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Coup de Théâtre in Brandenburg an der Havel mit Mozarts Zauberflöte. Foto: Enrico Nawrath.

Coup de Théâtre in Brandenburg an der Havel mit Mozarts Zauberflöte. Foto: Enrico Nawrath.

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Coup de Théâtre in Brandenburg an der Havel mit Mozarts Zauberflöte

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„Die Zauberflöte“ ist eine der meistgespielten Opern überhaupt, immer ein Kas­senhit und ohne Frage W. A. Mozarts populärstes Werk, aber auch dessen am meisten missverstandenes.
 

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Meist wird es nur an der volkstümlichen Oberfläche als burlesk-erhabenes Märchen-, Zauber- und Maschinenkomödie à la Schikaneder aufgeführt. Die Frage, die sich bei jeder Inangriffnahme des Stücks stellt: Ist die „Zauberflöte“ Singspiel, Mysterientheater, Machwerk oder verschlüsselte Freimaureroper?

Der Mozartforscher Alfons Rosenberg deutete die Zauberflöte als ein „Myste­rienspiel vom Kampf der Urmächte und von der Erlösung des Menschen“. Der Musikwissenschaftler Alfred Einstein verklärte es zu einem „Vermächtnis an die Menschheit“. Goethe, immerhin, der Kluge, wusste: Es „gehöre mehr Bildung dazu, den Wert des Librettos zu erkennen, als ihn abzulehnen“.

Man darf nicht vergessen, in der Zauberflöte holt Mozart – nach der gesell­schaftskritischen Da Ponte -Trias zum letzten, großen Schlag aus. Das Werk ist nichts weniger als eine radikale Kampfansage an Adel und Klerus, verschlüsselt in freimaurerischen Symbolen und Chiffren. Helmut Perl hat vor einigen Jahren in seinem wegweisenden Buch über den „Fall Zauberflöte“ deutlich gemacht, dass die herkömmlichen Interpretationen des Werks meist zu kurz greifen. Leider haben nur Wenige – zumal Regisseure – das Buch je gelesen. Perl dechiffrierte das Stück vor dem Hintergrund der Französischen Revolution als gesellschaftspolitische Allegorie, als aufklärerische Parabel. Was Jan Assmann in seinem Zauberflötenbuch zurecht veranlasste, sie eine „Opera Duplex“ zu nennen: „außen Volkstheater, Maschinenoper, Zaubermärchen vom Schikanederschen Typ, innen Mysterium“ im Sinne der Freimaurerlehren. Das darf einfach Keiner ignorieren, der heute die Zauberflöte inszeniert.

Dennoch fegt Alexander Busche in seiner Brandenburger Inszenierung all diese Bedenken und Fragen vom Tisch. Aber es gelingt ihm mit seiner selbstbewusst frechen, futuristischen, lichtdurchfluteten, suggestiven und ästhetisch streng durchchoreografierten Inszenierung mit Anleihen an Musical, Show und Broadway nichts weniger als ein Coup de Théâtre. Dabei verzichtet seine (von ihm kreierte) Bühne auf alle Kulissen, Dekorationen und Requisiten, zumal auf alles Ägyptische.

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Coup de Théâtre in Brandenburg an der Havel mit Mozarts Zauberflöte. Foto: Enrico Nawrath.

Coup de Théâtre in Brandenburg an der Havel mit Mozarts Zauberflöte. Foto: Enrico Nawrath.

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Ein schwarzer kastenförmiger Raum, geometrisch angeordnete Linien auf dem Boden, ein paar schwarze Stühle reichen ihm für seine Version der „Zauber­flöte“, die aus dem Blau, aus dem Bühnennebel und der Dunkelheit kommt. Die gekonnte Beleuchtung schafft Bewegung, Raumeffekte, Stimmungen und Atmosphäre. Jan Eberle, Uwe Stange, Julian Buhle und Janic Habedank sind Meister ihres Fachs, der theatralischen Illumination. Soweit die Bühnenpraxis.

Was die Konzeption angeht: Ein Bass klärt schon zu Beginn über Sarastro auf: „Er beherrscht die Welt von Betaville. Den Sonnenkreis, ohne Emotion. Sein Ziel ist es, auch die Außenländer zu beherrschen und sie mit Störern und Spitzeln zu überziehen.“ Das ist durchaus gegenwärtig. Man versteht.

Über die Königin erfährt man: „Die Königin war Herrscherin einer anderen Welt, einer Welt der Poesie und der gelebten Emotionen. Sie hat sich Sarastro nicht unterworfen und überlebt nur, solange sie sich nicht aktiv gegen das System wehrt. Sie lebt wie eine Obdachlose in einem Verschlag und mit einem Einkaufswagen voll ihrer Habseligkeiten.“ Aha.

Dann folgt das Konzept als Text auf dem Zwischenschleier: „Willkommen in Betaville, Ort einer totalitären dystopischen Gesellschaft unter der Alleinherrschaft Sarastros. Erinnerungen und Gefühle werden hier systematisch unterdrückt. Wer gegen das System aufbegehrt, wird durch die Teilnahme an einem tödlichen Mühlespiel eliminiert – öffentliche Hinrichtungen zur Abschreckung des Volkes. Gespielt wird unter höchst unfairen Bedingungen: 2 gegen 3. Die Verurteilten haben also keine Chance.

Pamina wurde ihrer Mutter, der Königin der Nacht, entrissen und soll in das System integriert werden. Sie will sich in Briefen mitteilen, bringt aber aufgrund der fortschreitenden Assimilation an das System nichts Sinnvolles mehr zu Papier. Aus den unverständlichen Briefen formt Papageno ‚Vögel‘. Die von Sarastro instruierten drei Damen bringen diese der Königin der Nacht. Bei jeder Lieferung hofft sie, eine verständliche Botschaft ihrer Tochter darauf zu finden. Vergeblich. In dieses System dringt Tamino ein …“ Auch er wird mit Pamina nach erfolgreichen Prüfungen aufgenommen in den Kreis der Eingeweihten, will sagen ins System Sarastro einverleibt. Mit der tödlichen Bestrafung der Königin und des „Mohren“ Monostatos (nicht ganz korrekt, das heute zu sagen, aber bei Schikaneder wird er nun Mal so genannt) stirbt auch Papageno, noch vor der Vereinigung mit Papagena (die bei ihrem ersten Auftritt von einem verschleierten Mann en travestie gespielt wird). Auch Papageno stand in Diensten der Königin, der Systemfeindin.

Alexander Busch inszeniert mit leichten Händen seiner Idee gemäß konsequent, bezieht Handpuppen (die drei Knaben) mit ein, vermeidet alle pusselig kinderspielhaften Blödeleien zumal bei der letzten Papagena-Papageno-Szene, überrascht mit immer neuen Bewegungseinfällen und komischen Situationen. Alt-Wien lässt grüßen. Es klingt denn auch schon fast wie Thomas Bernhard, wenn Busche seine Personen immer wieder in kniffligen Situationen vor sich hin plappern lässt „Mir geht es ausgezeichnet. Danke, bitte.“ Komischer Ausdruck des Gehorsams, der Gehirnwäsche und der Selbstbeschwichtigung. Es ist keine schöne, eher eine bedrückende und unterdrückte, groteske Mozart-Schikaneder-Welt, die man da szenisch miterlebt, es wird auch nicht in Friede Freude, Sonnenlicht erlöst, sondern in deprimierende Bestätigung eines autokratischen Herrschaftssystems, trotz aller humanistischen Bekenntnisse. „So ist denn alles Heuchelei“. Das ist durchaus im Sinne Schikaneders.

Ein brandenburgischer Mozart der unerwarteten Extraklasse

Bei Sarastros küchenphilosophischem Schwadronieren macht sich allerdings Unbehagen breit: „Ich sage Euch: Keiner hat jemals in der Vergangenheit gelebt. Keiner wird jemals in der Zukunft leben. Die Gegenwart ist die Form allen Lebens. Sie ist ein Besitz, den uns keine Kraft des Universums nehmen kann. Die Zeit ist wie der Sonnenkreis, der sich von Natur aus dreht. Der abfallende Bogen ist die Vergangenheit, der ansteigende Bogen ist die Zukunft. Das ist alles, was es dazu zu sagen gibt. Die Taten der Menschen im Laufe der Jahrhunderte werden sie nach und nach logisch zerstören. Der siebenfache Sonnenkreis, der in meinem Besitz ist, ist das logische Mittel dieser Zerstörung. Er dreht sich unaufhaltsam. Durch ihn, durch seine nicht endende Rotation, werden die Grenzen von Vergangenheit und Zukunft unwiederbringlich ausgelöscht.“

Man mag sich über solche Monologe, ja über dieses inszenatorische Konzept an sich, die radikalen Kürzungen und die Auffrischungen des Librettos mit „heutigem“ Straßen-Jargon streiten, auch über die Kostüme von Gabriele Kortmann die Nase rümpfen: Strassfunkelnde Netzstrümpfe der Drei Damen, das schwarze Glitzerkleid Paminas, den roten Anzug Taminos und den lederszenenhaften Struwwelpeterlook Sarastros wie das gruftig fantasyhafte Kostüm der Königin. Wie auch immer: Die theatralische Wirkung ist famos, das Konzept geht auf, die Aufführung ist kurzweilig „anders“, ist gut getimt, läuft wie geschmiert und begeistert das Publikum.

Unstrittig ist die Leistung der Brandenburger Symphoniker unter der musika­lischen Leitung ihres neuen Chefs, Andreas Spering. Er dirigiert einen kraftvollen, energischen, vorwärts stürmenden Mozart ohne Zopf und ohne Puder. Das ist nichts Liebliches, Niedliches oder Hübsches zu hören, stattdessen Dramatisches, Verstörendes, Radikales. Selten hat man das Werk so rasant und so transparent gehört, in aberwitzigen Tempi gespielt und gesungen von einem insgesamt überzeugenden, ja respektablen Ensemble, aus dem Ingo Witzke als nobler Sarastro, Natalia Baldus als koloraturenfeste Königin, Dana Hoffmann als sopranschön betörende Pamina, Sotiris Charalampous als kraftvoll lyrischer Tamino und Frederic Baldus als erfrischen bodenständiger Papageno herausragen. Der Extra Chor Brandenburg singt präzise. Das Spiel der Brandenburger Symphoniker unter Andreas Spering ist schlicht sensationell zu nennen. Ein brandenburgischer Mozart der unerwarteten Extraklasse. Ein Abstecher zu dieser „Zauberflöte“ an der Havel lohnt sich.

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