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Vor den Soul Girls sieht man Tim Al-Windawe als Judas. © BHF / S. Sennewald

Ellie Van Gele, Julia Vazzoler, Danai Simantiri (Soul Girla). © BHF / S. Sennewald.

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Bechers Bilanz – Juli 2023 – Musik von draußen

Vorspann / Teaser

Im Juli darf das Kulturleben pausieren. Die städtischen Abonnements verkrümeln sich in die Sommerpause, die Pianistinnen radeln entlang der Flüsse, die Sänger buchen einen Kochkurs. Doch nun schlägt die Stunde der Festivals, und man könnte einfach weiter machen, könnte Daniel Hope hinterherreisen, könnte mit Madame Butterfly am Bodensee schluchzen oder endlich einmal spontan zu den Bayreuther Festspielen fahren. Ich drücke lieber die Pausetaste. Da ich dies schreibe, spannt sich ein Regenbogen über Nordfriesland. Die Austernfischer empören sich am Himmel, die Schafe rupfen am Deich, das Watt schmatzt. Es erklingt Musik von draußen. Die Bilanz im Juli fällt mager und sehr zufällig aus.

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Bad Hersfeld: Jesus Christ Superstar
Das große Kreuz der Stiftsruine

Ganz ohne Festspiele geht es dann doch nicht. Die Stiftskirche in Bad Hersfeld brannte 1761 nieder. Stehen blieb eine innerstädtische Ruine mit exzellenter Akustik, die die Nordhessen schon im 19. Jahrhundert als Veranstaltungsort nutzten. Nach dem Zweiten Weltkrieg übersiedelte hierhin das Theater aus dem zerbombten Kassel. Aus einer Goethewoche 1949 wuchsen die Bad Hersfelder Festspiele, seit 1951 mit eigenem Intendanten. Vor der Ruine listet eine Tafel die Riege dieser Intendanten auf. Dass nur wenige länger als drei Jahre blieben, scheint darauf hinzudeuten, dass die Stadt programmatisch ein Wörtchen mitreden wollte und will, und so ist Bad Hersfeld immer ein Sommerfestival für das hiesige Publikum geblieben und keines für polyglotte Theater- und Musikkritiker geworden. Wer (zum Beispiel am 11. Juli) in die strahlenden Augen des meistens nord-, seltener südhessisch sprechenden Publikums blickt und die vollbesetzten Reihen der 1.300 Sitzplätze fassenden Zuschauertribüne würdigt, darf anerkennen, was die Festspiele an der ehemaligen Grenze (damals sprach man vom „Zonenrandgebiet“) leisten.

In diesem Jahr steht „Jesus Christ Superstar“ auf dem Programm, inszeniert von Stefan Huber, der in Bad Hersfeld schon mehrere Musicals auf die Bühne gebracht hat und der einen kirchenkritischen Prolog hinzuerfindet. Gespielt wird auf der Vorderbühne, die Tiefe der Ruine bleibt ungenutzt, aber in der Kreuzigungsszene erhebt sich langsam ein gut 20 Meter hohes Kreuz, und der Schauspieler und Musicalsänger Andreas Bongart wimmert seine Sieben Letzten Worte von ganz oben herab auf ein gebanntes Publikum. „Jesus Christ Superstar“, mehr Rockoper als Musical, gründete 1971 den Weltruhm von Andrew Lloyd Webber – im gleichen Jahr, in dem auch „Mass“ von Leonard Bernstein uraufgeführt wurde. Die Religionskritik der Flower-Power-Jahre zog größere Kreise. Und während Bernstein die Verlorenheit des religiösen Menschen in der Gegenwart thematisierte, verschoben Webber und sein Librettist Tim Rice den Schwerpunt auf Judas Iskariot. Ein halbes Jahrhundert später lohnt sich eine Begegnung mit beiden Werken noch immer.

Köln: „Ursula – das bin ich. Na und?“
Monster und Feen

44 Werke der Malerin Ursula Schultze-Bluhm (1921–1999) aus dem Besitz des Museum Ludwig in Köln waren von März bis Juli Kern einer Ausstellung, ergänzt um weitere knapp 200 Leihgaben. Eine willkommene Gelegenheit, das Schaffen dieser außerordentlichen Künstlerin kennen zu lernen, die unter dem Künstlernamen Ursula veröffentlichte. Ursula malte mit großer Hingabe zu Farbe und kleinem Strich, sie imaginierte Fabelwesen, Monster und Feen in einem, und kümmerte sich wenig um Perspektive und Bildaufbau. Gliedmaßen verwandeln sich in florale Strukturen, Linien fransen aus, alles purzelt durch den gravitationslosen Raum. Ihr Werk leuchtet, Empfindlichkeiten perlen an ihm ab. (Das Museum Ludwig „kontextualisiert“ am Beginn der Ausstellung Ursulas Verarbeitung von Pelzen.) Ursula durfte malen ohne Rücksicht, ohne Verantwortungsdruck, ohne ihrer Zeit eine Haltung entgegenzustemmen. Man kann sich vor ihren Visionen fürchten oder es für beruhigend halten, dass sie sie zu bannen wusste. Eine bemerkenswerte und umfassende Werkschau, für die man dankbar sein darf.

David T. Little: Black Lodge
Alpträume zwischen Oper und Metal

Eine Überraschung barg der Newsletter von Boosey & Hawkes, unter deren unkonventionellen, englischsprachigen, jenseits aller akademischen Schulen gereiften Komponisten immer wieder Perlen zutage gefördert werden können. (Man hofft, dass Boosey & Hawkes auch im Besitz der amerikanischen Concord-Gruppe diesen Weg weitergehen wird.) So geriet ich an David T. Little und seinen Opernfilm „Black Lodge“. Little, geboren 1978 in den USA, hat vermutlich mehr Lars Ulrich (Metallica) als Elliott Carter gehört, denn er ist Drummer und seine Musik weist nicht versteckt oder augenzwinkernd auf seine Wurzeln hin, vielmehr ist sie – zumindest in „Black Lodge“ – über weite Strecken schlackenloser Industrial Rock. „Black Lodge“ sollte zunächst auf die Bühne, wurde aber coronageschuldet zum Film. Im lynchhaften Setting von Regisseur Michael Joseph McQuilken stellt sich ein Schriftsteller seinen Dämonen. Die Librettistin Anne Waldman spielt auf Kultautor William S. Burroughs an, und so darf auch dessen unsägliches Wilhelm-Tell-Spiel nicht fehlen, bei dem der besoffene Autor seine Frau erschoss, nur dass in McQuilkens Film das Opfer zugedröhnt ist, nicht der Schütze. „Black Lodge“ zeigt, dass eine private Bilanz auch dort Alpträume offenbart, wo ein Leben ohne äußere Katastrophen verläuft. Der Künstler taumelt aus der Kinderstube in Kitsch und Kälte. Die Band Timur and the Dime Museum spielt die Musik von David T. Little zwischen herkömmlichem Opernpathos, Post-Punk-Attitüde und Schockerposen wie sie sich vom Hardrock der 70er-Jahre in den Rammstein-Mainstream vorgearbeitet haben. Little stellt der Band gelegentlich ein Streichquartett der Oper Philadelphia zur Seite, widersteht aber der Versuchung, falsche Fährten zur Neuen Musik zu legen. Seit der Zusammenarbeit von Sunn o))) mit Scott Walker habe ich keine so glaubhafte Verbindung zwischen Metalstruktur und Operngeste vernommen wie hier. Littles Musik vertont den Alptraum virtuos: Sie ist immer mitreißend und immer verstörend. Cantaloupe Music - YouTube

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