Ab aufs Hochseil, aber bitte mit Netz – In Dessau ging Emmerich Kálmáns „Zirkusprinzessin“ über die Bühne


(nmz) -
Emmerich Kálmán (1882-1953) gehört zwar nicht zur Goldenen Ära der Operette, aber in der sogenannten Silbernen ist der Komponist einer der Größten. Nicht nur, weil er es mit den adligen Damen hat. Immerhin verdankt er der Csárdásfürstin (1915) und der Gräfin Mariza (1924) seine Unsterblichkeit. Dass man auch mit seinem nicht mehr ganz so populären dritten Welterfolg, den er 1926 mit der „Zirkusprinzessin“ in Wien erzielte, am Ende von den Sitzen reißen kann, erwies sich jetzt am Anhaltischen Theater in Dessau.
19.01.2014 - Von Joachim Lange

Die dreiaktige Zirkusprinzessin, deren Libretto von Julius Barmer und Alfred Grünewald stammt, spielt im St. Petersburg der späten Zarenzeit und im k.u.k Wien. Mit einer ziemlich klassischen Operettenhandlung. Zwei Paare brauchen drei Akte lang, um endlich zueinander zu finden. Mit ein paar Querschüssen durch Maskerade, Betrug und Intrigen. Mit Mutterwitz bei den niederen Ständen und dem Hang zum Edelmut bei den höheren.

Es spielt zwar im St. Petersburger Zirkus Stanislawski, hat aber trotz dieses beziehungsreichen Namens im Grunde keinen doppelten Handlungs-Boden. Dafür gibt es aber ein musikalisches Netz, das alles, was da zu zeitgeistig verstaubt ist und zu sehr nach blitzblankem Operetten-Russland aussieht, auffängt. Und das ist im Graben aufgespannt. Mit schwelgerischen Duetten und schmissigen Ensemblenummern. Wenn auch nicht mit dem ganz großen Hit, der einem nach dem Verlassen des Theaters nicht aus dem Kopf geht, zündet drinnen der pure Kálmán-Schmiss.

Weil die jüngste Neuproduktion des Anhaltischen Theaters auf der Bühne mit Spielfreude und vokalem Luxus typgerecht ausgestattet ist, funktioniert auch diese Operette. Da gibt’s die verwitwete junge Fürstin Fedora Palinska, die ihren eigenen Kopf in Sachen Männer hat, aber auch den großen Auftritt in weißem Pelz und Schwanenschlitten liebt. Rita Kapfhammer adelt sie auch vokal. Und dann ist da jener Mister X, der der Star der Zirkusshow ist, mit der Fürstin als inkognito Baron ein Verhältnis hat, in Wirklichkeit aber der Neffe ihres verstorbenen Mannes ist und sie unerfüllt seit langem liebt. Diesen Fedja Palinski stattet Wiard Witholt wohltönend schmetternd mit seinem Große-Jungen-Charme und mit eleganter Präsenz aus.

Die biographische Konstellation lässt dann auch die operettenunentbehrliche Intrige auffliegen, die sich der abgewiesene Verehrer Fedoras aus Rache ausgedacht hat. Der ist mit Prinz Sergius Wladimir sogar ein Neffe des Zaren. Was Dirk Lohr mit Talent zur Knallcharge und einem Hang zu trottligen Wortspielen (für die Tizian Steffen, als sein Adjutant, die Stichworte liefert) bei jeder Gelegenheit betont. Er will sich für die Zurückweisung dadurch rächen, indem er die Fürstin zu einer Hochzeit mit dem Zirkusstar drängt, um sie anschließend als Zirkusprinzessin bloß zu stellen. Womit er sich natürlich verrechnet, weil das Happyend, bei dem sich alle friedlich vereint an der Rampe zusammenfinden, unvermeidlich ist.

Die Story ist halt so verkorkst und unwahrscheinlich wie in anderen Operetten auch. Regisseur Wolfgang Dosch und sein Ausstatter Stefan Wiel versuchen klugerweise gar nicht erst, daran irgendwas zu retten oder umkrempeln. Es gibt ein Zirkuszelt, ein paar Plakate und Birkenstämme, die auf Russland verweisen, und eine maßvoll opulente Kostümpracht. Mit ausreichend russischem Tuch, aber auch dann passend, wenn das Ganze ziemlich österreichisch klingt. Es wird sogar explizit Wienerisch, wenn der notorische Zirkus- und Artistinnen-Fan Toni Schlumberger (David Ameln serviert ihn mit einer Portion altmodischem Peter-Alexander Charme) von der Donau auftaucht, sich die von ihm angehimmelte Artistin Miss Mabel (Cornelia Marschall) ebenfalls als waschechte Wienerin erweist und obendrein seine Mutter Carla (Kristina Baran), ihres Zeichens Hotelbesitzerin, anreist. Da geben sie sich dann alle, inklusive Oberkellner Faktotum Pelikan (Hasso Wardeck) ziemlich Mühe, Wiener Schmäh zu verbreiten. Was dann doch ziemlich angestrengt klingt. Es ist halt ein Kreuz mit den gesprochenen Einlagen. Aber sei‘s drum, das Netz, sprich die Musik, fängt alles auf, was da ins Stolpern kommt. Und das ist nicht zuletzt, dem Chor- Zirkusvölkchen zu verdanken, das von Tomasz Kajdanskis Ballettartistentruppe effektvoll aufgepeppt wird. Und natürlich der Anhaltischen Philharmonie, die sich unter Wolfgang Kluge mit Lust in das Netz aus Zirkusmusik und Walzer, Csárdás, Foxtrott und Liebesschwelgen fallen lässt. Das Publikum war begeistert über diesen Operettenzirkus.

Nächste Vorstellungen: 25. Januar, 16. Februar, 16. März 2014 www.anhaltisches-theater.de