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Theo Geißler. Gemälde von Anneliese von Markreither. Foto: Theo Geißler

Theo Geißler. Gemälde von Anneliese von Markreither. Foto: Theo Geißler

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Theos Kurz-Schluss: Wie einmal fast ohne mein Zutun mein bäuerliches Geburtsdorf zum Kurort geriet

Vorspann / Teaser

Es begann eigentlich zu einer Zeit lang vor meiner Zeit. Der Tegernsee und seine Umgebung galten – dünn besiedelt und naturbelassen den wenigen Touristen als einer der zauberhaftesten Flecken im damals wenigstens landschaftlich ohnedies hochgepriesenen Bayern. In den Dreißigern des vorigen Jahrhunderts avancierte mein Großvater zum Chef des zwischen Bad Tölz und Gmund gelegenen kleinen Steinkohle-Bergwerkes Marienstein. Als „Herr Direktor“ gehörte er samt „Frau Direktor“ rasch zur Hautevolee seiner Wahlheimat Gmund, dem für damalige Verhältnisse verkehrsgünstigsten, wenn auch schon damals am wenigsten gefragten Örtchen in der Gegend. Tegernsee, Rottach und Bad Wiessee galten als die angesagten Adressen. Wie dem auch sei: Opa baute sich ein prächtiges Landhaus dank guter Beziehungen stilistisch einer Großstadtvilla abgeguckt, architektonisch so sensibel in die Landschaft eingebettet wie ein Leuchtturm in ein Bachtal. Aber an einem Hang gelegen mit unverbaubarem Seeblick. Unterm Haus, im Hang wurde ein mindestens tennisplatzgroßer Bunker – seinerzeit „Speicher“ genannt, versteckt, eine Art gigantischer Kompost-Keller – man weiß ja nie …

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Wiederum zu einer Zeit lang vor meiner Zeit verstarb Großvater, Frau Direktor residierte weiterhin dank langjähriger reichlicher Kohle-Apanage. Ihre Residenz wurde nur einige Monate unterbrochen, als zu Kriegsende die Amerikaner das feine Gebäude als Feldlager und Kommandostation entdeckten und übernahmen. Besonders nützlich empfanden sie den auch von oben befüllbaren Bunker. Sie nutzten ihn für jeden Schlamm, zum Entleeren von Kanistern völlig unklaren Inhaltes, Altreifen, Munitionsresten und „Diversem“. Über den Hügel wuchs nach Abzug der Befreier Gras, dauernd gut gedüngt durch alle erdenklichen häuslichen Ausscheidungen.

Wie es damals ländlich-sittlich üblich war, flossen alle Sorten von Abwässern und sonstigen flüssig-schmierigen Verunreinigungen der umliegenden Gemeinden aus allen Richtungen geradewegs in den See. (Ein „Ringkanal“ wurde erst gebaut, als Alt-Bundeskanzler Ludwig Erhard nahe Gmund auf dem Ackerberg einen Turmbau in Tankstellen-Ästhetik – mit unverbaubarem Seeblick – errichten ließ – und beim wöchentlichen Fußbad im Kaltenbrunner Winkel begann, die Nase zu rümpfen.) Die vornehmen Kurkliniken Bad Wiessees kamen damals freilich an kostengünstige Schlamm-Packungen – Umweltschutz war seinerzeit noch ein Fremd-Begriff – und allerhand Chemie enthielt gewiss auch Heilendes.

An dieser Stelle ist es wohl an der Zeit, die Quelle meines historischen Wissens bekanntzugeben: Als „hochherrschaftliches“ Haus beschäftigten wir halbjährlich jeweils eine Woche eine sogenannte „Störnäherin“, die bei uns auch wohnte. Mangels Kaufhäusern im Umfeld von 50 Kilometern fertigte sie von der Bettwäsche bis zum Unterhemd alles Stoffliche – und war dank ihrer vielseitigen beruflichen Kontakte eine unerschöpfliche Auskunftei, tiefgründiger und informativer als jedes Klatsch-Blatt. Sie hieß Tante Pepi und ich hatte das Glück, sie mittags und abends auf ihren Spaziergängen zu begleiten. So erfuhr ich, dass die Seegemeinden untereinander spinnefeind waren. Bad Wiessee mit seinem Spielcasino und den betrügerischen Krebskliniken galt als Ganoven-Zentrum. Rottach-Egern war das Zentrum der „depperten Neureichen“, Tegernsee galt als „oberlangweilig“ und der „Durchfahrtsweiler“ Gmund wurde von Schliersee bis Bad Tölz, von Kreuth bis Sankt Quirin nur „der Oasch vom See“ genannt.

Ein wenig Schuld daran mag auch mein Elternhaus in der „Müllerstraße“ getragen haben, das seit fünf Jahren in die „Hände brutaler Spekulatien“ gefallen sei, wie mir Tante Pepi kürzlich, mittlerweile in einem Münchner Pflegeheim, aber immer noch gut vernetzt, berichtete. Der „Oasch vom See“ solle demnächst durchaus edel „Bad Gmund“ heißen. Bei der Verlegung eines Glasfaserkabels in der Müllerstraße, genau unterhalb von unserer ehemaligen Villa, sei man auf eine multimineralstoffhaltige kohlenstoffreiche Quelle gestoßen, die an Heilkraft die sogenannte Bad Wiesseer Schwefeltröpflerei um ein Vielfaches übertreffe.

Der verhältnismäßig frischgebackene Bad Gmunder Wolfram Weimer, seines Zeichens Kulturstaatsminister, hätte sich für diese Präzisierung des Ortsnamens kraftvoll eingesetzt und zugesagt, eine bronzene Kneipp-Statuette für den Bahnhofsvorplatz zu spendieren. Nach seinem dreiwöchigen Urlaub in einem Zelt samt 50-Meter-Pool direkt an der neuen Quelle errang Bundeskanzler Friedrich Merz bei einem ersten Fitness-Test sofort das Seepferdchen.

Erflehe Rat: Soll ich mir wünschen, dass es auf unseren alten Abfallbunker jetzt regelmäßig draufregnet, damit die Quelle erhalten bleibt – oder dass er austrocknet? Immerhin geht es um ein Stück Fundament meines Geburts- und Elternhauses …

Theo Geißler ist Herausgeber von Politik & Kultur

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