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Helmuth Rilling © Foto: Holger Schneider

Dirigent, Lehrer und Bach-Botschafter Helmuth Rilling © Foto: Holger Schneider

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Die Musikwelt trauert um Helmuth Rilling

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Persönlicher Nachruf von Hans-Peter Stenzl auf unser Ehrenmitglied
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„Musik darf nie bequem sein, nicht mu­seal, nicht beschwichtigend. Sie muss aufrütteln, die Menschen persönlich er­reichen, sie zum Nachdenken bringen.“ Dies war das persönliche Leitbild Hel­muth Rillings, des Dirigenten, Lehrers und Botschafters Bachs in der ganzen Welt, der die Internationale Bachaka­demie Stuttgart 1981 gründete und bis 2013 leitete. Helmuth Rilling ist am 11. Februar im Alter von 92 Jahren in Warmbronn im Kreise seiner Familie verstorben. 

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Die Nachricht vom Tode Helmuth Ril­lings, dem personifizierten Johann Se­bastian Bach des 20. und 21. Jahrhun­derts, erschüttert nicht nur die Musik­welt. Auch wer ansonsten wenig mit klassischer Musik am Hut hat, kennt zumindest den Namen. Die meisten haben ihn auch erlebt, als souveränen Dirigenten, allgemeinverständlichen Musikvermittler, als leidenschaft­lichen kulturellen und politischen Brückenbauer sowie als warmher­zigen Menschen. – „Nicht alle Musiker glauben an Gott, doch alle glauben an Bach“, hat Mauricio Kagel einmal tref­fend formuliert. Es mag neuere, histo­risch fundiertere Kenntnisse in der Auf­führungspraxis gegeben haben – den tiefen, unmittelbaren, spirituellen und leidenschaftlichen Interpretationen Helmuth Rillings vermochte sich kein Hörer mit Herz zu entziehen. Rilling hat sinnlich gekräftigt, bestärkt und nicht selten bekehrt. 

Mein Bruder und ich haben ihn zum ersten Mal live Anfang der 90er-Jahre in Caracas gehört, wo er im ausver­kauften Saal des Teatro Teresa Carre­ño Bachs h-Moll-Messe dirigierte – aus­wendig. Südamerikanisches Tempera­ment und europäischer Humanismus verbanden sich in kosmischer Inten­sität. 

Aber Rilling war nicht nur Bach. Oft durften wir mit ihm und seinen Gächin­gern die Liebeslieder-Walzer von Jo­hannes Brahms musizieren. Schon die launigen Proben in der Bachakademie am Hasenberg waren das reine Vergnü­gen, sein anerkennendes Schmunzeln in den Konzerten über gelungene und nie vorher einstudierte Spontaneitäten werden wir nicht vergessen. Genauso wenig wie unsere Mitwirkung in etli­chen Gesprächskonzerten, diesem von ihm entwickelten und geliebten For­mat, bei dem ihm jedwedes Publikum an den Lippen hing. 

Ein allerletztes Abschiedskonzert, ein gemeinsames Jugendprojekt – na­türlich mit Brahms –, fiel 2020 Corona zum Opfer. Wir werden ihm ewig nach­trauern. 

„Nun, ihr Musen, genug“, heißt es zum Schluss der Liebeslieder-Walzer. Unser aller Mitgefühl gilt seiner trau­ernden Familie. Wir sind dankbar und stolz, dass er auch posthum ein leuchtendes Ehrenmitglied des baden-württembergischen Tonkünstlerverbandes bleiben wird. 

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