Tut mir leid – aber ich kann mich wirklich nicht mehr erinnern. Als Reinigungskraft im Abgeordnetendomizil des Bundestages obliegt mir die verantwortungsvolle Aufgabe, die Abfallkörbe in den Büros unserer gewählten Volksvertreter zu leeren. Aus welchem Büro welcher Partei die circa zehn Kilo zerknülltes Papier stammen, die ich zwecks Kälteschutz diskret akquiriert und für mein Nachtquartier am Bahnhof Zoo unter meinen Schlafsack gestreut habe: Keinen Schimmer. Ich weiß noch, dass mein Schlaf in dieser Nacht sehr unruhig war, ich wälzte mich hin und her, träumte von Trump, Wagenknecht und Weimer. Als ich am Morgen meinen Schlafsack zusammenrollte, hatten sich auf wundersame Weise die Papierschnitzel zu fünf DIN A4 knautschigen Manuskriptseiten verdichtet. Neugierig, wie ich immer noch bin, begann ich zu lesen. Beim flotten Drübergucken schien es mir – ohne dass ich besonders tiefer in den »Sinn« einsteigen wollte, ziemlich hölzern und irgendwo zwischen Pathos und Formular angesiedelt. Seltsam künstlich konstruiert. Vielleicht ein KI-Manuskript für Ostermarschierer, gut gemeint, natürlich? Oder eine Moralpostille der SPD, der Linken? Von Faulköppen bei ChatGPT, Gemini oder Copilot erpromptet? Was meinen Sie?:
Theo Geißler. Gemälde von Anneliese von Markreither. Foto: Theo Geißler
Theos Kurz-Schluss: Wie ich einmal am Bahnhof Zoo an ein wegweisendes Dokument aus dem Papierkorb einer Volksvertreterin oder eines Volksvertreters geriet
»Dass ausgerechnet in einer Zeit wachsender technischer Komplexität der Wunsch nach radikaler Vereinfachung menschlicher Kommunikation zur dominierenden kulturellen Technik geworden ist, macht nachdenklich. Wo – beispielsweise in unseren immer MINT-lastigeren, zunehmend kulturlosen Schulen das Denken zu Dreiwörter-Erläuterungen schrumpft, Schüler in die Eindimensionalität entlässt, verkriecht sich die humane Entwicklung in schimmelnden Sesseln voll sehr breiter Gesäße zwecks stundenlangen Begaffens oder »Bespielens« industriell vorprogrammierter Bildschirme. Auf deren wortkarge Interpretation reduziert sich dann auch die stammelnde monotonsinnige Restkommunikation der Gestalterinnen und Gestalter unserer Zukunft.
Feine Unterscheidung, differenzierte Wahrnehmung gilt als umständlich, zeitaufwändig, unproduktiv: asozial. Zwischen »richtig« und »falsch« existiert nichts mehr, außer der Einsicht, jemand wolle sich um Klarheit drücken. Das hirnlose Plakativ einer fetten Schlagzeile hat sich als konkurrenzlos effizient erwiesen: Sie konstatiert – »Skandal!« ersetzt Analyse durch »Urteil«. Wer die Headline gelesen hat, gilt als informiert – wer vertiefenden Text liest und gar weitertransportiert als eitler Fatzke, blinder Ideologe.
Gut bezahlte oder für doof gehaltene Volksvertreterinnen und -vertreter haben gelernt, sich selbst auf das Format populistischer, möglichst skandalträchtiger Abfall-Tönnchen kommunikativ zu reduzieren: Parteipositionen schrumpfen zu inhaltslosen, von Demonstrantenmassen oder durch korrupt gesteuerte Ideologen laut brüllbare Parolen. Je dümmer die Satzfetzen, desto praller die Flüstertüten. Als Leitfigur gilt, natürlich an der Spitze der »Bewegung« von möglichst vielen grölenden Viervierteltakt bewegten Stiefelträgern und Baseballschlägern gefolgt und wahrgenommen zu werden. Prima Übungsstätten sind die komplett fanatisierten Stammplätze hirnentleerter Fußball-Clubsoldaten. Sie generieren in den Stadien hunderttausendfach mehr Rauch und Flammen dank Knallkörpern als Neuronen in ihren Knallköppen verhungern.
Was Wunder, dass kompetenzgestützte demokratische, meist ebenso langweilige wie langwierige Fachgremien durch flotte Talkshows mit stimmtrainierten Krawallbrüdern und mindestens einer Krawallschwester ersetzt mehr Zustimmung finden als das in der Tat auch nicht gerade geistig vorwärtstreibende Parlamentsfernsehen. Meist ein thematischer Wirrlauf, der Bewegung simuliert und dank geschickt, meist aber bewusst brutal platzierter Aggro-Reize als gesellschaftlicher Spaltpilz für irrationale Wut und Angst im Volke sorgt.
Die »Diskussionen« beginnen mit der Versicherung, man wolle »endlich ehrlich reden«, und enden showtrainiert in einer hirnlosen babylonischen Kreischerei. Unterbrechung des/der gerade im Erklärungstaumel Schwebenden wird zur argumentativen Edel-Methode erhoben; wer länger spricht, ist im Vorteil und im Recht. Im Namen einer verlogenen Ausgewogenheit wird alles nebeneinandergestellt – das Begründete und das Behauptete, das Erarbeitete und das Gefühlte: Eine jahrzehntelange Forschung steht etwas verschämt neben einer spontanen Eingebung. Beide erhalten identische Redezeit. Fakten werden zur Position unter vielen erklärt, wodurch sie ihre lästige Verbindlichkeit verlieren. Empörung ist Beweis für moralische Sauberkeit. Nicht mehr Reaktion auf Unverstandenes, sondern Voraussetzung für abfälliges Werturteil. Sie erzeugt so das betrügerische Gefühl von Klarheit, den Eindruck ehrlich vollzogener Recherche. Ein Thema existiert nur so lange, wie es allgemein Empörung generiert; danach verschwindet es geräuschlos – gern unter Gebrüll von »Lügenpresse«.
Da hilft die Ablösung der realen durch programmierbare digitale Welten. Gern durch digitale Betätigungsschleifen. Algorithmen liefern die passende Wirklichkeit zur vorhandenen Überzeugung – Abweichungen erscheinen nicht als Alternative oder Korrektur, sondern als Störung. Solch geschmeidiger Populismus ist Methode: die systematische Reduktion von Wirklichkeit auf Erzählbarkeit. »Das Volk« wird angerufen wie eine monolithische Instanz, derselben Meinung wie der aktuelle Oberplärrstar. Komplexe Probleme werden geschickt dank Fake News verbogen personalisiert. Scheints streng wertende oder genau treffende Begriffe tauchen auf. Dank der Abnutzung durch steten öffentlichen Gebrauch ausgeleierte, einprägsame Formulierungen lenken von konkreter Analyse und Problemerfassung ab: Da hat etwas das »Momentum«. Ein »Narrativ« erzählt nix. Die Floskel »Wir nehmen deine Sorgen sehr ernst und werden handeln« bleibt folgenlos. »Alternativlos« dann endet jede Diskussion, bevor sie begonnen hat in einem schon in der Vergangenheit mal gefällten Beschluss.
Die »Dauerkrise« gerät für die Zeitgeist-Philosophinnen und -Philosophen – meist materiell honorarunterfüttert – zum verbalen und mentalen Dauerlutscher, der trotz allen heftig saugenden Gezutzels nicht kleiner wird. Eine permanente Alarmstimmung erweist sich als erstaunlich stabil. Sie ersetzt kreativ-offenes Denken. Jede Woche ist entscheidend, jede Lage historisch, jede Maßnahme dringend – und doch bleibt alles anhaltend beim Alten. Wer hingegen mal zur nachdenklichen Distanz mahnt, gilt als realitätsfern. Verantwortung verteilt sich so duschstrahl-weitgespreizt, dass sie kaum noch zuordenbar ist. Entscheidungen werden letztlich kollektiv und einvernehmlich im Kompromiss getroffen. Fehler passieren grundsätzlich in vergangenen Koalitionen, »Systemen«, Erfolge einer intelligenten, weitblickend-effektiven Person. Argumente werden gehört, um sie flott einzuordnen, nicht um sie zu prüfen. Ein Etikett ersetzt – und vor allem: verkürzt und fixiert die Auseinandersetzung: »populistisch«, »elitär«, »naiv« – je nach Bedarf. Folge: freiwillige Selbstverengung. Diese Reduktionen werden also nicht aufgezwungen, sondern weil bequemer als Zoff angenommen. Diese Ordnung ist robust, gerade weil sie nicht als solche erscheint. Sie tarnt sich als gesunder Menschenverstand. Wer sie kritisiert, wirkt überheblich – ein Vorwurf, der jede weitere Kritik zuverlässig delegitimiert.
Eine Ursache für diese Verunmenschlichung mag sein, dass all dies weder heimlich noch verborgen geschieht. Es vollzieht sich offen, sichtbar, täglich – und gerade darin liegt seine Wirksamkeit. Denn was sich bis zum Erbrechen wiederholt, verliert den Anschein des Gewollten, gewinnt den des Natürlichen. Und dieses »Natürliche« wird zunehmend immer perfekter, immer glaubwürdiger, immer wohlgefälliger, geiler und menschenfleisch- und -hirn entlastender dank digitaler Helferlein aller Art generiert. Tschüss homunculus pseudosapiens, herzlich willkommen Bit und Byte.«
Theo Geißler ist Herausgeber von Politik & Kultur
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