Je ernster die Zeiten, desto größer das Bedürfnis nach Komödien. Diese Kulturweisheit scheint sich an Nino Rotas 1955 in Palermo uraufgeführter Vertonung von Eugène Labiches Schwank „Der Florentiner Strohhut“ zu bestätigen. Nora Schmid holte die jüngste Semperoper-Premiere aus ihrer vorherigen Intendanz an der Oper Graz. Dort wurde die Produktion der Ende des Zweiten Weltkriegs entstandene Vertonung durch Nino Rota wegen der Pandemie mehrfach verschoben und auf CD eingespielt. Auch in Dresden machte „Il cappello di paglia di Firenze“ ein Riesenvergnügen. Stars sind der Tenor Piotr Buszewski und die Sächsische Staatskapelle.
Piotr Buszewski (Fadinard), Alexander Grassauer (Nonancourt), Rosalia Cid (Elena), Neven Crnić (Beaupertuis), Sächsischer Staatsopernchor Dresden; © Semperoper Dresden. Foto: Mark Schulze Steinen
Hutschachteln mit Exzellenz-Tenor: „Der Florentiner Hut“ in Dresden
Das Publikum der Dresdner Semperoper reagierte mit buntem Frohsinn von Schmunzeln bis Lachen auf die konsequent in Schwarzweiß gehaltene Bühne. Andersfarbige Tupfer wie die roten Haare der unfreiwillig verhetzten Braut Elena und die Früchte am Pomeranzenbäumchen im Topf waren rar. „Der Florentiner Hut“ schildert in vier knappen Aufzügen und nur 115 Minuten die turbulente Jagd des Bräutigams Fadinards nach einem Ersatzhut, um die Ehre der verheirateten Anaide und seine eigene Hochzeitsfeier mit Elena zu retten. Die Bedrängnisse Anaides hat er vor sich, die feierfreudigen Verwandten im Rücken. Sogar Alfred Mayerhofer blieb diesmal bei seinen Kostümkreationen mit etwas Folklore-Ansätzen für die Sippschaft aus der Provinz recht distinguiert. Friedrich Eggert setzte die Zellen der kleinadeligen und bürgerlichen Puppenheime aus dem Paris des 19. Jahrhunderts als riesige und nicht ganz so riesige Hutschachteln. Ein gutes Bild: Diese Orte sind Glücksziel, aber auch Gefängnis. Ständig steht dort die weiße Weste außen mit den schwarzen Gedanken innen auf Kriegsfuß.
Aber was passiert, wenn nicht alles rundläuft auf den Schachbrett-Quadraten! Davon handelt die Inszenierung von Bernd Mottl, der vor kurzem auch an der Oper Leipzig am Beispiel der Großindustriellen-Tochter in Albert Lortzings „Regina“ die Explosivität des Bürgertums thematisiert hatte. Mottl bediente sich mit Freude einer Musik, in der Rota immer ungewiss lässt, ob ihm mehr um Motorik oder Momente geht, wo bei allem Tempo noch Zeit für Schönes bleibt. Für den seit Jahrzehnten stabilen Erfolg von Rotas Partitur auf das mit seiner Mutter Ernesta Rota Rinaldi geschickt eingerichtete Libretto ist das letztlich egal. Die 1955 in Palermo uraufgeführte Oper ist eine intelligente Reinkarnation der im Lauf des 19. Jahrhunderts zunehmend problematisch gewordenen Opera buffa.
Wie in Graz und Dresden bei Bernd Mottl war auch in der Inszenierung von Damiano Michieletto für die Opéra Royal de Wallonie-Liège im Herbst 2025 fast alles schwarzweiß. Doch grundverschieden sind die beiden Produktionen über den Paniklauf des sympathischen Fadinard, für den der schönste Tag im Leben der anstrengendste wird. Michieletto setzte mit liebevollem Lächeln messerscharfe Charaktere und belustigte sich über Starkult, Behäbigkeit, Fresslust und verengten Biedersinn. Bernd Mottl dagegen schafft symmetrische Ordnung sogar bei theatralen Höchstgeschwindigkeiten. Es bleibt immer beim blitzsauberen Bewegungstheater. Mottl ist also ästhetisch konform zu Rotas Musik, die sogar in Seitensprung-Grauzonen glasklar funkelt. Auch an der Semperoper wird der gehörnte Ehemann Beaupertuis (Neven Crnić) zur sympathischen Figur. Formbewusst wie das Bühnenbild bleibt der Witz beim verfressenen Onkel Nonancourt (Alexander Grassauer) sowie der kunsthungrigen und nach Künstlern lüsternen Baronin de Champigny (Maire Therese Carmack). All das kommt bestens an, weil Rotas feine Opera-buffa-Reinkarnation immer die richtige Bewegung suggeriert und gar keine Zeit für böse Abgründigkeit lässt.
Die Besetzung ist schlicht und einfach luxuriös. Rosalia Cid gibt im wunderschönen Duett mit Bräutigam Fadinard den silberstimmigen Backfisch und findet – kurz bevor sie mit Fadinard in beider eigener Hutschachtel versinkt, zu großen lyrischen Tönen. Der Chor tritt in ziemlich großer Besetzung an, klingt beim Aufmarsch der Wache à la Meyerbeer und auch sonst delikat (Einstudierung: Jonathan Becker). Daniele Squeo dirigierte bereits die Grazer Vorstellungen und läuft mit der Sächsischen Staatskapelle zu einer Prachtform auf, als hätte diese nie etwas anderes gespielt als Rota. Offenbar lauert an der sächsischen Elbe unter den Wagner-, Strauss- und Mahler-Wellen ein ganz starkes Bedürfnis nach anspruchsvoller Italianità. Valerie Eickhoff als Ehefrau Anaide auf Abwegen, Danylo Matviienko als deren Seitensprung-Militär Emilio und Florian Stern als Onkel Vézinet fügen sich mit Form ein.
Liegt es am Casting-Geschick oder an der Partie? Der polnische Tenor Piotr Buszewski ist ein idealer Fadinard, singt die Strohhut-Erzählung mit Verve und holt bei der Baronin zu einer wahren Elegie aus. Buszewski leistet die Belcanto und sportive Kondition erfordernden Zentrumsaufgaben mit einem unwiderstehlichen Charme. Vielleicht ist der Erfolg von Rotas bezaubernder Oper auch deshalb so groß, weil man in der globalisierten Welt die bürgerliche Beengtheit als vormodern basht und sich insgeheim nach personeller Engführung sehnt. Solche Fragen stellt Mottl in seiner Inszenierung nicht. Und Rota verträgt problemlos, wenn man seine meisterhafte Panikoper mit primär formalen Mitteln durchzieht. Das Premierenpublikum lachte und alle freuen sich.
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