Vielleicht kann ich mit diesem Textchen dem einen oder der anderen bei der Behebung gewisser Kommunikationsprobleme behilflich sein: Nach einem Routinebesuch beim Hals-Nasen-Ohrenarzt („Reinigung der Gehörgänge, die üblichen altersgemäßen Einschränkungen“) erhielt ich fast täglich E-Mails von Hörgeräte-Herstellern aus aller Herren Länder. Auch häuften sich Anrufe aus wechselnden Call-Centern, die mir natürlich kostenlose Tests meiner Öhrchen andienten. Etliche unter Hinweis darauf, es bestünde eine Bedrohung meines Gehirns: Schwerhörigkeit verursache Demenz. Ein schwerer Fehler war es wohl, dass ich beim Aufleuchten der mir langsam bekannten und lästigen Nummern glaubte, scherzen zu müssen. „Hab kein Bier bestellt, Mister Augustiner“ oder „Lieb, dass du endlich mal wieder anrufst, Tante Olga“ – röhrte ich ins Mikro. Was zur Folge hatte, dass die entsprechenden Anrufe ausblieben, dafür die Online-Werbung dauernd an allen Enden und Ecken des Bildschirms aufploppte. Ohren allerorten. Weil ich keine Lust hatte, mir einen Werbeblocker zu kaufen, holte ich mir die an dieser Stelle schon mehrfach erwähnte Computer-Kompetenz meines Enkels gegen niedrigen zweistelligen Zuschuss zum Führerschein in mein Homeoffice.
Theo Geißler. Gemälde von Anneliese von Markreither. Foto: Theo Geißler
Theos Kurz-Schluss: Wie ich einmal meine Schwerhörigkeit dank des Erlernens einer neuen Sprache zu lindern versuchte
„Was gibts zu tun, Bro?“ trällerte mein Retter fröhlich. Ich schilderte mein Werbeflut-Problem. Enkel Matti lachte nur, setzte sich an den Compi und flüsterte: „Alter, Du bist völlig outdated. Erstens musste ich neunmal klingeln, bis du mich reingelassen hast – also schwerhörig wie ein Nachtkästchen. Und außerdem ist dein gespreiztes Vokabular auf dem Stand von neunzehnhundert. Süper, dass ich grade am Langenscheidt-Wettbewerb für Frisch-Deutsch teilgenommen habe, weil ich mir einen Tesla kaufen will. Hab Chat-GPT sauber geprompted und folgendes Gelaber gegeiltexted. Lass mich mal an Deine Kiste, damit ich Dein Alteis-Hirn etwas antauen kann“. Schwupps – ließ er meinen Mauszeiger über den Bildschirm tanzen und ein Text tauchte nach wenigen Sekunden auf: Sprach-Nachhilfe für ein verstaubtes Schrumpf-Hirn, unterstützt von der Microsoft-Primaten-Office-KI für Uralt-Starter. „Hoffe, du kannst wenigstens noch lesen“, raunzte mich mein Lieblingsenkel an. Und das versuchte ich:
„Opa-Deutsch ist komplett lost. Wir fighten für multinationales Ultra-Deutsch. Der olle Duden pennt und wartet darauf, von ein paar Ehrenmännern und Ehrenfrauen wachgeküsst zu werden. Wer heute noch sagt: ›Ich bin erfreut‹, obwohl er eigentlich ›Yolo, läuft bei dir, das ist wild!‹ meint, hat die Kontrolle über seine Aura verloren. Darum: Weg mit dem Sprachmief, her mit Ultra-Deutsch, der einzig flyen Sprache zwischen Klassenraum, Endgegner und Cloud! Ihre Grammatik ist einfach: Das Verb steht dort, wo es gerade Bock hat. Groß- und Kleinschreibung regelt der Vibe. Kommas werden nur gesetzt, wenn die Luft beim Vorlesen knapp wird. Wer einen Fehler entdeckt, darf ihn behalten. Smombie, merkste selber, oder? Das Ultra-Deutsche schöpft aus einem unnormal stabilen woken Wortschatz. Es beginnt 2008 mit der Gammelfleischparty, auf der Ü-30-Menschen Ehrenrunden um das kalte Buffet drehen. 2009 kam hartzen, weil „auf dem Sofa liegen und dabei staatstragend wirken“ zu lang war. 2010 wurde aus allem, was irritierte, ein Niveaulimbo. Danach war man 2011 Swag, 2012 rief man YOLO, 2013 herrschte der Babo, 2014 läuft bei dir, 2015 war man Smombie, und 2016 sagte die Sprache höchstpersönlich: „Du bist so fly, Digga!“ 2017 betrat „I bims“ den Raum, von der Grammatik her maximal stabil. 2018 wurde die Welt zum Ehrenmann erklärt, 2019 war sie ein einziges „No Front“. 2020 fühlte sich alles „lost“ an, 2021 „cringe“, 2022 „smash“, 2023 „goofy“, 2024 „Aura“ und 2025 schlicht „das crazy“. Und 2026? Da gewann „Ragebait“ vor „Peak“ und „Crashout“ – ein Finale wie Endlevel, nur mit Kommentarspalte – Dank an den Langenscheidt-Create-Compi! Aber Ultra-Deutsch kann mehr. Es developte Wörter wie wyld, lit, sheesh, sus, flexen, slay, safe, same, mood, random, based, bodenlos, Macher, Gönnjamin, Bratan, Bre, Digga, Habibi, Mashallah, Wallah, Alman, Lauch, NPC, Side Eye, Rizz, Sigma, delulu, Talahon, Schere, lowkey, highkey, Bro, bruh, skill issue, red flag, green flag, Ghosting, Simp, goat, chillen, checken, roasten, triggern, ghosten, shippen und adden. Wer jetzt denkt, das sei zu viel, ist vermutlich gerade im Crashout. Schere!
Olle Floskeln werden entstaubt. Aus „Da liegt der Hund begraben“ wird: „Bruder, da ist der Vibe beerdigt.“ „Viele Köche verderben den Brei“ heißt künftig: „Zu viele NPCs, kompletter Skill Issue.“ Statt „Eigenlob stinkt“ sagen wir: „Flex nicht so bodenlos, du Gönnjamin.“ Und „Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen“ wird zu: „Yolo, mach jetzt, sonst morgen lost.“ Goethe wäre verwirrt, Schiller wäre shook, und beide würden nach drei Minuten vermutlich gemeinsam slayen.
Die Höflichkeitsform lautet künftig Bro. „Könnten Sie mir bitte das Salz reichen?“ wird zu: „Bro, Salz, Ehre.“ Der Konjunktiv entfällt wegen mangelnder Entschlossenheit. Niemand sagt mehr: „Ich würde möglicherweise kommen.“ Man sagt: „Safe, vielleicht.“ Vergangenheit wird mit „damals mies wild“ gebildet, Zukunft mit „wird anders Peak“. Bei völliger Ahnungslosigkeit genügt das universelle „das crazy“. Sechs – sieben. Unsere neue Sprache ist kein cringe Ragebait gegen Deutsch. Sie ist sein Glow-up. Sie nimmt Wörter, mixt sie wie einen komplett delulu Zaubertrank und serviert sie mit maximaler Aura. Sie gehört nicht nur Gen Z oder Gen Alpha, sondern allen Generationen, die bereit sind, nicht bei jedem neuen Ausdruck direkt den Alman-Endgegner zu spawnen. Darum: Linguisten, Lehrkräfte, Eltern, Babos, Smombies und Ehrenleute – vereinigt euch! Gebt der Grammatik Ausgang bis Mitternacht. Gründen wir die Akademie für angewandten Sprachvibe. Ihr Motto: „I bims, also sprech ich.“ Ihr Wappen: ein geflügeltes Wörterbuch auf einem Skateboard. Ihre Hymne beginnt mit „Sheesh“ und endet mit „Wallah, war Peak“. Ultra-Deutsch jetzt! Sonst ist unsere Sprache bald nicht mehr fly, sondern maximal lost – und das wäre wirklich bodenlos, Digga“.
Ich dachte altbacken: Au Backe. Entsann mich meiner frühen Wortfindungs-Experimente zwecks Abgrenzung von den Ollen: Knorke, Steiler Zahn, Dufte. Vergessen. „Geil geprompted, was?“ flüsterte mein Enkel. „Wie bitte?“, ächzte ich, schob ihm fünfzig Euronen rüber. „Für Sprit“ – „Brauch ich nicht“, schrieb er auf meinen „Nicht – vergessen“-Block. „Ich gewinn ja einen Tesla – und du: Ab zum Ohrenarzt, Rottknöchelchen …“.
Theo Geißler ist Herausgeber von Politik & Kultur
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