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Sven Ferchow. Selfie

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Weniger Streaming wagen

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Ferchows Fenstersturz 2026/03
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Herbert Grönemeyer ist mal wieder empört. Nachdem er und andere wohlsituierte Künstler 80 Millionen deutschen Bürgern einen moralischen Einlauf verpasst hatten, weil sie keine afghanischen Flüchtlingsfamilien im Westflügel ihrer durchschnittlich 56 Quadratmeter großen Mietswohnung beherbergen wollen, waren es Ende 2025 die Streaming Giganten, die Grönemeyer zur Sau machte. Und zwar derart, dass Kulturminister Wolfram Weimer – fast schon „Infantino-Style“– noch im Dezember 2025 eilig zum Streaminggipfel im Kanzleramt lud. Zwar vorerst ohne Friedenspreis, aber irgendwie auch, weil eine von der Bundesregierung in Auftrag gegebene Studie mit dem freshen Titel „Vergütung im deutschen Markt für Musikstreaming“ herausfand: Selbst in Deutschland boomt der Streamingmarkt und fährt gewaltige Gewinne ein. Erstaunlicherweise nur für Streamingdienste und Plattenfirmen. Das war eine verblüffende Erkenntnis für alle Beteiligten. 

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Dass Streaming-Riesen Geld verdienen möchten. Und weniger Interesse am Artenschutz für Künstler haben. Deshalb: Künstler im Kanzleramt. Wo sonst Akten liegen, lagen nun Befindlichkeiten. Man sprach über fairen Ausgleich, mehr Geld, mehr Respekt, mehr Gerechtigkeit und die einzig verbleibende Quintessenz, Popmusik als Grundrecht zu verankern. Ein veritabler Klassenkampf wurde da entzündet. David gegen Algorithmus. Selbstverständlich widersprachen die Satzschrauber der Streaming-Konzerne wortwolkig. Alles wachse. Nur eben nicht bei allen. Die Verteilung sei das Problem. Die klassischen Vertrös­tungen, die wir Normalbürger beim jährlichen Besuch in der Lohnsteuerhilfe hören, sollten Künstler und Minister beruhigen. So ist das Leben eben. Ungerecht. Manche bekommen die Torte. Andere die Krümel. Herbert Grönemeyer sieht darin einen Skandal. Er ist ja noch durch Generation ohne Playlists zu Geld gekommen. Als Platten gekauft wurden. Aber mal ehrlich. Sähe es ohne Streaming nicht noch düs­terer für den Nachwuchs aus? Herkömmliche Plattenfirmen gibt es nicht mehr. Wo dann die Karriere starten? Folglich laden die Jungen hoch, werden gehört, generieren Reichweite. Vielleicht. Früher sind sie mit ihrem Demotape nicht mal an den Pförtnern der Plattenfirmen vorbeigekommen. Die haben die Langhaarigen mit einem höhnischen „Geht arbeiten“ und ohne ein „Vielleicht“ vom Hof gejagt. Dass die großen Stars jetzt jammern, mag ihr gutes Recht sein. Sie haben Reichweite, Mikrofone und Kanzleramtstermine. Der Nachwuchs hat nur Upload-Buttons. Man fragt sich allerdings: Wo waren die Klagen der Großen, als Strea­ming geboren, als Verträge unterschrieben wurden? Vielleicht ist das Problem nicht nur Spotify. Eventuell ist es die speziell in Deutschland verbreitete Erwartung, dass jede Kunst ein Gehalt generieren muss. Dass jeder Stream einen Lohn verdient. Musik war nie fair oder gerecht. Sie war Glück. Oder Pech. Aber ist Streaming nicht auch ein Stück Demokratie? Wir bestimmen doch. Abonnieren oder kündigen. 

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