Manche Premieren könnten kaum besser in die Welt passen. Da fliegt die NASA also dieser Tage wieder zum Mond – und es stellt sich tiefer Respekt ein, wie das die Wissenschaftler und Techniker vor mehr als einem halben Jahrhundert nahezu analog und mit dem Rechenschieber bewerkstelligt haben. Da durch die Leitmedien nicht nach außen gedrungen ist, ob man bei der Umrundung des Trabanten derweil eine andere Welt gesichtet hat (Achtung! Ironie!), musste man sich am 4. April mit der auf der Bühne des Landestheaters Neustrelitz gezeigten „Realität“ behelfen. Mit der Musik von Paul Linke und einem vermutlich ziemlich CO2-neutralen Ballon wurde Frau Luna ein Besuch abgestattet.
Reihe 9 im Landestheater Neustrelitz. Foto: mku
Reihe 9 (#112) – Mond-Geschichten
Ob der am Ende der Dramaturgen-Einführung plötzlich angesprochene angloamerikanische Diskurs über die „Echtheit“ der ersten Mondlandung vom Publikum tatsächlich als „Witz“ verstanden wurde, ist fraglich. An anderen Orten hätte man vielleicht selbstgefällig gelacht, doch hier hatte ich eher den Eindruck, dass die Bemerkung in der ohnehin bereits hitzigen Debatte um Fake-News vielfach für Ratlosigkeit sorgte. Denn bei seiner mehrfach überarbeiteten Erfolgsoperette ging es Paul Linke (1866–1946) weder um das eine noch um das andere. Vielmehr stand bei der Uraufführung 1899 wie auch in den Fassungen der 1920er Jahre die spielerische Utopie im Zentrum: eine technisierte Welt ohne Sorgen, die zudem von einer Frau regiert wird. Die Berliner Sorgen von einst sind auch heute noch aktuell: mangelnder Wohnraum und der Versuch, ein Start-up zum Laufen zu bringen.
Gespielt wurde tatsächlich mit und durch den Charme der Partitur. Wann wurde vor der Zeit der Entstehung schon einmal ein Mechaniker gemeinsam mit seinen beiden Freunden (einem Schneider und einem Postboten) auf die Opernbühne gebracht? Oder eine echte Berliner Zimmerwirtin (möbliert, versteht sich) wie Frau Pusebach? Die alte Geschichte, die in den Dialogen mit Spaß und Spritzigkeit und ohne große Plattitüden vorangetrieben wird, zieht tatsächlich noch immer – und sie lädt auch zu Aktualisierungen und neuen Akzentuierungen ein. Und dennoch: Neustrelitz liegt nicht an der Spree. Kartenzahlung ist selbst am zentralen Marktplatz ein Fremdwort, im Theater wird eine Garderobengebühr erhoben, und in exponierten Lagen leistet man sich den Luxus „ungeklärter Eigentumsverhältnisse“ in der Bausubstanz. Man darf ohnehin doppelt schmunzeln, wenn eine österreichische Regisseurin (Angela Schweiger) in der mecklenburgischen Provinz einen Blick auf Berlin wagt.
Der Schluss wird im Sinne einer nach Selbstverwirklichung strebenden Gegenwart großzügig umgedeutet. So finden die alten Paare nicht wieder zusammen, sondern tauschen durch: Frau Luna angelt sich den Fritz, dessen Marie verfällt wiederum Prinz Sternschnuppe. Die Musik pausiert dazu. Anything goes. Also Ende gut, alles gut? Nicht ganz. Denn im letzten Moment taucht in der (Rand-)Szene an einem Kneipentresen eine Handvoll junger Nazis aus den 1930ern mit Armbinden auf. In der Inszenierung ist dies als geschichtliche Anspielung oder auch nur als spiegelnde Brechung zu wenig. Es ist eher ein Zeigefinger, den man noch setzen wollte. Politisch wie pädagogisch blieb er allerdings unbedeutend und damit ungefährlich, öffnete keine weitere Ebene und bleibt bei einer bloßen Andeutung. Denn welche Rolle wird Frau Luna dabei spielen? Und was bedeutet dies für den Mond? Und was wäre für die Gegenwart daraus abzuleiten? Es blieb also bei einem lustvollen Operetten-Abend mit vielfach herausragenden Sänger:innen und einer sehr gut einstudierten Neubrandenburgischen Philharmonie (Kenichiro Kojima), dem es aber an wirklichen Spitzen fehlte. Kein Wunder also, dass kaum zehn Minuten nach der umjubelten Premiere die Stadt wieder in ihren frühen dunklen Schlaf versank.
Und Berlin? Auch ohne dem Steppke seinen Ballon kommt man mit dem letzten Zug „fahrplanmäßig“ zurück.
Reihe 9
Immer am 9. des Monats setzt sich Michael Kube für uns in die Reihe 9 – mit ernsten, nachdenklichen, manchmal aber auch vergnüglichen Kommentaren zu aktuellen Entwicklungen und dem alltäglichen Musikbetrieb. Die Folgen #1 bis #72 erschienen von 2017 bis 2022 in der Schweizer Musikzeitung (online). Für die nmz schreibt Michael Kube regelmäßig seit 2009.
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