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Anna Of The North mit dem bezaubernden Album „Girl In A Bottle“

Anna Of The North mit dem bezaubernden Album „Girl In A Bottle“

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Von wegen Distanz

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Neuerscheinungen der Popindustrie, vorgestellt von Sven Ferchow
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Kraftklub +++ Counting Crows +++ Scorpions +++ Anna Of The North

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Wer je versucht hat und daran verzweifelt ist, eigene Pop- oder Rockmusik zu texten, dem bleibt nach der ersten Begegnung mit Kraftklub und dem neuen Album „Sterben in Karl-Marx-Stadt“ nur ein Ausweg: Stift, Papier, Pencil und Tablet einfach an die Wand nageln. Felix Kummer, vielleicht alleine, vielleicht im Ensemble, singt und schreibt auf dieser Platte über den Tod, das Sterben, die Vergänglichkeit, den Augenblick und die Leichtfertigkeit des Lebens in einer Poesie, die weit weg von der ureigenen Begrifflichkeit ist, aber eine neue Schattierung einer anderen Lyrik begründet. Das, liebe Minderheit in Deutschland, gehört in den Lehrplan. Kein Babo-Chabo-Männlichkeitsgebaren im Drogenwahn. „Sterben in Karl-Marx-Stadt“ ist dunkel, oft beklemmend. Wunderbar beklemmend. Aus textlicher Perspektive. Musikalisch eine Art Überschallrockalbum, das pointierte Refrains liefert, das sich in den Strophen mit dem Leben abmüht und trotz vieler tristen Ecken immer wieder den Weg zurück auf die Straße des Lebens findet. Also: Hoffnung. Subjektiv könnte „Sterben in Karl-Marx-Stadt“ kein typisches Kraftklub Album sein. Diesmal muss man sich wirklich reinfuchsen. Es geht schließlich ums Älterwerden. Kein wahrhaftiges, aber ein wahres Album. (Vertigo Berlin)

Mit der eigenen Vergänglichkeit setzen sich auch die Counting Crows auseinander. Begleitend zur sentimentalen, aber sehenswerten HBO-Dokumentation, gibt es das gleichnamige Album „Have You Seen Me Lately? (Songs from the HBO Original Documentary)“. Man braucht nicht die Doku, um zusammenfassend über die Counting Crows sinnieren zu dürfen. Allerdings sprechen die Bilder der Doku eine einfühlsame Sprache und unterstreichen den Status der Counting Crows in den Neunziger Jahren. Jeder Song ein Hit mit Tiefgang und dem Potenzial, eine Generation aufzuwühlen. Selbstverständlich hat jeder diese Gefühlsachterbahnen hinter sich, die Adam Duritz da in „Round Here“, „A Long December“ oder „Rain King“ besingt. „Have You Seen Me Lately?“ entwickelt sich zur eigenen Lebensdoku. Mit Ton und ohne Bild. Und so bleibt nach vielen Jahrzehnten Counting Crows nur eine Erkenntnis: Wir alle sind Adam Duritz. (UMG Recordings)

Dass unsere Zeit auf Erden begrenzt ist, selbst im Rockbusiness, damit kämpfen die Scorpions schon seit den beginnenden 2000er Jahren. Als Gerd-Schröder-Kapelle hatten sie nochmal Aufwind, dennoch tut es weh, die eigenen Idole, diejenigen, die für viele Siebziger-Kinder den Weg in den Hardrock geebnet haben, so zu hören wie auf „Coming Home Live“. Ein „Best of“- Livemitschnitt. Instrumentell Weltklasse. Stimmlich leider kompliziert. Und das sei mit allem Respekt gesagt. Denn Klaus Meine war einst der großartigste Sänger aller Rockklassen. Leider ergeht es ihm wie Jon Bon Jovi oder Axl W. Rose. Es reicht nicht mehr. Der Druck, den die Songs der Scorpions gesanglich brauchen, ist weg. Die Kraft, die Songs wie „Make It Real“ oder „Big City Nights“ einst hatten, klingen 2026 stimmlich eben anders. Natürlich trifft Klaus Meine mehr Töne als jeder Nachwuchsbarde. Und er weiß auch, sein Publikum in den gefährlichen Lagen einzusetzen. Was das Publikum den Scorpions auch schuldig ist. Dennoch sind das nicht mehr die Scorpions, die einst das wegweisende Livealbum „World Wide Live“ veröffentlich­ten und die Ende der Achtziger die alt­ehrwürdige Donauhalle in Regensburg abrissen. Liebe Scorpions, ihr bleibt sensationell, selbst ohne Livealbum. Ihr dürft euch gerne zurücklehnen. Keiner nimmt es euch übel. (Universal Music)

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Anna Of The North mit dem bezaubernden Album „Girl In A Bottle“

Anna Of The North mit dem bezaubernden Album „Girl In A Bottle“

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Dass Leben und Zeitlichkeit immer fragil sind, daran erinnert uns die norwegische Sängerin und Songwriterin Anna Of The North mit dem bezaubernden Album „Girl In A Bottle“. Übrigens schon ihr viertes Album. Ähnlich wie bei Kraftklub sind ihre Texte über Nähe, Entfremdung und Unbeständigkeit sowie ihre anrührenden Melodien in einer wunderbar unheilvollen Konstellation vereint, die magische Momente liefert. Das liegt zweifelllos am klar strukturierten Songwriting, situiert zwischen lakonischer Popmusik, latentem R&B und herrlich undefinierbarer elektronischer Musik, die ohne Weiteres als Soundtrack jeder einzelnen „Miami Vice“-Folge durchgehen könnte. Von wegen nordischer Unterkühlung und Distanz. (PIAS)

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