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„Lucidity“ von Laura Kaminsky am Theater Regensburg (c) Sylvain Guillot

Überragende Präsenz: Renate Behle als Lili in „Lucidity“ von Laura Kaminsky am Theater Regensburg. Im Hintergrund: Svitlana Slyvia, Davide Piva und Scarlett Pulwey. Foto: Sylvain Guillot

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Renate Behle erinnert sich: „Lucidity“ von Laura Kaminsky am Theater Regensburg

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Laura Kaminskys „As One“ war das wohl überzeugendste zeitgenössische Stück in der bisherigen Regensburger Intendanz Sebastian Ritschels gewesen. Nun sollte – unter seiner Regie – ihre jüngste Kammeroper „Lucidity“ daran anknüpfen. Das gelang leider nicht.

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Wo „As One“ einfühlsam den schmerzhaften, aber befreienden Weg einer Transition nachzeichnet (siehe nmz Online vom 10.12.2023), greift „Lucidity“ (Ende 2024 in den USA uraufgeführt) das Thema Demenz und Erinnern durch Musik auf eher plumpe Weise auf: Lili, früher als Sängerin erfolgreich und auch als Komponistin aktiv, leidet an zunehmendem Gedächtnisverlust. Gepflegt wird sie von ihrem Adoptivsohn Dante, der deshalb seine Pianistenkarriere geopfert hat, was Lili ihm in schlechten Phasen ihres Zustands auch noch vorwirft. Dr. Claire Klugman hat ihre nicht vom Fleck kommende Gesangslaufbahn zugunsten der Medizin aufgegeben. Sie führt nun musiktherapeutische Studien mit Demenzpatienten durch, bekommt aber ihr Buch zum Thema nicht zu Ende. Dass sie die Klarinettistin Sunny (die mit familiären Problemen kämpft und zugunsten der Karriere eine Abtreibung hinter sich hat) ausgerechnet zu Lili schickt, ist kein Zufall, wie sich im Laufe des knapp 90-minütigen Stücks herausstellt. Claire war einst Gesangsschülerin Lilis, und die dramaturgisch herausgezögerte Wiederbegegnung führt schließlich bei beiden zu heilsamem Erinnern.

Zuvor wurde solches bei Lili vor allem durch ein Stück geweckt: Schuberts Lied „Der Hirt auf dem Felsen“. Entsprechend vorhersehbar scheint dessen Klavier- und Klarinettenpart durch Kaminskis Partitur, die ansonsten noch mit Violine, Violoncello und Schlagwerk besetzt ist. Für Lilis zwischen Verwirrung und Klarheit wechselnde Zustände findet die Komponistin mit ihrer tonalen, gelegentlich dissonant aufgerauten Klangsprache einen halbwegs treffenden Ton. Mit den Textmengen des eindimensionalen Librettos von David Cote (gesungen wird englisch) weiß sie indes nicht viel anzufangen. Die gehobene Alltagssprache, in der zum Beispiel Dante und Sunny sich gegenseitig ihr Leid klagen, schaukelt sich schnell zu einer vordergründigen, eher befremdlichen als berührenden Dramatik hoch. 

Das liegt ein Stück weit auch an Scarlett Pulwey (Sunny) und Davide Piva (Dante), die – ebenso wie Svitlana Slyvia als Claire – zwar kompetent und engagiert singen, ihre Dynamik aber zu selten an den kleinen Theaterraum am Haiplatz und die intime Begleitung anpassen. Die einzige musikalisch wirklich überzeugende Szene gehört der großen Renate Behle, deren darstellerische und vokale Präsenz als Lili auch ansonsten den Abend trägt. Sie stimmt ihren unvollendet gebliebenen Liedzylus „Chosen Son“ an, den sie Dante kurz nach dessen Adoption widmen wollte – ein zögerndes Wiegenlied, das keines ist. Wie sich das dann aber schließlich zu einem finalen Erkenntnis-Quartett weiterentwickelt („Wissenschaft und Singen sind eins!“), ist leider kunsthandwerklicher Kitsch.

Sebastian Ritschel hat das ganze in Kristopher Kempfs Bühne aus Gitterstangen mit eingerahmten Erinnerungen solide inszeniert, die Mitglieder des Philharmonischen Orchesters – allen voran Klarinettist Michael Wolf – spielten und begleiteten unter der Leitung von Tom Woods facettenreich und einfühlsam. Am Ende gab es große Zustimmung für diese europäische Erstaufführung und verdienten Jubel für Renate Behle. Dass sie ihre in großer Würde gealterte Stimme in den Dienst eines neuen Werks stellt, gereicht ihr wahrlich zur Ehre. Der kurz eingespielte Ausschnitt einer historischen Aufnahme des „Hirten“, bei der sie kein Geringerer als Christian Thielemann begleitet, war die schönste Erinnerung des Abends.