„Neues Musiktheater fasziniert mich, weil es uns Menschen in unserer gesamten Sinnlichkeit erfasst und damit auch experimentiert. Besonders interessiert mich das Zusammenspiel der verschiedenen Mittel des Musiktheaters und wie daraus eine eigene, unverwechselbare Energie im Jetzt, mit dem Publikum entsteht.“
Manuela Kerer. Foto: Astrid Ackermann
Authentische Schaffenslust, die nachhallt
Die Komponistin Manuela Kerer, die zusammen mit Katrin Beck das neue künstlerische Leitungsteam der Münchener Biennale für neues Musiktheater bildet, war schon als Kind von der Theatralität fasziniert, die in Kammermusik steckt, wie sie gegenüber der nmz schildert. „Ein wichtiger Schritt war für mich die Entdeckung der Stimme“, sagt sie, „ich begriff, dass sie nicht nur Text und Melodie transportiert, sondern selbst eine physische, plastische, organische Qualität besitzt. Mir wurde klar, dass Musiktheater nicht bloß illustriert, sondern einen eigenen Raum eröffnet.“
Einen solchen Raum möchte Manuela Kerer mit ihrem Team nun bei der 20. Ausgabe der Biennale vom 8. bis 20. Mai schaffen. Auf die Frage, ob sie die Rolle des Festivals eher im Sinne eines Experimentierfelds versteht oder mehr in der Wirksamkeit in die Spielpläne hinein sieht, antwortet sie mit einem entschiedenen Sowohl-als-auch: Die Stärke der Münchener Biennale liegt ihrer Ansicht nach gerade darin, „diese vermeintlichen Gegensätze nicht als ‚Entweder-oder‘, sondern als untrennbare Einheit zu begreifen“. Und weiter: „Wir brauchen das Experimentierfeld, um die Grenzen des Musiktheaters zu erkennen, zu hinterfragen und gegebenenfalls zu verschieben. Aber dieses Experiment darf kein Selbstzweck sein, es sollte so kraftvoll sein, dass es eine Wirksamkeit in die Spielpläne entfaltet und zeigt, wie dieses Genre in der Gegenwart, aber auch in der Zukunft aussehen könnte.“
International und lokal
Auch die Aspekte internationale Ausstrahlung einerseits und Verwurzelung in München andererseits schließen sich ihrer Meinung nach nicht aus: „Wir sind ein internationales Festival, aber die Präsenz in der Münchener Stadtgesellschaft ist für uns fundamental. Wichtig sind uns auch Verbindungen von internationalen und lokalen Künstler:innen-Positionen. Nur wenn wir hier vor Ort andocken und die Menschen neugierig machen, erzeugen wir eine Authentizität. Ich bin überzeugt davon, dass wir international keine Aufmerksamkeit gewinnen, indem wir eine globale Beliebigkeit bedienen.“
Ein besonderes Anliegen war den Leiterinnen die Beauftragung von zwei Produktionen für junges Publikum. Sie stammen von Piyawat Louilarpprasert („Wie das flunkert“) und Margareta Ferek-Petrić („Der Miesepups“). „Für Kinder zu schreiben ist für mich eine absolute Königsdisziplin“, sagt Manuela Kerer. „Kinder besitzen ein untrügliches Gespür für die Unmittelbarkeit und die physische Kraft von Klängen. Sie fordern uns heraus, sind radikal ehrlich und direkt. In komplexen Zeiten wie den unseren ist dieser unverstellte Zugang ein echter Lichtblick.“
Was die Auswahlkriterien für die kommende Ausgabe betrifft, so sind Manuela Kerer und Katrin Beck auf der Suche nach „spannenden Handschriften“ von den Komponierenden ausgegangen. Neben dem Blick über Europa hinaus sei ihnen dabei wichtig gewesen, so Kerer, eine breite Vielfalt ästhetischer Positionen vorzustellen und den seit der Gründung durch Hans Werner Henze prägenden „Labor- und Werkstattcharakter“ der Biennale fortzuführen.
Eine der Handschriften, auf die Kerer und Beck gestoßen sind, ist jene von Asia Ahmetjanova. Die Komponistin hat zusammen mit der Regisseurin Franziska Angerer und der Dramaturgin Carolin Müller-Dohle das Musiktheater „ENDLICH“ konzipiert, das am 10. Mai seine Uraufführung bei der Biennale erleben wird. Performative Elemente spielten schon in ihren bisherigen Arbeiten eine große Rolle, sodass sie den Schritt zum Musiktheater nun als einen sehr natürlichen empfindet. Eher neu ist für sie der Aspekt der Kooperation – „eine gute Übung in künstlerischer Zusammenarbeit“, wie sie es formuliert, sowie die Möglichkeit sich „mit so vielen Minuten Musik frei äußern zu dürfen“, was sie als großes Geschenk empfindet.
Die Inspiration, ein Musiktheater zum Thema Vergänglichkeit, Altern und Tod zu schreiben, war für Asia Ahmetjanova eine persönliche. Schon lange spielte sie mit der Idee, eine Oper mit Gedanken an ihre Großmutter zu schreiben, mit der sie im gleichen Zimmer aufgewachsen ist. „Wir waren so nah, dass es manchmal schwer auszuhalten war“, erzählt Ahmetjanova, „und sie war immer auf meiner Seite. Es war unmöglich, einander zu verstehen, und wir haben oft einfach die Stille genossen. Ihre innere Welt hat mit der Zeit den Vordergrund angenommen, um die Realität zu ertragen. So war die Endlichkeit – grausam irreversibel.“
Asia Ahmetjanova. Foto: Vera Scheidegger
Damit die Geschichte nicht persönlich bleibt, wurde das praktische Konzept vom Regie- und Dramaturgie-Team ausgearbeitet, wobei der Komponistin wichtig war, mit Senior:innen zu arbeiten: „Ihre Körper übertragen eine Vergänglichkeit schon dadurch, dass sie so viel Zeitgeschichte in sich mittragen. Die Persönlichkeiten dahinter strahlen ein Alterswissen aus, welches man nur mit den Jahren und Erfahrungen gewinnen kann.“ So werden in „ENDLICH“ drei Gruppen interagieren: ein Instrumentalensemble, Gesangsstimmen und ein Laienensemble als Performer:innen. Die Interaktion dieser Gruppen empfindet Ahmetjanova als „fluide“, sie sei während der ersten Probephase auch transformiert und angepasst worden. Den Prozess beschreibt sie so: „Für alle Beteiligten war es mir wichtig, mich mit Vorschlägen zu präsentieren, das heißt, wir haben versucht, abgelehnt, etwas Neues versucht, verändert, entsorgt, gefunden, transformiert. Das alles sind sehr wertvolle, aber auch schmerzvolle Prozesse – aber so soll es sein. Nur durch radikales Entgegenkommen entsteht der gemeinsame Wert, Dialog und eine starke Beziehung zur übergeordneten Idee, gemeinsam mit Wurzeln und Knochen ein Teil des ENDLICHs zu werden.“
Mythologie und Religion
Überdies überlagern sich im Stück mythologische und religiöse Elemente, und in der Struktur des Werkes spielen Teile der Totenmesse als kirchenmusikalische Referenzen eine Rolle. Asia Ahmetjanova sieht dabei eine klare Gewichtsverteilung: „Die mythologische Perspektive steht im Vordergrund und diese wird auch ganz klar repräsentiert. Die religiöse Perspektive diente einerseits als Form für meine Arbeit, andererseits habe ich als Komponistin eine Beziehung zum Begriff Requiem und habe musikalisch auch eine Art Requiem komponiert. Jedoch möchte ich dies verstecken und nicht in den Vordergrund setzen oder kommentieren – es ist meine Welt, meine Interpretation, die persönlich bleibt, bis die Menschen, die sich dafür interessieren, die Noten und die Satzbezeichnungen sehen und sich dazu ihre Gedanken machen dürfen.“
Ein Kriterium, das Manuela Kerer bei der Auswahl der Künstler:innen als wichtig benennt, dürfte bei „Endlich“ also gegeben sein: „Authentizität, Schaffenslust, die bewegt, herausfordert und im Publikum nachhallt“. Und sie ergänzt: „Es ist schwer zu benennen, was diesen besonderen, überraschenden Moment ausmacht, den Augenblick, in dem etwas plötzlich notwendig wirkt und sich alles auf eine Weise fügt, die man vielleicht gar nicht bis ins Letzte planen kann.“
Obwohl das Leitungsteam kein Motto vorgegeben hat, sieht Kerer gemeinsame Tendenzen bei den Werken, etwa die Spannung zwischen Mythos und Wissenschaft, die grundsätzliche Frage, wie das gesellschaftliche Miteinander gelingen kann, oder die Auseinandersetzung mit Archiven. „Es gibt weitere Gemeinsamkeiten zwischen einigen Produktionen“, so Kerer, „nämlich das Schreiben für und die Auseinandersetzung mit der Stimme, was für Musiktheater kein Muss ist. Wir beobachten auch eine profunde Beschäftigung mit Text beziehungsweise Nicht-Text oder den Einsatz von Fantasiesprache.“
Asia Ahmetjanova macht sich im Hinblick auf die Wirkmächtigkeit ihrer Arbeit keine Illusionen, aber einen bescheidenen Wunsch hat sie doch: „Ich kann mit meiner Musik die Welt nicht retten, aber wenn nach der Aufführung eine Person ihre Großeltern anruft, habe ich das Ziel erreicht.“
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