Eine zeitgenössische Oper von mehrfacher Aktualität: „Innocence“ der 2023 verstorbenen finnischen Komponistin Kaija Saariaho handelt von einem Amoklaufverbrechen an einer Schule, aber auch und vor allem von der gesellschaftlichen und individuellen Traumatisierung aller Beteiligten, die einmal die Mitschuldfrage ebenso stellt wie die Frage: Wie können die Überlebenden – Täter wie Opfer – weiterleben?
„Innocence“ am Theater Bremen: Valentin Fruntke, Nadine Lehner, Fabian Düberg, Julia Grüter, Ensemble. Foto Jörg Landsberg
Mitreißend: Kaija Saariahos Oper „Innocence“ am Theater Bremen
Die 2021 in Aix-en-Provence uraufgeführte fünfaktige Oper hat schon einen kleinen Siegeslauf hinter sich: Nach Aix, Gelsenkirchen, Dresden, Nürnberg, New York und Braunschweig hatte jetzt die siebente Inszenierung am Theater Bremen eine viel beachtete Premiere. Man könnte das Stück auch als einen Psychothriller bezeichnen, aber Saariaho vermeidet jegliche Plattheit oder Eindimensionalität. Auf der Hochzeit des Finnen Tuomas mit der Bulgarin Stela erfährt die Braut, dass ihr gerade Angetrauter der Bruder eines Amokläufers ist, der neun SchülerInnen einer internationalen Schule tötete. Dazu zählte Markéta, die Tochter der Chefkellnerin Tereza, deren Firma die Hochzeit ausrichten soll und die als Kassandra aus dem Totenreich durch die Szenen zieht. Die Lebensdramen aller Beteiligten laufen an: Ehemalige SchülerInnen aus fünf Nationen erinnern sich in ihren Sprachen an den ehemaligen Mitschüler, wie er so war, wie er gemobbt wurde, wie viele – Lehrerin, Pfarrer, Schwiegereltern, SchülerInnen – schon Verhaltensauffälligkeiten feststellen konnten, aber nicht reagierten.
Saariaho und ihre Librettistin Sofi Oksanen bauten die Befindlichkeiten in neun verschiedenen Sprachen – es passierte in einem internationalen Internat – und in Gesangs- und Sprechrollen, für SängerInnen und SchauspielerInnen. Die abstrakte Bühne von Eva Veronika Born bildete sich aus unterschiedlich versetzten schollenartigen Holzplatten und die Kostüme von Sara Schwartz waren Alltags- und für die SchülerInnen Einheitskleidung. Diese regelrechte Einfachheit trug erheblich zur so komplexen Ausdrucksstärke bei, ebenso wie die Musik selbst, die für ein großes Orchester einerseits expressiv und nachexpressionistisch klingt, aber keinesfalls eklektisch ist. Saariaho orientierte sich für ihre fünfte Oper an Strauss’ „Elektra“ und Bergs „Wozzeck“ und führt die ZuhörerInnen in geheimnisvoll schimmernde und farbenreiche Welten, die zu erzählen scheinen, was Worte eben nicht mehr können. Tautologisch wird das nie, dafür sorgt schon allein der Einsatz der finnischen Joiksängerin Venla Ilona Blom. Die Bremer Philharmoniker unter der Leitung von Stefan Klingele fesseln hier durch eine biegsame Flexibilität, die immer mitreißt.
Marco Štorman ist nach dem Weggang von Frank Hilbrich der neue leitende Regisseur im Musiktheater, nachdem er hier schon zahlreiche überzeugende Arbeiten gezeigt hat: Peter Grimes, Jakob Lenz, Candide, Lulu, Titus und Zauberflöte. Štorman baut ebenso spannend wie vorsichtig das Neben- und Ineinander der entstandenen Ebenen: die Erinnerungen der Jugendlichen und die Verzweiflungen der Familienmitglieder. Den roten Faden bilden Venla Ilona Blom als Markéta, Nadine Lehner als intensive, traumatisierte Tereza, Julia Grüter entwickelt sich von der naiven, unwissenden Braut zu einer reifen Frau, die erkennt, dass die „Liebe“ ihres Freundes eher die Funktion zu seinem Weiterleben hat, Sarah-Jane Brandon und Michal Partyka als schwer gestörte Schwiegereltern, die Mitschuld erkennen müssen, ebenso wie Fabian Düberg als Tuomas, Jasin Rammal-Rykala als Priester und Nathalie Mittelbach als Lehrerin, die ihren Beruf aufgeben musste: Am Ende bleibt offen, ob alle ihr neues Leben finden. Ob Liebe alles vergeben kann, ob man ihr vertrauen kann. Zum unsichtbaren Schlusschor geht das Licht im Publikum an: Das geht uns alle an. Markéta jedenfalls bittet ihre Mutter, sie endlich zu verlassen.
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