Es zeichnet sich sehr deutlich ab, dass keine einfachen Zeiten auf uns zukommen. Ich stelle mir daher sehr oft die Frage, wie die Zukunft meiner Studierenden aussehen wird.
Moritz Eggert.
Über die Runden kommen
Es ist trivial darüber zu reden, dass der Künstlerberuf viele finanzielle Unsicherheiten birgt. Das hilft einem wenig, wenn man Komponieren muss, und nur diejenigen, die das müssen, interessieren mich als Lehrer.
Aber vom Müssen kann niemand leben. Ich sage daher meinen Studierenden, dass es keinerlei Schande ist, Nebenjobs zu haben. Sie befinden sich dabei in bester Gesellschaft, denn das Klischeebild eines genialen Beethovens, der unabhängig und allein (wenn auch mühsam) über die Runden kommt, ist ganz sicher die Ausnahme. Haydn und Bach waren zum Beispiel letztlich Angestellte, mit zahlreichen Verpflichtungen, die ihnen ganz sicher nicht immer Spaß gemacht haben. Aber ihre Jobs hatten wenigstens mit Musik zu tun, der von Charles Ives dagegen gar nicht – er war Versicherungskaufmann.
Ives ist ein interessantes Beispiel, weil er sich ganz bewusst dafür entschied, keine Musikerkarriere einzuschlagen. Sicherlich auch aus Verachtung dessen, was er wohl als „Establishment“ empfand, nämlich die sehr konservative amerikanische Musikwelt seiner Zeit, in die er in keiner Weise mit seinen radikalen Ideen hineinpasste.
Ives nahm seinen Job sehr ernst und betrieb ihn mit derselben Leidenschaft wie das Komponieren. Als innovativer Versicherungskaufmann setzte er Standards, die heute noch gültig sind, er war auch finanziell damit erfolgreich und konnte seine Familie absichern. Aber er zahlte auch einen Preis – die Belastung aus endlosen Arbeitstagen und manischen spätnächtlichen Komponiersessions hielt er nicht endlos durch, irgendwann erlitt er das, was man heute einen „Burnout“ nennen würde, und stellte das Komponieren komplett ein. Erst kurz vor seinem Tod wurde er „entdeckt“ und konnte zum ersten Mal Aufführungen seiner Werke erleben, zu diesem Zeitpunkt war er aber schon jahrzehntelang verstummt und es muss ein bitterer Sieg gewesen sein.
Im Vergleich dazu war ein Haydn zwar in einem Dienstverhältnis und musste sicherlich viel öde organisatorische Arbeit leisten. Aber er hatte ein unglaubliches Glück mit seinem Dienstherren, der ihn schätzte, förderte und seiner freien musikalischen Entwicklung nicht im Wege stand.
Und das ist genau das, was ich versuche, meinen Studierenden zu vermitteln. Selbstverständlich müssen sie in den meisten Fällen von anderen Dingen leben als dem Komponieren allein, selbst wenn sie sehr erfolgreich sind. Aber sie müssen dann sehr genau schauen, welche Art von Arbeit sie übernehmen, denn diese sollte ihnen möglichst viel Freiheit lassen. Es ist zum Beispiel etwas anderes, Kopistenarbeiten zu übernehmen als organisatorische Verantwortung auszuüben. Ersteres kann man sich frei einteilen, was Raum für Komponieren schafft, Letzteres erzeugt Verpflichtungen, denen man sich nicht entziehen kann und für die Komponierende nicht immer gleich begabt sind.
Unser Leben ist ohnehin schon voller Zwänge – vollkommene Freiheit gibt es nicht. Aber Kunst ist die Verwirklichung von Freiheit und kann daher nur in einer gewissen Freiheit wirklich blühen, da sie ansonsten nicht davon erzählen kann. Für dieses Dilemma eine praktikable Lösung zu finden, ist eine der größten Herausforderungen des Komponistenberufs.
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