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Reihe 9 in der Musik- und Kongresshalle Lübeck. Foto: mku

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Reihe 9 (#117) – Akustik

Vorspann / Teaser

Schon vor Jahrhunderten wussten Komponisten um das Phänomen der Akustik. So wurden im Freien etwa Blasinstrumente für unterhaltsame Partituren und abendliche Serenaden verwendet, während in der sprichwörtlichen Kammermusik das in der Faktur verästelte Streichquartett den Ton angab. Auch heute noch spielen in Konzerthäusern unterschiedliche Besetzungen in unterschiedlichen Räumen. Und so wie der Wald oder ein Innenhof den Klang zufällig verstärkt oder bricht, geschieht dies in den kleinen und großen Sälen meist planvoll. Dabei wird das Resultat außenwirksam schnell einmal mit Superlativen beschrieben – doch was macht die Akustik eigentlich mit der Musik, die vom Podium kommt?

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In Zeitschriften und auch im Radio gab und gibt die immer amüsante Rubrik des „Blindhörens”, bei der eine Persönlichkeit des Musiklebens (meist aus dem Lager der Interpreten, manchmal aber auch aus dem der Dirigenten) ungesehen Platten aufgelegt bekommt und nun Werk und Kollege erraten soll. Eine vorzügliche Schule für die Ohren und das Nachdenken über Musik, eröffnet doch ein Notentext vielfältige Deutungsmöglichkeiten. Wie wäre es aber, einmal Räume „blind” zu behören (ich meine nicht durch komplex mikrophonierte 3D-Audio-Scans, sondern in echt mit der spezifischen körperlichen Wahrnehmung)? Würde sich etwa der legendäre Goldene Saal im Wiener Musikverein schon am charakteristischen Knarzen seiner Sitzreihen zu erkennen geben? Die Stuttgarter Staatsoper an der viel zu engen Bestuhlung? Oder die Grieghalle in Bergen allein an der mit dem inneren Auge fühlbaren Weite? Es kommt natürlich auch immer auf den Platz an (und da hat wohl jeder seine Vorlieben). Im alten Münchner Gasteig zählte angeblich jeder halbe Meter. Um meinen alten Lieblingsplatz im Großen Konzertsaal des Kieler Schlosses ist mir übrigens ein wenig Angst und Bange, denn während der Renovierung in den vergangenen Jahren wurden zwar allerlei unschöne Zubauten im Foyer entsorgt, aber im Inneren auch einiges akustisch verändert. Man wird sehen und hören.

Selten nur kann man ein und dasselbe Programm mit derselben Besetzung an zwei aufeinanderfolgenden Abenden in zwei recht unterschiedlichen Sälen hören – es sei denn, man reist einem Orchester auf Tournee hinterher. Beim Schleswig Holstein Musik Festival (SHMF) waren die Wege kürzlich kürzer und die Räume so gegensätzlich, wie man es sich für eine Kolumne wünscht: Am Sonntag fand das Konzert in der Musik- und Kongresshalle (MuK) in Lübeck statt, am Montag in der Elbphilharmonie in Hamburg. Man könnte auch sagen: funktionaler Schuhkarton trifft auf gehypten Weinberg. Und das Programm lud wirklich zum genauen Hinhören ein: Das Philharmonische Orchester Stockholm spielte unter seinem Chefdirigenten Ryan Bancroft Mendelssohns Ouvertüre zum Sommernachtstraum, Glières vollkommen aus der Zeit gefallenes Harfenkonzert mit Xavier de Maistre sowie Allan Petterssons 7. Sinfonie – jene Sinfonie, mit der der unbequeme Schwede 1968 seinen unstreitigen Durchbruch erlebte und mit der in der späteren (filmischen) Rezeption sich Biographie und Musik emotional aufgeladen hat. Maßstab ist bis heute die Einspielung unter Antal Doráti.

Tatsächlich konnte man in den beiden Hansestädten zwei gänzlich verschiedene Konzerte erleben – so sehr wirkte die Akustik auf die Partituren und deren Wahr­nehmung ein. Da wäre zunächst die MuK, von der mir eine Freundin bereits ver­raten hatte, dass man selbst als Musiker:innen auf der Bühne die eigenen Kolle­gen kaum hören kann. Was aber soll dann erst im Auditorium ankommen? Zudem musste die Solo-Harfe (auffälliger als dies tags drauf in Hamburg geschah) ver­stärkt werden, der Pettersson ging hingegen in einer nur schwer zu differenzierenden Klangwolke mit scharfen Spitzen und Forcierungen unter, selbst da, wo die in weiten Bögen singenden Streicher in hellem Licht erscheinen. In der Elbphilharmonie war hingegen im Parkett fast alles in der gebotenen Klarheit zu hören – ein Risiko für das Orchester, so dass ich mir wünschte, Ryan Bancroft hätte hie und da die Zügel enger gefasst, die Tempi mehr in sich ruhen lassen und den für das Werk so typischen, mehrfach repetierten h-Moll-Akkord der Posaunen klarer und aussagekräftiger gefordert. Dass gerade bei einer klar zeichnenden, geradezu unmittelbaren Akustik auch das Auditorium emotional erreicht werden kann, zeigte in Hamburg die lange ungebrochene Stille nach dem letzten Ton und die Begeisterung vieler, die von Pettersson nie zuvor etwas gehört hatten. Es kommt wirklich auf den Raum an.

Über Reihe 9

Immer am 9. des Monats setzt sich Michael Kube für uns in die Reihe 9 – mit ernsten, nachdenklichen, manchmal aber auch vergnüglichen Kommentaren zu aktuellen Entwicklungen und dem alltäglichen Musikbetrieb. Die Folgen #1 bis #72 erschienen von 2017 bis 2022 in der Schweizer Musikzeitung (online). Für die nmz schreibt Michael Kube regelmäßig seit 2009.

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