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Moritz Eggert. Foto: Juan Martin Koch

Moritz Eggert.

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Von der Unmöglichkeit, sich zu langweilen

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Absolute Beginners 09/2026
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Langeweile: ein schwieriges, weil sehr persönliches Thema. Für die einen sind fünfstündige Wagner-Opern in Bayreuth himmlisch, für die anderen sind sie die Hölle. Die einen können sich stundenlang ins „Köln-Concert“ von Keith Jarrett versenken, die anderen driften dabei in den Schlaf.

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Langeweile bei Musik ist nicht nur Ansichtssache, sondern hat auch sehr mit momentanen Stimmungen zu tun. Nicht immer sitzt man gebannt auf der Stuhlkante, wenn das Wohltemperierte Klavier dahinplätschert, egal wie raffiniert die Bachschen Kontrapunkte auch sind. Wenn die Steuererklärung im Kopf die Gedanken dominiert, wird selbst diese göttliche Musik zu einer Art Muzak.

Für uns Komponisten ist Langeweile eigentlich der Feind. Gerade weil Neue Musik den Ruf hat, schwierig und daher auch oft langweilig zu sein, ist es mir persönlich meist ein Anliegen, meine Hörer möglichst zu fesseln und zu überraschen. Das ist für mich auch gutes Handwerk: nicht erwartbar zu sein, oder schlaff dahinzunudeln – denn das wäre auch in einem Thriller ein fataler Fehler in der Machart.

Ich bemerke bei mir aber in den letzten Jahren, dass sich mein Verhältnis zur Langeweile sehr gewandelt hat. Und zwar deswegen, weil unsere Gesellschaft Langeweile so fürchtet, dass wir in einem Zustand der fast schon aggressiven permanenten Zerstreuung sind. Auch nur wenige Sekunden Langeweile erzeugen in uns panische Angst, und wir zücken sofort ein Handy, um uns berieseln zu lassen. Das ist falsch, denn Langeweile ist ein wichtiges menschliches Gefühl. Langeweile ist der Ursprung menschlicher Kreativität. Wer sich langweilt, wird erfinderisch, wer sich nie langweilt, lebt immer sehnsüchtig zum nächsten schnellen Reiz, fast schon wie ein Drogensüchtiger (und dass soziale Medien eine Art Drogensucht sind, wird inzwischen zu Recht schon vor Gericht verhandelt).

Wenn Kinder sich langweilen, fangen sie an, Spiele zu erfinden, zu basteln, oder zu malen. Dass den heutigen Generationen diese kreative Erfahrung zunehmend fehlt, lässt sie auf andere Weise kreativ werden. So entstehen zum Beispiel Trends wie „Raw-Dogging“, das bewusste Nichtstun: Zum Beispiel einen ganzen Flug ohne Bord­entertainment zu überstehen und nur auf den Sitz vor einem zu starren. Auch der immer stärkere Andrang bei Ex­tremsportarten wie Ultras oder Triathlon hat mit dieser Leerstelle der Gesellschaft zu tun. Wenn ich mit Sportlern über ihre Erlebnisse spreche, so kommt „mehrere Tage kein Handy, keine Emails beantworten und bei mir selbst sein“ oft als Hauptmotivation für tagelange Sportevents.

Ich sehe in dieser Entwicklung eine große Chance für klassische Konzerte. Denn das, was früher abgeschreckt hat, wird nun zum besonderen Erlebnis. Daher sind Konzertkonzepte, wie die Zuschauer nebenher auf ihren Handys daddeln oder Apps bedienen zu lassen, meiner Meinung nach der falsche Weg. Nein – auch Konzerte wollen und sollen „roh“ erlebt werden, ohne Ablenkung und Chichi. Denn gerade das Abdriften der Gedanken, die innere Konzentration, das Erleben von langen musikalischen Entwicklungen ist das beste Gegenmittel zu einer Zeit, die an ihrem eigenen ständigen Entertainment zunehmend zugrunde geht.

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