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George Kounoupias (Marinoni), Peter Tilch (Prinz). Foto: Peter Litvai

George Kounoupias (Marinoni), Peter Tilch (Prinz). Foto: Peter Litvai

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Sternstunden in Niederbayern: Offenbachs „Fantasio“ zum Leitungsstart in Passau

Vorspann / Teaser

Die Pariser Uraufführung am 18. Januar 1872 fand genau ein Jahr nach der französischen Kapitulation im Deutsch-Französischen Krieg statt und bildet den bitteren historischen Hintergrund für Jacques Offenbachs Opéra-comique „Fantasio“. Diese gerät am Landestheater Niederbayern zum stupenden Triumph und markiert den im besten Sinne beglückenden Epochenwechsel in die neue Leitung von Astrid Großgasteiger, Generalmusikdirektorin Elisa Gogou und Svenja Gottsmann als Künstlerische Leitung Musiktheater. Gogou hatte Herz und Geist für Offenbach, Christian von Götz zeigte in seiner Inszenierung subtilen Fun und das Ensemble agiert prachtvoll.

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Nach fast einem Vierteljahrhundert Intendanz-Kontinuität durch Stefan Tilch setzt das neue Leitungsteam mit diesem in seinen ästhetischen Anforderungen äußerst anspruchsvollen Werk ein starkes Signal. Im historischen Passauer Stadttheater – dem früheren Fürstbischöflichen Opernhaus – herrschte bei Kaiserwetter schon zu Beginn eine geradezu euphorisierende Hochstimmung: „Faites la paix!“ – „Macht endlich Frieden!“, schreit es von einer die Bühne beherrschenden, abendfüllend präsenten Stoffbahn in offensivem Pink. Die beiden Monarchen – der König vom nördlichen Alpenrand und der eitle Prinz von Mantua – willigen widerwillig ein. Ohne Vorwissen bleibt das seltsam zeitbezogen-überzeitliche Werk unverstanden. Das vage Fragezeichen über einer gemeinsamen Zukunft von Prinzessin Elsbeth und Fantasio begradigte Christian von Götz zum unmissverständlichen Sieg der Herzen über Standesgrenzen. Seine Lesart ist schrill, bunt und zeigt exaltierten Phantasiereichtum. Immer hat sie dabei die so wichtigen Inseln für Zwischentöne, das Unsagbare und musikdramatische Magie.

Ohne eine solche Feintarierung wäre Offenbachs ernstestes Werk zwischen „Rheinnixen“ und „Hoffmanns Erzählungen“ nur die Hälfte wert. Gespielt wurde die Fassung mit einem Mezzosopran für Fantasio, die Offenbach für Célestine Galli-Marié, die erste „Carmen“ kreierte. Von Götz’ Regiekonzept half dem bereits zur Pause hingerissen applaudierenden Publikum auf die richtige, weil bewusst artifizielle Spur. Die mit dem Ensemble erarbeitete Dialogeinrichtung switcht rasant durch fast alle westeuropäischen Sprachen – inklusive niederbayerischen und Münchner Dialekt. In einem klug dazu gedichteten „Vorspiel auf dem Theater“ tritt Offenbach selbst auf und stellt dem Ensemble sein neuestes Opus vor. Das Grelle und Knallbunte von Götz’ eigenem Bühnenbild kokettiert mit dem Regionalpatriotismus in Form eines Prospekts mit der Altstadt Passaus, dem er den fast verwirrenden Feinwitz des Librettos unterordnet. Alle reihen sich zu einer mitreißenden Parade zwischen sichtbarer Bühnenerscheinung und Hirngespinsten. Die Interaktionen des lustvoll, diszipliniert und sanglich geschliffen agierenden Chors (präzise Einstudierung: Guiran Jeong) und aller Solisten erhielten durch Nwarin Gads Choreographie eine schön modellierte und nie einzwängende Form. Die Kostüme von Gabriele Rupprecht besitzen stimmige Form und Buntheit bis zum tiefblauen Hermelinmantel für den bayerischen Märchenkönig L. II. (perfekte Bühnenkopie: William Stevens).

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Ensemble. Foto: Peter Litvai.

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Das im Prolog fast marktschreierisch angekündigte „Märchen mit politischer Botschaft und romantischer Liebesgeschichte“ erfüllt sich mit großem, ehrlichem Herzen. Das gesamte Ensemble präsentiert sich im Zenit seines aktuellen Könnens. Sabine Noack nimmt in der Titelpartie des Fantasio alle gängigen Hosenrollen-Konventionen klug zurück und gewinnt gerade durch diese androgyn-neutralisierte Haltung das perfekte Rollenprofil. Nach einer noch leicht distanzierten Mondromanze blühen die Auftritte als Narr und die Gefängnisszenen kongenial auf; das surreale Happy End gerät absolut glaubhaft. Emily Fultz entfaltet Offenbachs Steigerungen für Prinzessin Elsbeth vom Liedhaften ins Lyrisch-Virtuose mit stupender Leichtigkeit. Gemeinsam mit Noack formt sie ein Gesamtkunstwerk aus Gesang, dialogischen Zwischentönen und zart bis heftigen Berührungen. Ein alternatives Traumduo von symbiotischer Hierarchie bilden Ensemble-Urgestein Peter Tilch als nach „wahrer Liebe“ suchender Prinz von Mantua und George Kounoupias als dessen Adjutanten Marinoni. Die knisternde Präsenz beider Figuren dominiert den Raum, verweigert sich jedoch dem billigen Effekt. Jeder Blick Kounoupias’, dieses Meisters der spiegelnden Menschenbeobachtung, ist humoristisches Dynamit in seiner unschuldigsten Form. Die Studenten gehen mit trockener und arioser Prägnanz durch das Stück: Kyung Chun Kim überzeugt als Sparck mit einem brillanten Narren-Couplet, flankiert von Shunya Goto als Hartmann und Norbert Hohl als Facio. Damit der artistisch geforderte zweite Mezzosopran-Stern Reinhild Buchmayer in der musikalisch unterversorgten Partie der Flamel nicht leer ausging, spendierte die Intendanz ihr ein angemessen frivoles Couplet aus Offenbachs „Die Diva“.

Das Rumoren aus dem Bauch der Gesellschaft

Dass der Abend zum Ereignis gerät, verdankt sich ebenso der Niederbayerischen Philharmonie. Schon zur Pause war der Erfolg dieser Premiere durch das explosive Quintett zum Aufmarsch des falschen Prinzessinnen-Bräutigams Marinoni bestätigt.

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Emily Fultz (Elsbeth), Reinhild Buchmayer (Flamel). Foto: Peter Litvai.

Emily Fultz (Elsbeth), Reinhild Buchmayer (Flamel). Foto: Peter Litvai.

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„Fantasio“ verlangt am Pult nach einem spezifischen Gen für die Gattung der Opéra-comique sowie einem Sensorium für die feinsten Nuancen zwischen Melos und gesprochenem Dialog. Elisa Gogou gelingt bei ihrem Einstand im Musiktheater weit mehr: Mit einem Hauch sensitiver Tempowechsel akzentuiert sie die Gesangsphrasen, während die Niederbayerische Philharmonie unter ihrer Leitung mit filigranen Instrumentalvaleurs ein ideales Farbspiel entfaltet und sich in den drei langen Finali zu ganz großer Oper steigert. Bei den literarischen Flirts des Liebespaares weiß das Orchester stets mehr als die Protagonisten selbst. Gogou nutzt die akustischen Tiefendimensionen intensiv, wo Offenbach mit den Kontrabässen das Rumoren aus dem Bauch der Gesellschaft modelliert. Man vernimmt es hier in dieser interpretatorischen Klarheit wohl zum ersten Mal: Gogou legt offen, wie präzise Offenbach für Elsbeths dritte Arie in die Partitur von Webers „Freischütz“ geblickt hat. Auch das ist ein ganz hoher Maßstab für die nächsten Premieren!

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