Das Kurt-Weill-Fest in Dessau-Roßlau ist ein Erfolgsmodell; das zeigt schon die Auslastung von 91 Prozent bei 74 Veranstaltungen über drei Wochenenden hinweg. Am vorletzten Tag des 34. Jahrgangs luden die Veranstalter Interessierte ins Kurt-Weill-Zentrum. Über die Hintergründe von Programmplanung und Vereinsarbeit sprach Thomas Markworth, Präsident der Kurt-Weill- Gesellschaft, assistiert von der künstlerischen Leitung, Constanze Mitter und Gerhard Kämpfe.
„In Bewegung“ – aber wohin?
Den eher kleinen Anteil an Weill’scher Musik erklärt Markworth mit der quantitativen Begrenztheit von Weills OEuvre angesichts seines frühen Todes mit nur 50 Jahren. Außerdem sprächen die frühen Werke das breite Publikum nicht an. Speziell Interessierte wolle man natürlich bedienen, müsse aber auf die Auslastung achten. Dem Einwand, zahlreiche Musiktheater-Werke seien in Dessau noch nie gespielt worden, kommt Mitter mit dem Hinweis auf das Anhaltische Theater zuvor. Dessen Kooperationsbereitschaft ist offensichtlich begrenzt. Dass sich das vor Jahren personell ausgedünnte Haus im abgemagerten Spielplan Optionen offenhalten will, erscheint verständlich, und ebenso, dass es sich ungern auf komplizierte Verhandlungen mit der New Yorker Kurt Weill Foundation einlässt. Doch mögliche Synergien und Profilierungschancen über die Region hinaus bleiben da auf der Strecke. Die Problematik ist nicht neu. Schon 2009 hieß das Festmotto „Round about Weill“, und in diesem Sinne ließ sich bislang immer ein abwechslungsreiches Programm zusammenstellen. Seit einigen Jahren verfolgt man das Konzept, Weill als Zeitzeugen zu präsentieren. Dazu findet man in der aktuellen Pressemeldung zwei Aspekte. Der eine geht von Weill als jüdischem Komponisten aus, der Unterdrückung, Flucht und Vertreibung erfuhr und zudem (als Einwanderer in die USA) „ein Musterbeispiel für Integration“ darstellt. Der andere folgt den innovativen Impulsen der 1920er-Jahre: „Die Lust am Experiment, die Suche nach Neuem und das Aufspüren der literarischen und musikalischen Qualitäten im Zeitenumbruch.“ Das aktuelle Festmotto lautete „In Bewegung“. Weill sei ein Mensch gewesen, „der Wandel und Vielfalt als Chance begriff“, und ein „Musterbeispiel für Resilienz und Offenheit“. Nach dem gefeierten Auftritt der Sebastian Weber Dance Company im letzten Jahr lag ein Schwerpunkt auf dem Tanz mit Weber selbst als Artist-in-Residence.
Das Motto zeugt von Courage, wie man spätestens Markworths Hinweis auf die kommende Landtagswahl in Sachsen-Anhalt anmerkt, bei der – je nach Wählervotum und Wirkung der Fünf-Prozent-Klausel – ein Sieg der AfD nicht ausgeschlossen erscheint. Der im Januar bekannt gewordene Wahlprogramm-Entwurf der Partei macht klare Ansagen. Der Kampagne „modern denken“ der Landesregierung zum 100-Jahre-Jubiläum des Bauhauses in Dessau setzt man die Losung „deutsch denken“ und „ein neues nationales Selbstbewusstsein“ entgegen. Den Theatern wird pauschal vorgeworfen, sie böten „nur allerseichteste Unterhaltung oder International(istisch)es“. Ohne ein glaubhaftes Bekenntnis „zur patriotischen Grundhaltung“ würden Vereine nicht mehr gefördert. Diktion und Inhalt erinnern stark an nationalistische Kampfbegriffe vor 100 Jahren. Nun positioniert sich die örtliche AfD nicht gegen das Kurt-Weill-Fest. Aber wer vermag die politische Dynamik abzuschätzen? Zu denken gibt eine Episode beim Einstieg am Dessauer Hauptbahnhof in eines der Großraumtaxis, die abends einen Teil des öffentlichen Nahverkehrs bedienen. Ein junger Mann fragt den Lenker, wie man den Sitz der mittleren Sitzbank umlegt, um nach hinten zu gelangen. Der Taxifahrer erledigt das selbst – aber nicht ohne die raubeinige Frage „Bist du ein Deutscher oder kein Deutscher?“ Eine ältere Dame bemerkt freundlich: „Es fährt ja nicht jeder Mercedes“, und ich sage: „Das hätte ich auch fragen können“, worauf eine Art begütigendes Gebrummel antwortet. Sachlich ist die Frage sinnlos, atmosphärisch ist sie beunruhigend, zumal der Fahrer selbst Kollegen ausländischer Herkunft hat, Bauhaus und Kurt-Weill-Fest internationale Touristen anziehen und Dessau-Anhalt einst ein Musterland der Aufklärung mit europäischer Ausstrahlung war. „Schauplatz vernünftiger Menschen – Kultur und Geschichte in Anhalt/Dessau“ nennt sich die Ausstellung im Stadtmuseum, die 2008 eröffnet wurde. Das scheint lange her.
Die ausgewählten Aufführungen ergeben ein interessantes Bild. Dass der Maler und Grafiker Lyonel Feininger, in dessen Meisterhaus die Kurt-Weill-Gesellschaft residiert, strenge Fugen im Bach-Stil schrieb, ist fast nur Insidern bekannt. Auf der Bauhaus-Bühne präsentiert das Klavierduo Lutz Gerlach und Ulrike Mai indessen nur Bruchstücke davon, oft nur bis zum Ende der Exposition, rahmt sie mit gefälligen Jazz-Improvisationen, illustriert sie mit Schwarz-Weiß-Bildern vom geliebten Ostsee-Strand und garniert sie mit einigen wichtigen Schlüsselsätzen zu den musikalischen Arbeiten. Das ist ansprechend, wird aber Feiningers kompositorischen Ambitionen nicht gerecht. Ganz auf Programmheft und Hintergrund-Informationen verzichtet man bei „Heimat und Aufbruch“ mit der Geigerin Liv Migdal und dem Pianisten Mario Härtig. Virtuos und gewissenhaft spielen sie Musik von Mozart, Strawinsky, Hindemith und Ben-Haim. Aber Migdals Introvertiertheit dabei irritiert dann doch ein wenig. Die Kurt-Weill-Gesellschaft betreibt inzwischen vor Ort erfolgreich Konzertpädagogik für Kinder und Jugendliche. Vielleicht kann man auch für die Erwachsenen etwas tun? Die Frage stellt sich auch angesichts der Abschlussvorstellung „Glitz“ der Sebastian Weber Dance Company, die einen Teil des Publikums irritiert. „Die tanzen ja nur für sich“, bemerkt meine Sitznachbarin treffend. Das bleibt zwar nicht so, aber da hat sie schon türenschlagend den Zuschauerraum verlassen. Dass die Truppe sich zwischendurch glitzernden Fummel anzieht und am Ende in dezenter Unterwäsche dasteht, führt teils zu Begeisterung, teils zu Gekicher und Kopfschütteln. Die Wendung ins Publikum am Ende mit individuellen Gesten – schutzsuchend, ratlos, kämpferisch oder siegesgewiss – zeigt, dass etwas auf dem Spiel steht. Vielleicht die Freiheit, für sich selbst und mit anderen Spaß zu haben, in Rollen schlüpfen zu dürfen, sich nicht gegen die Umgebung abpanzern zu müssen?
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