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Reihe 9 im Max-Littmann-Saal, Bad Kissingen. Foto: mku

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Reihe 9 (#115) – Mazel Tov

Vorspann / Teaser

Sommerliche Festivals haben es aktuell nicht einfach, wenn die Temperaturen ins Unerträgliche und damit auch Gesundheitsgefährdende steigen. Eine inter­essante Frage wäre, wie bei solch äußeren Umständen und meist kurzfristigen Absagen die Musiker:innen und Ensembles geschützt sind – vertraglich, meine ich. Denn das Publikum bekommt ohne Ersatztermin das gezahlte Geld zurück. Mittelfristig wird aber auch die Überlegung auf alle zukommen, ob man bei drohender Überhitzung (so wie zuletzt), sich auftürmenden Gewitterzellen und unvorhersehbaren Sturzbächen von oben überhaupt noch ein „Open Air“ oder ähnliches planen kann – und wenn ja, mit welchem Risiko.

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Von solchen Szenarien wird das Jubiläumskonzert 40 Jahre Kissinger Sommer am kommenden Sonntag hoffentlich verschont bleiben, wenn Carls Orffs Carmina Burana von über 500 Choristen vor knapp 3.000 Gästen auf dem Turnierplatz unter Simon Rattle zelebriert wird. Programmatisch wird damit ein Spagat gewagt, der beim Durchsehen des international besetzten und hochkarätigen Programms kaum auffällt: Auf der einen Seite steht ein noch immer äußerst beliebtes und spektakuläres Werk eines Komponisten, der sich nach 1933 irgendwie arrangiert hat und später als „Mitläufer“ eingestuft wurde. Auf der anderen Seite steht ein Festivalmotto, das in politisch und gesellschaftlich anhaltend unsicheren Zeiten ein Zeichen setzt. Denn Mazel Tov entstammt dem Hebräischen und Jiddischen und bedeutet „Gut Glück!” – ein Glückwunsch und zugleich eine Verpflichtung, genauer in die Vergangenheit zu schauen.

Und so läuft das von Alexander Steinbeis mit viel Sachkenntnis zusammengestellte Jubiläumsprogramm zweigleisig. Die großen Orchester und die großen Namen mit den großen Werken des Repertoires finden im großen Saal statt (umjubelt das BBC Symphony unter Sakari Oramo), die thematisch tiefer gehenden Veranstaltungen mit einem kleinen Symposion, mit Werken von Simon Laks und Hans Winterberg oder einer Klezmer-Session hingegen im Weißen Saal, im Kurgarten-Café oder im Hotelgarten. Ein wenig fällt die Sinfonie Nr. 2 von Kurt Weill aus diesem Rahmen. Das Konzerthausorchester Berlin und Joana Mallwitz haben das selten zu hörende Werk jedoch bereits vor einiger Zeit in ihrem „Wohnzimmer” zur Aufführung gebracht (und auch eingespielt). Im Gegensatz zu Mendelssohns oft gespieltem Violinkonzert hätte ein sinfonisches Werk des in München geborenen Paul Ben-Haim (1897–1984) den großen Zyklus im Max-Littmann-Saal wirklich bereichert. Aber auch so sind und bleiben es klingende Stolpersteine, wobei die Zahl der Interessierten bei der Cello-Matinée eher übersichtlich war. Umso mehr ist es ein markantes Zeichen, das Erinnern nicht zu vergessen und die Spuren nicht zu verwischen. In einer Zeit des gedankenlosen Konsums, einer um sich greifenden Oberflächlichkeit und mangelnder Orientierung bei komplexen Sachverhalten, darf sich das Kultur- und Musikleben nicht allein von Wünschen und Geschmäckern leiten lassen. Und so wurde in Bad Kissingen wieder einmal aus der „Kur-Meile“ eine „Kultur-Meile“ – vom allmorgendlichen Kurkonzert der kleinstbesetzen „Staatsbad Philharmonie“ (!) bis hin zur After-Concert-Lounge im Schmuckhof.

Über Reihe 9

Immer am 9. des Monats setzt sich Michael Kube für uns in die Reihe 9 – mit ernsten, nachdenklichen, manchmal aber auch vergnüglichen Kommentaren zu aktuellen Entwicklungen und dem alltäglichen Musikbetrieb. Die Folgen #1 bis #72 erschienen von 2017 bis 2022 in der Schweizer Musikzeitung (online). Für die nmz schreibt Michael Kube regelmäßig seit 2009.

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