Wie kann es sein, dass Menschen von sexuellem Missbrauch wissen und trotzdem nichts dagegen tun? Dass Betroffene schweigen, während Täter ihre Karrieren fortsetzen? In der klassischen Musikwelt, in der wenige über die berufliche Zukunft vieler entscheiden, ist diese Frage dringlich.
Donaueschinger Musiktage 2026
Filmkritik zu „Dear Lara“ – Gezeigt bei den Donaueschinger Musiktagen 2026
In „Dear Lara“ erzählt die Geigerin Lara St. John von ihrem eigenen sexuellen Missbrauch und gibt anderen Betroffenen Raum, ihre Geschichten ebenfalls zu teilen. Dabei geht es nicht nur um die Übergriffe selbst, sondern auch um die Machtverhältnisse, die sie begünstigen. Und es geht auch um die Angst vor den Konsequenzen, wenn Betroffene den Missbrauch öffentlich machen. Wer von Förderern, Lehrenden oder Institutionen abhängig ist, riskiert mitunter die eigene berufliche Zukunft. Dass selbst Menschen, die von Übergriffen erfahren, häufig nicht eingreifen, verdeutlicht die Reichweite des Problems.
Wie weit solche Abhängigkeiten reichen, zeigt unter anderem St. Johns Geschichte mit ihrem Bruder, der ebenfalls Musiker ist. Sie hatte den Missbrauch lange verschwiegen – aus Sorge, seine Karriere zu gefährden. Als er vom Ausmaß des Missbrauchs erfuhr, war er schockiert. Dieses Beispiel zeigt, wie sehr berufliche Machtverhältnisse auch persönliche Beziehungen prägen können.
Der Dokumentarfilm verbindet Interviews mit Nachrichtenausschnitten, Zeitungsartikeln und Auszügen aus E-Mails, die St. John im Laufe der Zeit erhalten hat. Dadurch werden individuelle Erfahrungen in einen zeitlichen und gesellschaftlichen Zusammenhang gestellt. Die Vielzahl der Perspektiven macht deutlich, dass es sich keineswegs um isolierte Einzelfälle handelt.
Filmisch ist diese Breite allerdings nicht immer überzeugend. Die Dramaturgie wirkt stellenweise zerfasert, der Fokus geht gelegentlich verloren. Eine Konzentration auf wenige Protagonistinnen und Protagonisten hätte den einzelnen Geschichten mehr Tiefe verleihen können. Auch in Bezug auf die gestalterischen Elemente bleibt ein gewisses Potential unerschöpft. Gelungen ist dagegen die Filmmusik, die teilweise von Betroffenen selbst, darunter auch St. John, eingespielt wurde. Sie unterstreicht die Emotionen der Erzählenden und verleiht ihren Geschichten eine zusätzliche Ausdrucksebene. Gerade aus seiner Authentizität und der Fülle der Berichte bezieht der Film seine Eindringlichkeit.
Eine Zuschauerin brachte diesen Eindruck auf den Punkt: „Man weiß ja, dass sowas vorkommt, aber wenn man so die Personen sieht, die das erfahren haben, ist das nochmal anders erschütternd.“ Die Betroffenen bleiben also keine abstrakten Fälle. Sie erzählen selbst, was ihnen widerfahren ist und welche Folgen das Schweigen für sie hat.
Doch auch der Weg in die Öffentlichkeit ist mit Hürden verbunden. Frauen und Männer, die ihre Erfahrungen teilen, sehen sich mitunter mit dem Vorwurf konfrontiert, zu lügen oder Aufmerksamkeit zu suchen. Es geschieht eine Täter-Opfer-Umkehr, die Betroffene zusätzlich belastet.
Wie weit die Folgen von Missbrauch reichen können, wurde in einer weiteren Rückmeldung zum Film deutlich. Ein Besucher stellte gegenüber: Während Täter teilweise ungestraft davonkommen oder nur wenige Jahre Haft verbüßen, müssen Betroffene oft ein Leben lang mit den Folgen leben. Manche nehmen sich infolge des Erlebten das Leben.
Solche Wortmeldungen zeigen, dass der Film über die Leinwand hinaus zum Nachdenken anregt. Trotz dramaturgischer Schwächen macht „Dear Lara“ Erfahrungen sichtbar, die in der klassischen Musikwelt lange wenig Gehör fanden. Der Film lenkt den Blick dabei auch auf das Umfeld: auf Kolleginnen und Kollegen, Institutionen und Menschen, die von Übergriffen erfahren. Auf diese Weise gelingt es dem Film, die Verantwortung derer zu unterstreichen, die selbst nicht betroffen sind.
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