Tatsächlich kam das für europäische Ohren Neueste aus einer sozusagen schon historischen Ecke und hatte sensationellen Erfolg, wiewohl es sich nur um eine Tonbandwiedergabe von Klavierstücken handelte. Der Amerikaner Conlon Nancarrow, 1912 geboren, in Mexiko lebend, selbst in den USA kaum bekannt, hat mit einem eigenwilligen Trick die Grenzen der Instrumentalmusik umgangen. Er schreibt aberwitzige Klaviermusik (in seiner Frühzeit noch hörbar vom Ragtime beeinflußt), in der es von vertracktesten Rhythmen, oft mehreren Geschwindigkeiten gleichzeitig, von vieldutzendfingrigen Akkorden, von unspielbaren Läufen und Figuren wimmelt. Die vollendete Komposition stanzt er mühsam in Lochstreifenrollen, mit denen klanglich verfremdete Pianolas gesteuert werden. Nicht nur virtuose Hexerei wird so mit Hilfe mechanischer Klaviere vorgespiegelt – auch der Kompositionstechnik eröffnen sich neue Möglichkeiten, aus einzeln nicht mehr unterscheidbaren Tönen in rascher Folge entstehen ganz neuartige Klänge.
Vor 50 Jahren: Radio Bremens Festival „Pro musica nova“
Der Kontrast gibt zu denken: Nancarrow, ein vielleicht naiver, aber nicht dummer Musiker, komponiert Neues, findet eine neue Komplexität in abgebrauchtem Klangmaterial Und intelligente Mystagogen beschreiten den entgegengesetzten Weg: zur Reduktion, ja bis zur offenen Infantilität wie bei Charlemagne Palestine, der kettenrauchend auf zwei Klaviere zugleich einhämmert und dabei vor sich auf dem Podium einen aufgeklappten Koffer mit seinen versammelten Teddybären und Stoffpuppen sitzen hat, für die er im Dämmerlicht spielt.
Dietmar Polaczek, Neue Musikzeitung, XXV. Jg., Nr. 3, Juni 1976
Angesichts solcher Ausbeutung des latenten Bedürfnisses nach Irrationalität, eingedenk des Hinweises, daß ein Mitglied der „Prima materia“ eine Doktorarbeit über den Zusammenhang zwischen Musik und Astrologie schreibt (wie denn auch Stockhausen neuerdings mit seiner Tierkreiszeichenmusik für Spieldosen den Aberglauben vermarktet), fragt man sich, ob wir wirklich in einem aufgeklärten Jahrhundert leben. So ganz zu Ende ist das Mittelalter wohl doch noch nicht.
Dietmar Polaczek, Neue Musikzeitung, XXV. Jg., Nr. 3, Juni 1976
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