Arnold Schönberg stellte in seiner „Harmonielehre“ (1911) klar, dass „der wirkliche Tondichter“ das „Neue und Ungewohnte eines neuen Zusammenhangs“ nur deswegen schreibt, weil er Neues und Unerhörtes ausdrücken muss. Nachkommende erkennen darin dann vielleicht nur neue Klänge oder technische Mittel. Doch für Schönberg war es weit mehr: „ein neuer Klang ist ein unwillkürlich gefundenes Symbol, das den neuen Menschen ankündigt, der sich da ausspricht“. Indem der „konservative Revolutionär“ (Willi Reich) die Musik von jahrhundertealten Harmonie- und Stimmführungsregeln befreite, sah er sie auf den Flügeln des Hegelschen Weltgeists in die Zukunft getragen. Mit ähnlichem Fortschrittspathos verkünden heute Genetik, Prothetik, Robotik, Informatik und KI-Entwicklungen posthumanistische Visionen.
Die letzte Seite der nmz 2026/04.
Über Menschen
Doch auch in der Musik wird weiter Neues versucht und versprochen. Die Wittener Tage für neue Musik prophezeien im sechzigsten Jahr ihres Bestehens unter erstmaliger Leitung von WDR-Redakteur Anselm Cybinski „das nie zuvor Gehörte, das oft nicht einmal Geahnte“. Das Festivalmotto zielt allerdings nicht auf Utopie oder Science Fiction, sondern beschränkt sich geradezu restriktiv auf „Gegenwart. Unentrinnbar“. Vom 24. bis 26. April gibt es sieben deutsche Erst- und vierzehn Uraufführungen von Isabel Mundry, Márton Illés, Enno Poppe, Johannes Kalitzke, Sonja Muti, Peter Evans, Dimitri Kourlianski, Christian Mason, Günter Steinke, Ramon Lazkano und der diesjährigen Porträtkomponistin Chaya Czernowin.
Auch neue Bühnenwerke befassen sich – wie Juli Zehs Roman „Über Menschen“ (2021) – eher mit dem Menschen, wie er gegenwärtig nun einmal ist: unzufrieden, nimmersatt, egoistisch, gewinnorientiert, zuweilen auch nationalistisch und faschistisch. Am 4. April präsentiert das Landestheater Detmold erstmalig Robert Lillingers abendfüllendes Märchenballett „Vom Fischer und seiner Frau“ für großes Orchester in der Choreografie von Katharina Torwesten. Am 11. April hat an der Staatsoper Hannover das Musiktheater „Homo Oeconomicus“ Premiere. Komponistin Andrea Tarrodi und Librettistin Helena Röhr befragen darin die Kernaussage von Adam Smiths politischer Ökonomie, wonach der Egoismus der Einzelnen Grundlage des Wohlergehens aller sei. Zweifel an dieser These sind angebracht. Denn während der Ökonom an seinem Hauptwerk „Der Wohlstand der Nationen“ arbeitete, sorgte seine Mutter für sein Wohlergehen und kochte vermutlich auch an jenem Tag für ihn, als er schrieb: „Nicht vom Wohlwollen des Metzgers, Brauers und Bäckers erwarten wir das, was wir zum Essen brauchen, sondern davon, dass sie ihre eigenen Interessen wahrnehmen.“
Im INTERIM des Staatstheaters Kassel wird am 18. April „Zornfried“ von Philipp Krebs uraufgeführt. Das Musiktheater nach dem gleichnamigen Roman von Jörg Uwe Albig zeigt Rechtsradikale auf einer Burg, wie sie sich bei Wehrsportübungen ertüchtigen, völkische Süppchen köcheln, Verse über Blut und Boden schmieden und kritisch eingestellte Journalisten verstricken. Passend zur neuen deutschen Totalität sickert auch neue deutsche Tonalität ins Orchester, ein toxischer Mix aus Wagner, Nationalromantik, Volksmusik, Schlager und Retro-Kitsch. Während Schönberg einst im neuen Klang den neuen Menschen präfiguriert glaubte, zeigt Krebs’ Horrorszenario, wie heute die neue Rechte mit alten Klängen sich den teutonischen „Übermenschen“ spintisiert.
Weitere Uraufführungen
- 02.04.: Moritz Eggert, Number Nine X: Film für Orchester, Staatstheater Meiningen
- 12.04.: Thomas Larcher, Encapsulations für Streichquartett, Konzerthaus Wien
- 13.04.: Gordon Kampe, Drei Liebeslieder für Stimme und Orchester, Forum der Hochschule für Musik und Theater Hamburg
- 22.04.: Aziza Sadikova, Konzert für zwei Kontrabässe und Kammerorchester, Konzertsaal Gera
- 24.04.: Karola Obermüller/Peter Gilbert, Malina, Musiktheater nach dem Roman von Ingeborg Bachmann, Schwetzinger Festspiele Rokokotheater; Enno Poppe, neues Werk für Sopran, Alt und Orchester, musica viva Herkulessaal München
- 30.04.: Micha Seidenberg, neues Werk für Ensemble Aventure, Elisabeth Schneider Stiftung Freiburg/Br.
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