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Reihe 9 in der Deutschen Oper (Berlin). Foto: mku

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Reihe 9 (#111) – Im Brennglas

Vorspann / Teaser

Wir leben in einer Zeit mit zu wenigen Uraufführungen. Denn was Woche um Woche auf dem Podium oder der Bühne geboten wird, ist meist doch nur das ewig gleiche Repertoire mit ein paar Feigenblättern. Hinzu kommt, dass in letzter Zeit auf seltsam spukhafte Weise an unterschiedlichen Orten immer die gleichen „Entdeckungen“ gemacht werden. Schnell gewinnt man den Eindruck, hier würden die Arbeitsergebnisse der PR-Abteilungen einschlägiger Verlage präsentiert. Schaut man aber einmal einhundert Jahre oder auch mehr zurück und blättert durch Programme jener Zeit, wird rasch klar, dass damals ein weitaus größeres Repertoire erprobt und gespielt wurde. Und das in ökonomisch nicht minder wackeligen Zeiten.

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Ein wenig scheint man dieser Einförmigkeit mit der um sich greifenden Institution des „Composer in Residence“ entgegenwirken zu wollen. Doch die Sache hat gleich mehrere Haken: Zunächst einmal „funktionieren“ für ein Orchester (anders als bei einem Festival) nur solche Komponisten, die für die Besetzung passende Werke in ihrem Portfolio haben – Traditionen werden also irgendwie fortgeschrieben. Dann stellt sich die Frage, ob bei Klangkörper 1 Komponist A nicht für die nächsten Jahrzehnte abgespielt ist, denn Komponist B, C und D rücken ja Saison für Saison nach. Und schließlich findet man Komponist A ja bald auch bei Klangkörper 2, 3 oder 4 wieder. Ein Zirkus im Zirkel, der unnötigerweise wichtige Programmplätze neben Beethoven, Brahms, Tschaikowsky und Schostakowitsch besetzt und blockiert. Dadurch fallen wiederum andere Partituren durch das Raster (und ich erspare mir an dieser Stelle eine lange Liste von Kompositionen, die ich wohl nie im Leben live hören werde).

Manchmal scheinen sich die Dinge aber auch gut zu fügen – wie im vergangenen Februar. An vier aufeinanderfolgenden Abenden innerhalb einer Woche waren in Berlin (wo sonst?) echte Schwergewichte aus den 1910er Jahren zu hören und zu sehen (ich vermute mal, dass sich der Spielplan der Deutschen Oper aus anderen Gründen so ergab, denn das Marketing sprach diesen Zusammenhang nicht an). Den Auftakt machten in der sowohl vor als auch hinter der Bühnenkante voll besetzten Philharmonie Schönbergs Gurrelieder (1913) unter der Leitung von Sir Donald Runnicles. Ein atemberaubender Klangrausch, ein Werk, das für eine ganze Epoche steht. Es folgte ein Intermezzo im Boulez-Saal mit dem Quatuor Diotima und Zemlinskys Streichquartett Nr. 2 op. 15 (1915). Ein hochkomplexer Satz in 45 Minuten – ebenfalls mit wahnsinnigen Anforderungen und viel zu selten gespielt. Schließlich zwei Opern: Schrekers Schatzgräber (1918), damals ein riesiger Erfolg, und Korngolds Violanta (1916), die mit ihrem psychologisierenden Libretto bereits auf Die tote Stadt hindeutet.

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Großformat. Schönbergs Gurrelieder. Foto: mku

Großformat. Schönbergs Gurrelieder. Foto: mku

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Auch wenn dies nur eine kleine Auswahl großer Werke ist, war damit doch im Ansatz zu erahnen, warum zu jener Zeit intensiv über neue Musik diskutiert wurde. Wer jetzt auf die heutige Medienvielfalt verweist, macht es sich allerdings zu einfach – denn wird dort überhaupt noch ernsthaft über Kultur diskutiert? Die bleibt immer eine Frage der eigenen Entscheidung. Angesichts der programmatisch möglichen Fülle steht am Ende ein Stoßseufzer: Was müssen das damals für Zeiten gewesen sein! 

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„Kleinformat“. Zemlinskys Streichquartett. Foto: mku

„Kleinformat“. Zemlinskys Streichquartett. Foto: mku

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Über Reihe 9

Immer am 9. des Monats setzt sich Michael Kube für uns in die Reihe 9 – mit ernsten, nachdenklichen, manchmal aber auch vergnüglichen Kommentaren zu aktuellen Entwicklungen und dem alltäglichen Musikbetrieb. Die Folgen #1 bis #72 erschienen von 2017 bis 2022 in der Schweizer Musikzeitung (online). Für die nmz schreibt Michael Kube regelmäßig seit 2009.

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