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Simone Young in Köln. Foto: © Thomas Brill

Simone Young in Köln. Foto: © Thomas Brill

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Bechers Bilanz – Februar 2026:Das Gift, die Umarmung, der Tanz

Vorspann / Teaser

Wer das Gift in aktuellen Kultur-Diskursen beklagt, sei an den Uraufführungsskandal von Hans Werner Henzes „Das Floß der Medusa“ erinnert. Mit welcher Wut und Häme nicht nur FAZ und Spiegel, sondern auch links positionierte Autoren über Henze herfielen, weil er politische Haltung durch musikalisch tradierte Zeichenhaftigkeit ausdrücken und sich nicht in Abstraktion verlieren wollte, beweist die Unversöhnlichkeit des Dialoges schon in den 1960er-Jahren. Henze war danach für viele Jahre in der BRD abgemeldet. 

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München: Das Floß der Medusa

Der Schlachtruf von gestern bleibt Warnung

Den Bericht vom Schiffbruch der Medusa lasen Henze und sein Librettist Ernst Schnabel als Warnung vor Unmoral und Unterdrückung. Heute gehört das Oratorium „Das Floß der Medusa“ über die Pflichtvergessenheit französischer Marineoffiziere bei der Opferung über 150 Schiffbrüchiger zu den meistaufgeführten und -eingespielten Werken Henzes. Zum 100. Geburtstag des Komponisten erklingt es am 6. und 7. Februar im Rahmen der musica-viva-Konzerte, in jener Stadt also, in deren Auftrag Henze 1988 die Münchener Biennale initiiert hat. Das Symphonieorchester des BR unter Sir Simon Rattle, die Chöre des BR und des WDR, Kinderchor und Solisten, sie alle passen kaum in die Isarphilharmonie. Die bedrängten Verhältnisse führen zu guten Lösungen – der Tölzer Knabenchor steht vor dem Orchester – wie zu weniger guten: Henzes räumliche Anordnung von Lebenden und Toten kann in den Chören nur angedeutet werden. La Mort steht auf der Empore, die kurzfristig eingesprungene Kathrin Zukowski singt mit kristallklarem wie verführerischem Sopran, muss aber dort oben auf Nuancen verzichten. Georg Nigl verkörpert die aus dem Gemälde von Théodore Géricault stammende repräsentative Hauptfigur der Schiffbrüchigen. Souverän schlängelt er zwischen Gesang und theatralisch gesungenem Sprechen; dass er die Gesangslinien Henzes zu großzügig auslegt, macht seine Eindringlichkeit wett. Wenn noch lange nach Ende des Abends eine Besucherin mit leerem Blick in ihrer Reihe sitzt, dann ist auch Nigl zu verdanken, dass die entsetzlichen zwei Wochen auf dem Floß, die ein Dutzend Männer überlebten, uns seit über zwei Jahrhunderten erschüttern.

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Das Floß der Medusa in der Isarphilharmonie. Foto: Christoph Becher

Das Floß der Medusa in der Isarphilharmonie. Foto: Christoph Becher

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Wie aber hält es Simon Rattle mit dem Schluss? Henze hat später den „Ho Ho Ho Chi Minh“-Rhythmus im Schlagwerk, vom 68er-Publikum unmissverständlich als Aufforderung zum Widerstand gegen kriegstreiberische Regierungen gehört, mit einem „Hymnus“ in den Streichern übertüncht. Vielleicht war ihm die tagespolitische Attitüde des Werkes inzwischen peinlich. Heute darf man das Werk „kontextualisieren“. Rattle macht es wie Cornelius Meister in Wien 2017: Die Chöre skandieren den Schlachtruf von gestern und verdrängen den Hymnus. „Das Floß der Medusa“ bleibt eine Warnung.

Köln: WDR Sinfonieorchester unter Simone Young

Gesungen, nicht gebetet

Zum ersten Mal gastiert Simone Young, umworben von den Musikmetropolen der Welt, beim WDR Sinfonieorchester. Die Chemie zwischen Rundfunkorchester und der australischen Dirigentin stimmt, elegant abgemischte Klangfarben durchziehen die hervorragend besuchte Kölner Philharmonie am 6. Februar. Applaus zwischen den Sätzen zeigt ehrliche Begeisterung oder neue Besucher an, beides wäre ein Gewinn. Nach der zarten „Pavane“ von Maurice Ravel als Einstieg betritt der kanadische Pianist Louis Lortie die Bühne. Maurice Ravels G-Dur-Konzert, dessen Jahrmarktsjubel an Strawinsky und dessen Coolness an Gershwin erinnern, gehört zu den Werken, an denen man sich kaum satt hören kann. Vor allem dann nicht, wenn der Solist so fein abstuft wie hier. Ganze Liedstrophen purzeln aus dem virtuosen Passagenwerk heraus, selbst im zweiten Satz singt Lortie, statt zu beten. 

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Simone Young in Köln. Foto: © Thomas Brill

Simone Young in Köln. Foto: © Thomas Brill

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Mit Erich Wolfgang Korngolds Symphonie op. 40 präsentiert Simone Young ein Werk, in dem die im Jahrhundertwende-Wien erblühte Tonsprache des Komponisten auf die bitteren Erfahrungen des Exilanten trifft, mit dem seine Heimat nach der Niederlage der Nazis nichts mehr anfangen wollte. Gerade in den Kopfsatz schleichen sich bedrohliches Perkussionsgeklapper und ein verzweifelt aufheulendes Hauptthema ein. Im Finale aber siegt die Lebensfreude, Young strahlt und tanzt den Satz. Von ihrer Begeisterung lässt sich das WDR Sinfonieorchester anstecken. Großer Jubel, alles richtig gemacht.

Köln: Gürzenich-Orchester unter Anja Bihlmaier

Musik wie eine Umarmung

Kurzfristig springt die niederländische Violinistin Simone Lamsma für Veronika Eberle ein, die den zahlreichen Erkältungsviren in den kalten Februarwochen zum Opfer gefallen ist. Solistin und Dirigentin Anja Bihlmaier lassen sich für die kommende halbe Stunde mit Max Bruchs Violinkonzert nicht aus den Augen. Gerade im ersten Satz gilt es, jedes Atemholen im romantischen Fluss zu koordinieren. Geprobt werden konnte das nicht, hier müssen sich zwei Profis aufeinander verlassen. Lamsma überzeugt mit funkelndem Ton, ihr Bruch ist eine innige Umarmung, ohne Pose, ohne Tränendrüse. Mit einem hinzugegebenen Hindemith zeigt sie überdies, dass sie Rasanz und Tempo nicht fürchtet. 

Anja Bihlmaier debütiert beim Gürzenich-Orchester und entlockt den Musikerinnen und Musikern gleich zu Beginn in György Ligetis „Concert Românesc“ einen warmen und runden Sonntagmorgenton. Inspiriert von der Tanzfreude des 28-jährigen Ungarn geht Bihlmaier auch Beethoven an, die Bläserakzente sitzen, die Nebenstimmen der Streicher treten lächelnd hervor. Es muss nicht immer die Dritte und die Siebte sein, die Kölner Philharmonie ist an diesem 22. Februar auch mit Beethovens Zweiter ausverkauft. 

Köln: Meta4

Vier federn mit den Phrasen

Und noch ein Debüt: Kaum zu glauben, dass das Streichquartett Meta4 am 25. Februar zum ersten Mal die Bühne der Kölner Philharmonie betritt. Seit seiner Gründung 2001 hat sich das finnische Ensemble mit Aufnahmen von Bartók und Schostakowitsch einen Namen gemacht, mit Kaija Saariahos Kammeroper „Only The Sound Remains“ (2015), vor allem aber mit Auftritten, deren Musikalität und Intensität im Gedächtnis haften bleiben.

Das Quartett – Antti Tikkanen, Minna Pensola, Atte Kilpeläinen, Tomas Djupsjöbacka – spielt im Stehen, man federt mit den Phrasen, reicht sich die Rhythmen weiter. Im Fluss der Musik wogen die Körper umeinander. Erfreulicherweise spitzen die vier ihre Klänge nicht künstlich zu. Sparsames Vibrato, das Ausspielen von Linien und eine sorgfältige Abstufung der Dynamik garantieren Ausdrucksreichtum und Modernität, selbst dann, wenn Musik des 19. Jahrhunderts auf dem Programm steht, in diesem Fall das wunderbare, den späten Beethoven weiterdenkende Es-Dur-Quartett von Fanny Hensel. Hier geht im kontrapunktischen Gewebe keine Stimme verloren. Aus seiner Heimat bringt Meta4 das 6. Streichquartett von Jouni Kaipainen mit, „The Terror Run“, impressionistische Musik zwischen Dichte und Verlorenheit als gute Vorbereitung auf den abschließenden Ravel. Bleibt die Bitte an die Philharmonie, das Ensemble regelmäßig einzuladen.

Köln: Rumours of Fleetwood Mac

Wiedergeburt der gefinkelten Popsongs

Der legendäre Erfolg des Studioalbums „Rumours“ (1977) von der britischen Rockband „Fleetwood Mac“ verdankt sich auch der Profillosigkeit der Posthippies. Zwischen Lagerfeuersong, Stadionrock, berührender Ballade und gefinkeltem Popsong, getragen von drei charakteristischen Leadstimmen, die auch im Backup unterschiedliche Farben mischen, legt sich die Scheibe nicht fest. Deshalb kann man sie auch fast 50 Jahre nach ihrer Veröffentlichung gut hören und deshalb lohnt sich am 18. Februar ein Besuch der Tribute-Band „Rumours of Fleetwood Mac“ in der Kölner Philharmonie. Tribute-Bands verzichten auf Egoshows – die Musiker schlüpfen in die Rollen anderer – und meistern die musikalischen Strukturen oft akkurater als die Originale.

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Rumours of Fleetwood Mac in Köln. Foto: Christoph Becher

Rumours of Fleetwood Mac in Köln. Foto: Christoph Becher

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„Rumours of Fleetwood Mac“ imitieren ihre Vorbilder nicht nur akustisch, sondern auch physisch, von der Schiebermütze John McVies (Etienne Girard) bis hin zum Flatterrock von Stevie Nicks (Vivienne Chi), der die Boomer damals um den Verstand brachte. Selbst das bluesrockige Frühwerk von „Peter Greene’s Fleetwood Mac“ findet seinen großzügig bemessenen Platz im Konzert. Das Publikum in der ausverkauften Philharmonie liebt die Songs und die eigene, mit diesen angereicherte Jugend, man applaudiert der makellosen Darbietung offenen Herzens. Der Verlust an Aura wiegt leicht gegenüber der Spielfreude und klangtechnischen Sorgfalt, mit denen die noch immer frischen Songs zurück ins Leben treten. Dass die Arbeit an Fleetwood Mac „Rumours“ von vergifteten Beziehungen zwischen den privat liierten Bandmitgliedern gekennzeichnet war, geriet dem Album schon damals nicht zum Nachteil.