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Dominika Škrabalová (Hannah Older), Gabriel Rollinson (Hannah Younger); © Semperoper Dresden, Foto: Klaus Gigga

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Foto: Klaus Gigga

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Poetisch, rund, utopisch: Laura Kaminskys Kammeroper „As One“ im Semper Zwei Dresden

Vorspann / Teaser

Laura Kaminskys Kammeroper über die Entdeckung einer Transidentität und deren glückende Selbstakzeptanz ging in über 65 Inszenierungen um die Welt - von Schweden bis Australien, in Deutschland unter anderem in Regensburg und Gießen. Dazwischen jetzt im Semper Zwei, Studiobühne der Semperoper Dresden. Das Textbuch stammt vom erfahrenen Mark Campbell, der auch den Text zu Paul Moravecs derzeit in Regensburg und Stralsund zu sehender Stephen-King-Oper „The Shining“ verfasste, und Kimberly Reed.

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Die Gattung der sozial engagierten Pocket-Oper kommt ordentlich in Bewegung durch die bunte Gesellschaft. Davon zeugen „As One“ wie Laura Kaminskys Demenz-Oper „Lucidity“ am Staatstheater Regensburg oder Jake Heggies „For a Look or a Touch“ über die Verfolgung schwuler Männer im Nationalsozialismus als Jugendstück am Theater Erfurt. „Für mich steht im Zentrum des Abends ein Mensch, der in eine innere Zufriedenheit mit sich selbst kommt. (…) Aber wenn man die komplette Geschichte erlebt, können sich alle in Hannah wiederentdecken, ganz gleich, welche geschlechtliche Identität sie haben“, ist für die Regisseurin Rahel Thiel Quintessenz des am 4. September 2014 an der Brooklyn Academy of Music's Fisher Space uraufgeführten 70-Minuten-Stücks.

Erst 2022 hatte die Weltgesundheitsorganisation Transidentität offiziell aus dem ICD-Katalog der psychischen Krankheiten gestrichen. Desto wichtiger ist die Auseinandersetzung mit der Thematik auch in der sog. Hochkultur. Der Dirigentin Naomi Shamban bedeutet „Hannahs Erzählung in erster Linie der Bogen von der Angst zum Mut hin“. Die „junge“ Hannah ist der Bariton Gabriel Rollinson, die „ältere“ die Mezzosopranistin Dominika Škrabalová. Das Streichquartett hat im Semper Zwei neben dem Spielquadrat mit den weißen Vorhängen (Bühne: Fabian Wendling) zwei Sitzpositionen und wandert im weiten dunklen Raum.

Kaminsky komponierte eine „Oper der Mitte“. Auffälligste Solostimme der Instrumentation ist die Viola als Tonlagen-Schmelzpunkt zwischen dem dunkel-virilen Cello und der sopranig-femininen Violine. Harmonie der Gegensätze oder Kompromiss? Die Streicherstimmen klingen voll, melodisch und rund. Erst bei Hannahs Erleben eines transfeindlichen Übergriffs bäumen sich die Klänge auf. Es scheint, als habe Kaminskys langer stiller Melodienfluss Einfluss auf die Bewegungsintensität und den gefassten, runden Gesangsgestus von Rollinson und Škrabalová. Mitunter beteiligen sich die Musiker mit Rufen am akustischen Geschehen, auch Shamban ist interaktiv gefordert.

Wenn man die Partitur neben ihrem menschlichen Anliegen ernst nimmt, stellt Kaminskys Komposition Fragen zur ästhetischen Zukunft der Gattung (Kammer-)Oper, die bisher – egal ob Kastratenoper oder bürgerliches Musikdrama – bis zu den queeren Sujets der jüngeren Zeit von geschlechtlicher Heteronomie geprägt war. Kommt Musiktheater jetzt zur Synthese von Gegensätzen, verlieren sich Kontraste und Dualismus?

Projizierte Schriftzüge (Video: Clemens Walter) belegen durch die gesuchte Nähe zu den Mitmenschen die Entwicklung, die Selbstverständigung Hannahs und das Wachstum ihrer Persönlichkeit. Die Hormonbehandlung geht schnell vorbei und findet hinter dem Vorhang statt. In einer breiten Kantilene geht es dann um die inneren Veränderungen und den psychischen Switch vom äußeren Mannsein zur ganzheitlichen Fraulichkeit. Weich fließende Kleidung haben die beiden Hannahs (Kostüme: Judith Philipp) – die männliche Ursprungsgestalt deutliches Weiß, die frauliche Zielfigur tiefes Lila. Auch das Streichquartett und die Dirigentin tragen rote Haare. Ein Holztisch und erlesene, wenige Requisiten wurden für die Ausstattung verwendet. Die graue raue Welt draußen ist also weggeblendet. In dieser Sphäre ist die raumgreifende Entwicklung sich selbst genug wie in einer alten Oper, wenn Emotionen gegenüber krassen Widerständen sich ihre eigene Welt generieren.

„As One“ setzt auf traditionelle Mittel und ploppt diese einem gegenwartsrelevanten Sujet auf. Kaminskys Musik erweist sich als tragfähig, weil sie ein Anliegen hat, sich vor der politisch-moralischen Botschaft allerdings nicht kleinmacht. Das Ergebnis gerät im Semper Zwei poetisch und rund. Es enthält also ein Stück Utopie, die durch die steigenden Gewaltausschreitungen gegen queere und trans*Personen derzeit wieder etwas ferner rückt. Das ist die leider nur zu deutliche Außenseite dieses affirmativen Aufklärungsraums.

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