Hauptbild
Berliner Operngruppe im Konzerthaus. Foto: ©Peter Adamik

Berliner Operngruppe im Konzerthaus. Foto: ©Peter Adamik

Hauptrubrik
Banner Full-Size

Vollmundige Alpen-Exkursion mit Alberto Franchetti: „Fior d'Alpe“ in Berlin bejubelt

Vorspann / Teaser

Helmut Krausser, Autor hintergründiger Romane und Mentor des italienischen Puccini-Zeitgenossen Alberto Franchetti, nannte dessen Oper „Don Buanoparte“ anlässlich der Wiederentdeckung durch das Erzgebirgische Theater Annaberg-Buchholz „eine der besten Opern des 20. Jahrhunderts“. Faszination verpflichtet und Enthusiasmus beflügelt. So zu merken jetzt auch bei der deutschen Erstaufführung von Franchettis „Fior d'Alpe“. 

Publikationsdatum
Paragraphs
Text

Krausser hatte mit dem Komponisten Torsten Rasch das im Zweiten Weltkrieg vernichtete Aufführungsmaterial der 1894 an der Mailänder Scala uraufgeführten Oper rekonstruiert, die Berliner Operngruppe bei ihrem jährlich einmaligen Auftritt im Konzerthaus am Gendarmenmarkt deren Präsentation gewagt und unter Felix Krieger wie zu Donizettis „Dalinda“ (2023) eine Bresche in unbekanntes, aber bedeutendes italienisches Opernterrain getan. So soll und muss es weitergehen mit diesem Projektorchester, dem engagierten Chor unter Steffen Schubert und den immer interessanten Besetzungen. 

Zum Beispiel startete Lidia Fridman nach ihren Auftritten mit der Berliner Operngruppe voll durch. Auch an diesem Abend gab es Überraschungen und Überwältigungen, selbst wenn man Helmut Kraussers pyramidonale Franchetti-Euphorie im Fall von „Fior d'Alpe“ nicht ganz teilen will. Zugleich wurde einmal mehr offenkundig, dass das Verismo-Etikett keine generelle Epochenmarke und nicht einmal ein Hauptmerkmal der Werke von Puccini, Mascagni, Leoncavallo – und hier Franchettis ist. 

Ein bemerkenswertes Stück: „Fior d'Alpe“ zeigt weniger Einflüsse von Wagner als vom späten Verdi, vor allem aber unüberhörbare Bezüge zur ebenfalls im Alpenraum spielenden und nur zwei Jahre jüngeren, auch an der Scala uraufgeführten Oper „La Wally“ von Alfredo Catalani. Wilhelmine von Hillerns Heldin Walburga Stromminger ist bei Catalani weitaus wilder und aus Perspektive von 1892 der Mittelpunkt eines Gegenwartsstücks. Das Libretto von Leo di Castelnovo für „Fior d'Alpe“ spielt 80 Jahre früher in den napoleonischen Freiheitskriegen. Franchettis in den Alpen aufgewachsene Waise Maria entpuppt sich wie Donizettis „Regimentstochter“ als Adelige, kommt unfreiwillig zu einem standesgemäßen Gatten in die Stadt und kann dort ihren mehr als Mann denn als Ziehbruder geschätzten Paolo nicht vergessen. Paolo stirbt an einem Schuss, als er Marias Mann Alfredo deckt und ihm damit das Leben rettet. 

Franchettis Oper kam heraus, als der Alpenraum aus der Perspektive des frisch geeinten Italien noch als exotisch galt und eine Generation früher als zum Beispiel der Komponist Riccardo Zandonai zwar gegen Mussolini, aber für die Italianisierung Südtirols eintrat. Die Freude von Marias Ziehvater Maso an einer Präzisionsuhr im dritten Akt von „Fior d'Alpe“ zeigt vollkommen ironiefrei eine zur Uraufführung endende Zeit, in der dörfliche Kirchturmuhren noch nach geographischem Sonnenstand und nicht nach dem Taktverkehr der Eisenbahn gestellt waren. Also enthält Franchettis schöne Oper doch ein bisschen Naturalismus. 

Auffallend ähnlich sind die Parallelen von „Fior d'Alpe“ zu „La Wally“. Auf fast rauschhafte Melodie-Steigerungen setzte Franchetti wie Catalani heftige deklamatorische Phasen. Seine Instrumentation hat aparte Kontraste. Ländlerhafte Andeutungen und im Gegensatz zu den Seelenlagen idyllische Naturschilderungen schlüpfen aus dem Orchestersatz – von den Solobläsern des Beginns bis zu kühl schwelgenden Streicherflächen. Und von Rossinis Schweizer Kolorit aus „Guillaume Tell“ nimmt Franchetti noch über 60 Jahre nach dessen Entstehung respektvolle und eigenkreative Inspirationen. 

Gläserner Alpenrausch aus Adria- und Riviera-Perspektive 

Es ist klar, dass bei der knappen Probenzeit nicht alles aus Franchettis edel bis trendig gestalteter Partitur hundertprozentig brillant klingen kann. Aber Felix Krieger bekommt mit dem warm pulsierenden Orchester der Berliner Operngruppe den teils weichen, teils kantigen, teils gläsernen Alpenrausch aus Adria- und Riviera-Perspektive so überwältigend hin, dass man sich auf die hoffentlich folgende Weltersteinspielung nach den CD-Desideraten der Berliner Operngruppe mit „Iris“, „Dalinda“ und „Zanetto“ freuen muss. Zumal auch an diesem Abend die Besetzung exzellent bis passend war und in der szenischen Einrichtung von Tabatha McFadyen sich optimal entfaltete. Eduardo Niave als Paolo schluchzt seine Liebe und sein Leid mitreißend heraus, setzt kräftige und schmelzende Tenor-Töne. Von Krešimir Stražanac als Vater Graf, der sich erst kurz vor dem Tod ihrer Mutter wieder um die bei Zieheltern untergebrachte Tochter Maria kümmert, wechselt diese zum Ebenfalls-Bariton-Gatten Alfredo (Irakli Pkhaladze). In beiden hat sie sanglich fachgerechte und doch sie nicht glücklich machende Mustermänner. Sandra Laagus gibt eine feinstimmige Ziehmutter Ghita, Hanseong Yun einen sympathischen Ziehvater Maso. Mit María Belén Rivarola ist endlich wieder einmal eine echt italienische Sopranistin zu hören. Das satte Volumen wirkt sogar größer als das noch lyrische Basismaterial. Ergreifend emotional gestaltet sie ihre zahlreichen Soli, setzt in der Höhe aparte wie exzellente Schärfen statt den in diesem Fach derzeit modischen Dauersamt. 

Einmal mehr italienische Oper vom Allerfeinsten also durch die Berliner Operngruppe! Franchetti, dem der Mentor Krausser seit seiner 2010 erschienenen Doppelbiographie „Zwei ungleiche Rivalen. Puccini und Franchetti“ Kränze windet und Projekte schmiedet, ist vielleicht doch der Spannendere der beiden, auch weil er eine größere Vielfalt der Stoffe hat als Puccini. „Fior d'Alpe“ bedeutet trotz des traurigen Endes einen Reflex auf die halbernste Oper in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und ein Bemühen um ländliche Sujets kurz vor 1900. Vielleicht gibt es ja alsbald einen szenischen Versuch an einem Theater wie Innsbruck oder Bozen. Wer Franchettis „Fior d'Alpe“ kennenlernt, versteht Catalanis „La Wally“ umso besser. Frenetischer Applaus im vollen Konzerthaus.

Ort
Musikgenre