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v.l.n.r.: Maria Rüssel (Brothel Madam) und Richard Glöckner (Dorian Gray). Foto: Dirk Rückschloß/Pixore Photography

v.l.n.r.: Maria Rüssel (Brothel Madam) und Richard Glöckner (Dorian Gray). Foto: Dirk Rückschloß/Pixore Photography

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Kalter Sittenspiegel, pulsierende Musik: Ľubica Čekovskás „Dorian Gray“ in Annaberg-Buchholz

Vorspann / Teaser
Von der opulenten Operetten-Entdeckung „Die gelbe Lilie“ zum gelben Buch in „Dorian Gray“! Das Erzgebirgische Theater präsentiert die deutsche Erstaufführung der 2013 am Nationaltheater Bratislava herausgekommenen Oper nach Oscar Wildes ikonischem Roman „Das Bildnis des Dorian Gray . Die slowakische Komponistin Ľubica Čekovská hatte sich – wie bei „Here I am, Orlando“ (Brünn 2021) eines queeren Stoffes aus Britannien bemächtigt und diesen mit farbintensiven Mitteln vertont. Das Erzgebirgische Theater Annaberg-Buchholz setzt auch mit neuer Oper ganz hohe Maßstäbe: Ein Ensemble-Triumph, eine starke Orchester-Leistung unter Dieter Klug, ein cooles Sittenprotokoll von Vera Nemirova. 
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Das gelbe Buch – gemeint ist Joris-Karl Huysmans’ Roman „Gegen den Strich“ – steckt in der Oper „Dorian Gray“ als Reliquie und heilige Schrift. Der epochale Text beinhaltet nicht nur die Studie einer Demoralisierung, sondern auch Hypothesen zum französisch-belgisch-russischen Gesamtkunstwerk-Labor vor 1900: Kann man Farben hören? Ist die beste Kunst eine ohne Moral? Lassen sich Mord, Exzesse und Herabwürdigungen als schöne Kunst betrachten?

Für Ľubica Čekovskás Vertonung des erst berüchtigten und heute klassischen Romans von Oscar Wilde waren diese Fragen nicht nur inhaltlich, sondern auch musikdramatisch substanziell: Wie vertont man ein Porträt, auf dem die Person altert, nicht aber dessen erst sympathisches, dann lüsternes und schließlich verkommenes Modell? Sinnfällig bewältigte die slowakische Komponistin diese Herausforderung mit ihrer raumakustischen Idee: Eine Knabenstimme setzt beim Schöpfungsprozess durch den Maler Basil mit dem nackten Dorian makellose Töne. Wenn die Gestalt des immer jung und schön bleibenden Dorian auf dem Bild in Hässlichkeit altert, werden die Knabentöne schrundig, bedrohlich, gespalten und kaputt. Das sind Inseln in Čekovskás sehr gestischer und emotional beeindruckender Instrumentation. Für diese wählte der Dirigent Dieter Klug die in dem kleinen Theater imponierend üppig klingende kleinere Orchestration. Durch zusammengelegte Parts exponierter Instrumente wurde das für einige Musiker zum konditionellen Härtetest. Harfe und Schlagwerk saßen in den Proszeniumslogen. Die Erzgebirgische Philharmonie Aue erwies sich als brillanter Teamplayer für höchst anspruchsvolle Aufgaben und dramatische Pointierung. 

Gefrorene Hitzewellen

Aber Čekovská will keine illustrative Degustation. Immer wieder lässt sie Oscar Wildes originale Sätze – hier in der prägnanten Übersetzung von Samuel C. Zinsli – wiederholen. Das friert die Hitzewellen ein wie zum Mantra erhobene Bibelverse. Da prallen Zeitzeichen des Viktorianismus und Gegenwart aufeinander: Wildes Roman verlor durch die rechtliche Verbesserung queerer Lebensformen als Codebuch illegaler männlicher Homosexualität an Bedeutung. Aber Čekovská lebt in einem Land, dessen radikaler Kurs seit drei Jahren die komplizierte Lage für Randgruppen noch mehr verschlechtert. Die bulgarisch-deutsche Regisseurin Vera Nemirova versteht die Konstellation Dorian Grays, des hedonistischen Zynikers Lord Henry Watton und des pathetischen Malers Basil Hallward als vom Geschlecht unabhängige Spirale des Begehrens. Gastdramaturg Bernhard Doppler interessiert sich für die bei Nemirova sichtbare Performativität des Theaters, des Sexus und des unsichtbaren Bildes, was Andrej Petrovič mit regulierender Choreographie verdichtet. Die Textdichterin Kate Pullinger setzte dagegen den Schwerpunkt auf eine „Wette“ wie die des Herrn und des Mephistopheles aus Goethes „Faust“. Drei emanzipierte und jede für sich plausible Sichtweisen entzaubern also das schwule Sujet. Auch der Theater- und Medienkünstler Youlian Tabakov zeigt kein „Bildnis des Dorian Gray“, sondern nur dessen Rahmen in milchigem Pink. Er kommt mit wenigen Möbeln aus und setzt mehr auf aussagekräftige Kostüme für die Komödiantengruppe und eine Gesellschaft in Orgien-Routine mit High Heels für alle.

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Zsófia Szabó (Sibyl Vane). Foto: Dirk Rückschloß/Pixore Photography

Zsófia Szabó (Sibyl Vane). Foto: Dirk Rückschloß/Pixore Photography

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Čekovská schuf mit durchaus patriarchalen Spurenelementen die Voraussetzung dazu. Mit entsprechender Melodik wertete sie die bei Wilde zwar wesentliche, aber recht kurze Episode der Leidenschaft Dorians zur Shakespeare-Heroine Sybil Vane um und deren Bruder James wie in Goethes ‚Gretchen-Tragödie‘ auf. Für die Wiederkehr Sibyls schrieb Čekovská eine Primadonnen-Apotheose wie aus dem vorletzten Jahrhundert. Das überflügelt sogar Grays Sterbeszene. Leider nimmt Čekovská am Ende also zurück, was sie in den Gesangspartien ausbaute.

Stattdessen setzt sie eine weitgehend ent-queerte Dramaturgie aus Perspektive eines Kulturlandes, in dem latente Andeutungen und die Negation der Deutlichkeit aufgrund des politischen Drucks unterbleiben. Auch deshalb erstaunt, dass Nemirova diese essenzielle Ebene ausgerechnet an einem für seine bunte Programmsetzung geschätzten Theater vernachlässigt. Bei ihrem Debüt in Annaberg-Buchholz zeigt sie taktiles Geschick für die aktuellen Maximen von Selbstoptimierung, KI und instrumentalem Sex. An Oscar Wilde betreibt Nemirova mit kalter Objektivität die Dreideutigkeit der Versalien SM: S-ocial M-edia, S-ado-M-asochismus, S-elbst-M-ord.

Es dürfte schwerfallen, ein derart aktives, sensibles und intensives Ensemble zu finden wie im Eduard von Winterstein-Theater. Als Dorian Gray wächst Richard Glöckner nach dem Selbstmord-Offizier in „Die gelbe Lilie“ und moralisch vergleichbar diffizilen Partien über sich hinaus. Glöckner ist präsent und bleibt rätselhafte Projektionsfläche. Wie Bergs „Lulu“ gleitet die Figur von der Atelierszene zum lustlos motorischen Sex ab. Es fasziniert, wie der Buffo-Lyrik-Musical-Assoluto Glöckner sich die riesige, fast heldentenorale Titelpartie passgenau erobert, mit Klugs sensiblem Dirigat alle Töne genauestens setzt und mit darstellerischer Bescheidenheit brillant das Erkalten, die Ernüchterung, die bleierne Vereisung fassbar macht. Mehr durch eigene Darsteller-Empathie als durch Regie-Impulse schwärmt Angus Simmons als Lord Henry zwischen Frack, Whisky und Netzstrümpfen neben László Varga als emotionalem Mordopfer Basil. Nemirova ist sich ihrer moralischen Sache im heteronormativen Milieu bemerkenswert sicher, setzt Plakatives und Differenzierung. Zsófia Szabó als visionär wiederkommende Idealisierung nimmt die Partie der Sibyl als vormodernes Primadonnen-Futter und singt mit emphatischer Energie, als ginge es um Verdi oder Gounod. Vincent Wilke gibt ihren zornigen jungen Bruder James als Hells Angel mit toxischer Verve – Inzest mehr als wahrscheinlich! Die emotional für ihre Position zu offenherzige Milieu-Diva Brothel Madam gewinnt durch Maria Rüssel Intensität, Bettina Grothkopf in der duldsamen Haushälterin Mrs. Leaf eine weitere prägnante Partie. Dass der sich nach dem Ruin suizidierende Alan Campbell (Lukáš Šimonov) ein ganz schlimmer Lustfinger ist, zeigt Nemirova fast karikierend. Aaron Kissiov und die gesamte Komparserie stürzen sich engagiert in die Bordell-Aktionen. 

Pullingers Vision eines Dorian Gray zwischen Himmel und Hölle wird so zum erotischen Sachreport der digitalisierten Gesellschaft. Allverfügbar, geheimnislos, mechanisch. Etwas fehlt – trotz brillanter Oberfläche. Aber die ist allenfalls ein Spiegel der tieferen Ebenen, so zu lesen im „gelben Buch“ von Huysmans und bei Oscar Wilde.