wählt nicht von ungefähr eine Art technisch-modernisierte Orgel als Instrument und eine Kirche als Konzertort, mit der eine sakrale Rahmung entsteht.

Es wird hier das als Konzertformat widergespiegelt, was auch die Kulturwissenschaft bereits konstatiert hat: dass der Fußball-Kult in der Moderne eine säkularisierte Ersatz-Religion bildet.

Aber weshalb funktioniert es überhaupt so gut, dass ein Fußballspiel als eine interpretierbare und spielbare Partitur genutzt werden kann? Wie der Fußball ist natürlich auch die Musik in gewisser Weise ein Spiel mit verschiedenen Formen, Tempi und Emotionalität, ein Zusammenspiel einer sich meist gut kennenden Gruppe. Improvisationen verlassen sich auf die Kenntnisse (etwa von Skalen und Taktiken) sowie auf etablierte Reaktionen der Spielpartner.

Fußball hat eine Bildsprache sowie eine Choreografie aus Mustern und Bewegungsfiguren, die Spielern sowie Zuschauenden bekannt ist. Es funktioniert ähnlich wie eine Jazz-Formation, die gemeinsam improvisiert, sich auf gewisse Reaktionsmöglichkeiten der Mitspielenden verlassen kann, und die Zuschauerinnen und Zuschauer diese meist als Spiel innerhalb eines etablierten Systems erkennen.

Es wäre sogar möglich, Fußballspiele mit Notationssystemen aus der Tanzwissenschaft zu notieren und anschließend mittels dieser zu komponieren, zum Beispiel mit der „Labanotation“ als Notation für menschliche Bewegung überhaupt, nicht nur für Tanz im engeren Sinne. Das Spiel verwandelt sich durch die Improvisation in eine bewegliche und sich wandelnde Partitur.

Sicherlich bleiben beide Spielformen durch die Ästhetik, den Wettkampfcharakter des Fußballs und die Wahrnehmung der Musik als primär künstlerischer Akt auch deutlich voneinander zu unterscheiden. Das Format des Fußballkonzertes lässt dennoch das Fußballspiel für die Zuschauenden aus einer anderen Perspektive erscheinen, indem es dessen ästhetisch-künstlerischen Mehrwert beleuchtet und dem Aspekt des oft auch „primitiven“ Wettstreitens der Nationen eine tiefgreifendere Komponente verleiht.

Joalia Ellwanger 
(Stipendiatin nmzAkademie)

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