3. Tag: Kommunikation findet nicht statt


(nmz) -
07.07.2008

Heute Morgen sprach Manos Tsangaris zu einer komponistenuntypischen Zeit (9.30 Uhr) über ein multimediales Orpheus-Projekt, das er in der Bielefelder U-Bahn initiierte. Normalerweise muß ja Kunst vor äußeren Umständen Halt machen (anders gesagt: wenn die Berliner Philharmonie brennt, müssen die Musiker ausweichen. Die Umkehrung hieße hier: die Musiker stecken die Philharmonie selbst in Brand und/oder: gerade wegen der medialen Präsenz des Brandes spielen die Musiker...), anders bei dem durchaus sympathischen Projekt von Tsangaris (der leider gefühlte zehn Mal versuchte, einen Witz über das morgendliche Bad seiner Präsentations-DVD anzubringen - aber schon da versagte die Kommunikation, weil niemand wirklich verstand, warum man eine DVD baden muß... vermutlich befürchtete er, die DVD würde wegen Verunreinigungen der Oberfläche versagen...): für das Projekt von Tsangaris wurde der U-Bahn-Verkehr einer ganzen Linie für eine halbe Stunde außer Gefecht gesetzt. Wunderbar. Mehr davon. Kunst sollte immer den Vortritt haben.

Bei der anschließenden Präsentation junger Komponisten zeigte mein Kommilitone Niklas Seidl ein Hörspiel vor, bei dem u. a. Toilettengeräusche zu einem verlesenen Lachenmann-Text erklingen. Schade, daß Lachenmann diesmal nicht als Dozent dabei ist. Ich hätte gerne sein Gesicht gesehen.

Anschließend versuche ich die gestrige Provokation von Tsangaris zu kontern (man erinnere sich: Tsangaris fragte gestern einmal lax in die Runde, ob gerade jemand da sei, der sich noch in die wirklich politischen Zeiten der Neuen Musik zurücksehne). Aber obwohl ich mich nicht ohne Polemik ganz deutlich auf seine Äußerung beziehe, bekomme ich keine Reaktion. Kommunikation findet in Darmstadt nicht statt. Eigentlich ein unerträglicher Gedanke. Wahrscheinlich lebe ich tatsächlich 30 Jahre zu spät.

Als daraufhin ein chinesischer Student eine Stilübung als ganz eigene Schöpfung verkaufen will, meldet sich wenigstens mal jemand und fragt, ob es Absicht sei, dass das Stück erst wie Lachenmann, dann wie Free Jazz und dann wieder wie Lachenmann klingt. Geantwortet wird natürlich nicht (meine Vermutung: unser chinesischer Freund hat die Frage nicht verstanden - oder will sie nicht verstehen...), derweil Ferneyhough und Co auf der Bühne ratlos ihren "quasi-Niente"-Gesichtsausdruck abrufen.

Lieber Herr Lücker, das

Lieber Herr Lücker,

das ist ja ganz grausam, was Sie da zu berichten haben. Für jemanden von außen wirkt es so (zumindest für mich), dass man beinahe nur aus Gründen der inneren oder äußeren Komik dorthin kommen sollte. Oder zumindest so, als seien Ihre Texte hier das Aufregenste, was Darmstadt zu bieten hat.

Was mich aber genau interessieren würde, was haben Sie denn dem Tsangaris gesagt?


ich verlinke mal manuell, da

ich verlinke mal manuell, da ich keinen Trackback finde und hoffe wenigstens, dass das Blog html-fähig ist, weiterer Kommentar siehe hier.


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