Alles ist „super“ an diesem Abend. Zumindest suggeriert das der leuchtende Schriftzug, der über dem kleinen rosafarbenen Guckkasten prangt, der als Theater auf dem Theater die Bühne verengt. Er färbt sich im Laufe des Abends unterschiedlich ein, mal grell, mal fahl, und liegt auch schon mal ganz am Boden, wenn nur noch Krieg, Verwüstung und Pulverdampf regieren. Aber er ist immer da. Für Leonard Bernsteins „Candide“ hat Thilo Ullrich am Stadttheater Bielefeld eine knallbunte Szenerie geschaffen, in der Annette Brauns fantasievolle, von Moden aller Zeiten inspirierte Kostüme die Personen des Dramas vollends zu Comic-Figuren stilisieren.
Die Oper Bielefeld inszeniert „Candide“ von Leonard Bernstein. © Bettina Stöß
Der Fehler muss bei mir liegen – Die Oper Bielefeld inszeniert „Candide“ von Leonard Bernstein
Schließlich wird hier eine „Comic-operetta“ gespielt, ein Werk, das zwischen Oper, Musical und Revue changiert und gerade aufgrund seiner Vaudeville-Elemente mit Entsetzen Scherz treibt. Spritzig-humorvolle Musik umhüllt ein teils grausames Geschehen. Die Vorlage dazu lieferte Voltaires satirischer Roman „Candide oder der Optimismus“, der quasi den Gegenbeweis zur Leibnizschen Theorie antritt, wir lebten „in der besten aller möglichen Welten“, da Gott sie geschaffen hat. So hat alles, was existiert, einen Sinn, auch Krankheit, Krieg, Verrat, Naturkatastrophen.
Schwere Geschütze muss der Autor auffahren, um seinen Helden Candide, ein reiner Tor, von dieser Auffassung abzubringen. Als illegitimer Adelsspross wächst er im westfälischen Schloss Thunder-Ten Tronck mit den Baronskindern Cunegonde und Maximilian auf. Im Unterricht verkündet der Philosoph Pangloss den jungen Leuten die Lehre vom grenzenlosen Optimismus. Alles ist für etwas gut: Die Nase wurde für die Brille gemacht und der Mund zum Küssen. Bei der Versuchsanordnung dieses „physikalischen Experiments“ wird Candide mit Cunegonde erwischt und aus dem Schloss geworfen. Nun beginnt eine Odyssee durch Länder und Machtsysteme: Candide lässt sich von bulgarischen Soldaten anwerben, die das Schloss zerstören und Cunegonde vergewaltigen. Sie scheint tot zu sein. Candide flieht mit Pangloss nach Lissabon, erlebt dort das Erdbeben, das 1755 mit etwa 100.000 Todesopfern auch das klerikal geprägte Weltbild Europas nachhaltig erschütterte. Das ruft die Inquisition auf den Plan – „Nichts ist schöner als ein Autodáfe“ singt der von Hagen Enke prächtig instruierte, auch tänzerisch sehr präsente Opernchor. Zur allgemeinen Unterhaltung wird Pangloss gehängt. Der erschütterte Held klammert sich an seine Illusionen: „Wenn das die bestmögliche Welt ist, muss der Fehler bei mir liegen!“
Andrei Skliarenko gibt seinem Candide tenoralen Schmelz, ohne die Treuherzigkeit seiner Figur ins Lächerliche abgleiten zu lassen. Die geliebte, totgeglaubte und schwer versehrt wiedergefundene Cunegonde verkörpert Veronika Lee einfach brillant. Ihre koloraturengespickte, höchste Höhen erklimmende Arie „Glitter and Be Gay“ bewältigt sie mit souveränem Charme und erhält dafür viel Applaus des ansonsten recht zurückhaltenden Bielefelder Publikums. Weniger verleiht sie ihrer Cunegonde die Züge einer geldgierigen Prostituierten als eines naiven Mädchens, dem zum Überleben nichts anderes übrigbleibt. Alexandra Ionis als „Old Lady“ kann sie da schon gewiefter in die Finessen des Geschäfts einweihen. Ihr Song „My father came from Rovno Gubernya“ kann mit einer Mischung von jiddischem Schtetl-Ton und Tango Argentino zünden. Insgesamt bietet Wolfgang Nägeles Inszenierung eine vorzügliche, sängerisch durchweg hervorragende Ensembleleistung, in der die Aktionen in Gal Feffermans flotter Choreographie nahtlos ineinandergreifen. Nicht weniger als 36 Figuren, verkörpert von 12 Darsteller:innen – der Tenor Lorin Wey übernimmt gar zehn von ihnen –, verstärkt noch durch den bewegungsfreudigen Opernchor, wuseln über die Bühne, formieren sich immer wieder zu eindrucksvollen Tableaus, etwa wenn Großinquisitor, Mönche und schaulustiges Volk zum Autodafé schreiten oder wenn nach der Überfahrt in die Neue Welt in Eldorado goldene Schafe den plötzlichen Reichtum nur so glitzern lassen.
Es gehört zu den kleinen Feinheiten der Regie, den Optimisten Pangloss und den Pessimisten Martin von einer Person (äußerst wandlungsfähig: Evgueniy Alexiev) darstellen oder kaum unterscheiden zu lassen, ob die während ihrer Abenteuer schwer misshandelte Cunegonde von Kopf bis Fuß bandagiert ist oder ein Brautkleid trägt. Das Amüsement trägt die spritzige Musik: Gregor Rot führt die Bielefelder Philharmoniker ebenso entspannt wie präzise-engagiert durch Bernsteins knifflige Partitur, die ein klassisches Orchester vor allem rhythmisch herausfordert. Aufgrund ständiger Genrewechsel muss neben einem jazzigen Grundton die je unterschiedliche Flexibilität verschiedener Tanzformen, eines Tangos ebenso wie eines Wiener Walzers, getroffen werden. Nach kleinen Unsicherheiten entsteht mehr und mehr beschwingte, spielfreudige Leichtigkeit.
Bernstein und seine erste Autorin Lillian Hellmann hatten das Stück 1953 als Satire auf die McCarthy-Verfolgungen konzipiert, die sie der spanischen Inquisition als verwandt empfanden. Bernstein selbst war – wie seinerzeit Voltaire – von seiner Regierung der Pass verweigert worden. Der „bitterböse Witz“, der „Candide“ wiederholt bescheinigt wurde, passte sich im Laufe etlicher Textfassungen dem Publikumsgeschmack und Erfolgserwartungen an. Eine von Bernstein autorisierte, heute verwendete Bühnenfassung setzt vor allem die zuweilen arg gekürzte Musik wieder in ihr Recht. Die Musik hat auch in Bielefeld eine Kraft, die allen Desillusionierungen der Handlung ein „Trotzdem“ entgegensetzt. Doch der Kontrast zu ihren Grausamkeiten – die das Theater zu einer „Triggerwarnung“ für sensible Gemüter veranlasste – verpufft. Sie sind von unserer Gegenwart längst überholt und lassen uns etwa so kalt wie im Übermaß publizierte Fernsehbilder, vor denen wir uns verschließen. Wolfgang Nägele verfolgt ein Konzept der Distanzierung. Den Schauspieler Thomas Wolff lässt er als Voltaire und gealterten Candide in Personalunion durch die Bilderflut der rasant wechselnden Schauplätze – Westfalen, Lissabon, Cadiz, Argentinien, Eldorado, Venedig, Paläste und Bordelle – führen. Wie ein Conferencier erläutert er die einzelnen Stationen und ihre Bedeutung für die Entwicklung des Helden, wie ein Bänkelsänger, der mit dem Zeigestock die schauerlichsten Ereignisse einer Moritat auf einem Bilderbogen präsentiert. In diesem „postdramatischen“ Ansatz wird mehr erklärt als erlebbar gemacht, erscheinen die Protagonisten als bloße Marionetten. Absurderweise können sie ja auch aus Mord, Sklaverei, Schiffbruch immer wieder auferstehen. So muss nach dem temporeichen Aufbau des ersten Teils auch der Spannungsbogen nach der Pause zerbrechen – dies allerdings macht, in der Aneinanderreihung immer neuer Katastrophen, die eklatanten, doch nicht unbewältigbaren Schwächen des Stücks offenbar. Seine Erkenntnisse mittels des „epischen Theaters“ transportieren zu wollen, ist naheliegend und auch legitim. Doch dazu müssten auch die Textprojektionen so angebracht sein, dass die Zuschauer:innen nicht zu ständigem Kopfnicken gezwungen wären – Inhalt und Szene fallen so buchstäblich auseinander. So muss sich das Publikum an die zündende Musik und die brillante Oberfläche halten.
Dennoch bietet die Aufführung jede Menge Diskussionsstoff. Dass das Liebespaar nach seinen Abenteuern lieber „seinen Garten bestellen“ will, ist verständlich und muss nicht zwangsläufig Resignation bedeuten. Doch wie weitreichend kann das das eigentlich sein? Die Debatte ist eröffnet!
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