Musik ist eine Kunst – und jede Kunst hat ein Handwerk, das erlernt werden will. Wie oft haben wir in unserem eigenen Instrumentalunterricht das unromantische und doch so heilig klingende Wort gehört: „noch einmal“. Anleitung wird hier zur Bedingung der Selbstentfaltung, die auf ein späteres Leben ausgelagert wird; zunächst braucht es Disziplinierungsmaßnahmen zwischen Notenlinien, gelebt wird der Exerzierplatz, wenn Musik zu einem militärischen Präzisionssport wird. Schließlich werden die Wege zur Kunst leichter, wenn sie jemand kennt und uns erklärt, wie man sie zu gehen hat. Genau darum scheint Musiklernen vornehmlich aus Anleitung und Instruktion zu bestehen: erklären, vormachen, nachmachen, bewerten – und dann folgt erneut die wohlbekannte Anweisung „noch einmal“.
Musikunterricht als Ermöglichungsraum
Ziel des Unterrichts ist die Erziehung zur Selbstüberwachung, wenn Lernende zum eigenen Aufseher werden und sich eines Spiegels, eines Aufnahmegeräts oder des Metronoms bedienen, um den geforderten Normen ganz zu entsprechen. Geübt wird in der Übezelle, ihr Name verrät alles: Sie ist kein Raum, sondern eine Maßnahme. Man geht nicht hinein, man wird untergebracht. Architektonisch erinnern Übezellen an das Versprechen maximaler Freiheit bei minimaler Beweglichkeit. Ein Stuhl, ein Notenpult, ein Instrument – mehr braucht der optimierbare Musiker nicht, um zu arbeiten, um sich Musik gefügig zu machen.
Und weil der Musikunterricht an allgemeinbildenden Schulen häufig auch aus solchen Anweisungen besteht, wird er schnell zum Selektionsinstrument. Die einen können es, die anderen eben nicht. Wie oft spielen wir im Musikunterricht solche selbsterlebten Szenarien nach, tun wir im Unterricht so, als sei Musik ein IKEA-Regal, das man allein mit Anleitung A bis F zu einem montierten Ausdruck zusammenschrauben kann. Das gilt für alle Handlungsfelder des Musikunterrichts: für die Liederarbeitung nach Papageienmethode, für das reproduzierende Musizieren – alles wird portioniert verfügbar gemacht und Step by Step erledigt, selbst das Hören, Reflektieren und Verstehen erschöpft sich in diesen Steuerungstechniken und Unterwerfungsmechanismen. Heißgeliebt wird Programmmusik, hier wird jedes Abenteuer zur Gebrauchsanweisung. Bereits in der Grundschule lernt das Kind: Hören ist kein privater Akt, sondern eine pädagogisch überwachte Tätigkeit. Das Fagott ist immer der Großvater. Und irgendwo zwischen Donner, Hexensabbat und plätscherndem Bach verschwindet leise der gefährliche Gedanke, etwas anderes hören zu dürfen.
Abfolge korrekter Handlungen
Die eigene Instrumentalsozialisation scheint fest in die DNA vieler Lehrkräfte eingeschrieben. Aus diesem System kommend, werden sie auch im Studium weiter in diese Richtung geeicht. Sie müssen anleiten, als zerfiele sonst das gemeinsame Tun. Sie brauchen Kontrolle, weil sie es gewohnt sind, das Musizieren ausschließlich als Abfolge korrekter Handlungen zu begreifen. Zu tief sitzt der Glauben an Musik als ein vollendetes Werk, das nur durch tadellose Reproduktionen zu erzielen ist. In Schulbüchern und Lernmaterialien spiegelt sich dieses wider: Hier heißt es nicht „du wirst staunen“ oder „du wirst dich verirren und eigenes entdecken“, sondern: „Du wirst erreichen.“ Jede Doppelseite hat ihre klaren Ansagen, jedes Kapitel erscheint als sauber beschriftetes Regalbrett unerschütterlicher Vorhersehbarkeit eines längst vermessenen Territoriums.
Allzu gut passt dies in das System Schule, in ein effizientes System der kompetenzorientierten Förderbänder, wo jedes Zahnrad weiß, wie es sich zu drehen hat, wo man lernt, wie man Lernwege optimiert und Ziele erreicht, die es auf drei Niveaustufen zu operationalisieren gilt. Allzu gut passt dies in Moden der Selbstoptimierung, wo Menschen in die Fänge der nicht mehr kontrollierbaren gesellschaftlichen Leistungsimperative der Selbstüberwachung und Selbstformung geraten, deren harmlose Varianten in Fitnessstudios und während einer Kur zur Ganzkörperentschlackung ausgetragen werden.
Von der Polyphonie der Welt
„Wenn die Welt klar wäre, gäbe es keine Kunst“, behauptet Albert Camus und formuliert damit einen Satz, der nicht behauptet, nicht erklärt, sondern öffnet und nachhallt, wie ein Akkord, der sich nicht auflösen möchte. Wie wäre es, wenn Musikunterricht genau dort beginnen würde, nicht mit einer Antwort, sondern einem Nachhall in das eigne Hören, in ein eigenes Musizieren, in all die Neugier, in ein Staunen, aber auch in all die Fragen und Widersprüchlichkeiten, die ein jedes Staunen begleiten? In seinem Essay „Stress und Freiheit“ beschreibt Peter Sloterdijk, wie René Descartes das „estonnement“ als eine durchaus negative Eigenschaft, als einen zu überwindenden Zustand beschrieben hat, den es durch geistige Anstrengung zu überwinden gelte: „Die Entwicklung unserer Rationalitätskultur hat ihrem Mitbegründer in diesem Punkt beigepflichtet. Sollte sich irgendwo in unserer Zeit noch eine Spur […] des erstaunten Innehaltens vor einem unerhörten Gegenstand bemerkbar machen, so darf man sicher sein, daß sie auf eine Stimme aus dem Abseits oder das Wort eines Laien zurückzuführen ist – die Experten zucken die Schultern und gehen zur Tagesordnung über.“
Die Welt ist nicht klar – sie ist vielstimmig, polyphon, spürbar ist das in jedem Klassenzimmer: Hier treffen unterschiedliche Vorerfahrungen, Klangvorstellungen, Geschmäcker, kulturelle Hintergründe aufeinander. Wie entsteht hier ein Ensemble, in dem jede Stimme zählt, jede Stimme anders ist und dies dabei nicht als Störung, sondern als Reichtum empfunden wird? Harmonie wäre hier kein erzwungenes Gleichmaß, sondern das fragile Gleichgewicht aus Verschiedenheiten. Nur in einer klaren Welt ist alles messbar. In einer unklaren Welt braucht es unerwartete Klänge und viele Stimmen, um das Unsagbare zu berühren und sich darüber zu verständigen.
Vielleicht ist Musik gerade deshalb ein privilegiertes Feld für intrinsisches Lernen, weil sie immer auch unsere eigene Identität berührt. Diese Form der Selbstvergewisserung lässt sich nicht verordnen; sie braucht Freiheit – und vor allen Dingen jene intrinsische Motivation, die wir außerhalb der Schule immer spüren, wenn wir uns in etwas Neues und Unbekanntes hineinbegeben und uns dabei selbst zum Staunen bringen. Doch intrinsische Motivation ist verletzlich. Kinder spüren das schnell, wenn sie ihre Schultüte abgelegt haben und am zweiten Schultag gesagt bekommen, dass nun der Ernst des Lebens beginne. Schnell beginnt die Motivation zu erodieren: Wenn Lernprozesse auf ein Bewertbares ausgerichtet sind, verengen sich die Horizonte, wird das Risiko des Scheiterns größer als die Lust am Experiment.
Damit Lernen nicht Mittel zum Zweck, sondern Teil eines Begehrens wird, gilt es, anzuerkennen, dass die Auseinandersetzung mit Kunst einen Raum öffnet, den die Lernenden nur selbst betreten können. Vielleicht ist es auch die eigentliche musikpädagogische Zumutung, Verantwortung abzugeben, weil nur dann die Neugier im Sog der Klänge stärker bleibt als jede pädagogische Regieanweisung. Solch ein entdeckendes Lernen ist eng verbunden mit dem Namen Jerome Bruner, der davon ausgeht, dass Wissen nachhaltiger wird, wenn Lernende es selbst strukturieren, selbst prüfen, verwerfen und für sich neu zusammensetzen.
So wird Erkenntnis zum persönlichen Fund, wie ein Motiv, das sich erst im Spielen, im gemeinsamen Tun, entfaltet. Für den Musikunterricht erhält diese Idee eine besondere Dringlichkeit, trifft sie doch genau ins Herz des Gegenstands. Solch ein Lernen berührt genau jene Dimensionen, in denen Musik im Musikunterricht ihre Wirkung entfaltet: Musik ist nicht nur ein zu reproduzierender Klang, Musik ist das, was in uns antwortet.
- Share by mail
Share on